• vom 14.08.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 09.07.2015, 20:55 Uhr

Afrika

Tunesien: Das Chaos gottgewollter Ordnung




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Von Thomas Veser

  • Tunesiens Altstädte verlieren ihre historische Bedeutung

Golden schimmert Aladins Wunderlampe im rötlichen Widerschein des Schmiedefeuers, das die Werkstätte in ein unwirkliches Licht taucht. Aladin, der auf einem Tisch Metallteile zuschneidet, kann sich in seinem winzigen Reich zwar kaum um die eigene Achse drehen, wie jedoch auf engstem Raum Hunderte von verschieden großen Hängelampen nach dem Verschachtelungsprinzip unterzubringen sind,

muß ihm niemand erklären. Mit bewundernswertem Geschick befördert er an der Spitze einer Holzstange die reichverzierte Wunderlampe von der Decke nach unten und präsentiert sie erwartungsvoll dem  Besucher aus dem Abendland.


Die scherzhaft gemeinte Frage, ob im stolzen Verkaufspreis von 37 tunesischen Dinaren auch ein wunscherfüllender Geist mitinbegriffen sei, läßt gerade noch ein Lächeln über das Gesicht des jungen Mannes huschen. Dem Wunsch nach einem Preisnachlaß kann Aladin, der unversehens in die Rolle des hartgesottenen Verkäufers schlüpft, leider nicht entsprechen. Richtig feilschen will gelernt sein und wer die Usancen in den tunesischen Basaren nicht kennt, gibt sich schnell der Lächerlichkeit preis. Während man auf dem belebten Markt von Sidi Bou Said bei Karthago zum Auftakt dieses uralten Rituals den geforderten Preis getrost durch fünf teilen kann, ruft der gleiche Versuch im Gassengewirr der Medina von Tunis allenfalls grenzenlose Belustigung hervor. Als Gratiszugabe liefert der junge Mann einen bissigen Kommentar in perfektem Französisch: Gewiß hat er ein Universitätsstudium absolviert und nach dem Abschluß, wie die meisten Hochschulabgänger Tunesiens, keine angemessene Stelle finden können. Daß er als Verkäufer zumindest im Umgang mit Europäern auf dem landesuntypischen Festpreis beharrt, zeigt sich, als der Besucher mit gespieltem Bedauern langsam von dannen geht:

Er heftet sich nicht etwa an seine Fersen, um eine neue Verhandlungsrunde anzubieten. Der stolze Aladin verzichtet auf das Geschäft und wendet sich wieder seiner Arbeit zu.

Handel und Handwerk bestimmen in der Medina von Tunis, nach dem marokkanischen Fez mit 87 ha Fläche die größte und besterhaltene Altstadt des nordafrikanischen Maghreb, seit dem 15. Jahrhundert den Lebensrhythmus. Scharf nach Gewerbe getrennt, arbeiteten und wohnten die Handwerker mit ihren Familien in Häusern, die in der Regel nur zum Innenhof hin Fenster besaßen. Jahrhundertelang bildete die

ummauerte Medina mit ihren Souks (Märkten) das verbindliche soziale Bezugssystem, in dem jeder Bewohner bis hin zu den alten Männern, die in ihrer Rolle als Nachtwächter in regelmäßigen Abständen ihren schweren Stock auf den Boden fallen ließen, seinen festen Platz einnahm.

Feste Formen und Strukturen

Das Wort Medina ist in der arabischen Sprache schlechthin der Begriff für "Stadt", deren ideale Verkörperung das saudiarabische Medina darstellt. Ohne Bezug zum Islam, der den altarabischen Stadtgründungen seine festen Formen und Strukturen vorgegeben hat, bleibt die Medina für den Besucher aus dem Westen ein kaum zugängliches Phänomen, ein chaotisch anmutendes Gassengewirr, in dem man zwangsläufig die Orientierung verliert.

In Wirklichkeit ist jede Medina, von der Freitagsmoschee aus, nach unumstößlichen Prinzipien organisiert. Obwohl die Freitagsmoschee in jedem Fall den religiösen Mittelpunkt einer jeden Altstadt  markiert, muß das größte Gebetshaus nicht unbedingt im Zentrum der Altstadt liegen. Die verschiedenen Stadtviertel, durch bisweilen gewundene Hauptstraßen miteinander verbunden, schließen sich rund um die dominierende Freitagsmoschee an. Die Viertel selbst sind in mehrere Gebäudegruppen eingeteilt, häufig endet der Zugang zu den Wohnungseingängen in einer Sackgasse, die genaugenommen nur die jeweiligen Bewohner betreten dürfen.

Jedes Wohnquartier, dessen Haushalte jeweils eine Infrastruktur aus Backofen, Hammam (Bad), Koranschule und Lebensmittelgeschäft gemeinsam benutzen, ist getreu dem Heiligen Buch der Moslems einer bestimmten Gruppe der Gesellschaft vorbehalten. Bei den "Chéchouachis", wie die Hersteller der Chéchias genannten roten Filzhüte in der Altstadt von Tunis heißen, vererbte der Vater das Metier üblicherweise auf den Sohn, der im gleichen Wohnviertel die Tradition fortführte. Als Protokollchef der Medina wacht der unbestechliche "Bach M'harek" noch heute streng über die Qualität der Produkte.

Die vornehmeren Stadtbewohner lebten einst nahe der Freitagsmoschee, wobei die ranghöchste Familie in der Regel das Gebäude am Ende der Sackgasse bewohnte. Je mehr man sich der Stadtummauerung nähert, desto spärlicher wird der Häuserbau; vom Wohnquartier der Stadttore (Bab) aus sind es dann nur wenige Schritte bis zum traditionellen Bauern-Souk, dessen Händler seit jeher ihre Waren außerhalb der Mauern feilbieten müssen.

Wie auch in anderen Ländern des nordafrikanischen Maghreb sind Tunesiens Medinas seit einem Jahrhundert einem zunehmend rasanter ablaufenden Wandel unterworfen. Immer mehr kleinere Medinas nahe der unaufhaltsam vordringenden Wüste im Süden des Landes sind in den vergangenen Jahrzehnten · häufig wegen Wassermangels · aufgegeben worden. Wenn diese Entwicklung anhält, so wird die Medina in

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-08-14 00:00:00
Letzte Änderung am 2015-07-09 20:55:14

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