• vom 10.07.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:55 Uhr

Tiere

Mühsamer Weg ins Meer




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Auf griechischen Stränden belegen Schildkröten und Touristen dieselben Plätze

6.30 Uhr: Sonnenaufgang an Kretas Nordküste. Die ersten Touristen taumeln schlaftrunken aus den Hotelzimmern, um sich schattige Liegeplätze zu reservieren. Der Tag verspricht heiß zu


werden. Drei junge Leuten marschieren am Meeresufer entlang. Mit an den Boden geheftetem Blick steuern sie eines der seltsamen Metallgestelle an, die am Rande des schmalen Strands aufragen. Sie

scheinen etwas zu überprüfen, machen Notizen.

Plötzlich taucht vor ihren Augen ein schwarzer Punkt im Sand auf: ein kleiner Kopf mit langem Hals, eine Flosse, noch eine Flosse, ein herzförmig zugespitzter Panzer. Die winzige Schildkröte

strampelt sich frei, drängt sofort Richtung Meer. Ihr folgt eine zweite, eine dritte. Immer mehr quellen hervor.

Mit sandverklebten Augen und tolpatschigen Bewegungen schleift das kaum 5 cm kleine Junge den dunklen Panzer über den Boden. Die Flossen reichen nicht, ihn hochzustemmen. So wird das Krabbeln

beschwerlich. Jede Unebenheit ist ein Massiv, das erklommen werden muß, jeder Fußabdruck ein Abgrund, in den das Tier hineinstürzt. Still verfolgen die Betrachter sein mühsames Tun.

7 m sind zurückgelegt. Die erste Schildkröte erreicht das Wasser, kämpft gegen die Fluten. Zunächst schwimmt sie auf der Wellenkrone, wird aber brutal ans Land zurückgeschleudert. Irritiert hebt sie

den Kopf, beginnt den zweiten Versuch. Auch dieser scheitert. Endlich taucht sie unter den Wellen durch. Ab und zu lugen noch Haupt oder Flossen aus der Gischt, dann ist der Aufbruch ins Meer und

somit ins Leben geschafft. Ohne vom Muttertier begleitet zu werden, müssen Meeresschildkröten in wenigen Minuten unendlich viel lernen.

Elf kleine Kinder sind aus dem Blickfeld verschwunden. Von jetzt an ist Wasser ihr einziger Lebensraum. Es deckt den Tisch mit Quallen, Seeigeln, Krabben, Schwämmen und Seegras. Caretta caretta

ist die einzige Schildkröte, die an griechischen Stränden nistet. Am Ende ihrer Jugendtage mißt sie 80 cm und wiegt soviel wie ein erwachsener Mensch. Die rotbraunen Vorderflossen sind kräftiger

Antrieb, die Hinterflossen dienen als Ruder. Der stromlinienförmige, enge Panzer bietet wenig Widerstand, hemmt aber auch die Atmung. Zum Glück verkraftet das Blut viel Kohlendioxid und erlaubt lange

Tauchgänge. Sinkt die Temperatur unter 14 Grad Celsius, gräbt sich das Tier im Meeresboden ein.

Einst verschüttete Pallas Athene etwas vom Göttertrunk Ambrosia. Eine Schildkröte trank davon und wurde unsterblich. Die alte Legende spiegelt das Staunen der Menschen früherer Zeiten über

die hohe Lebenserwartung der Tiere wider. Sie übertraf die eigene deutlich.

Heute wissen wir, daß die Caretta 80 Jahre alt werden kann. Doch sie ist verwundbar geworden. Bei stürmischem Nordwind treibt Teer auf die Strände. Erbost scheren sich Touristen das klebrige Zeug von

den Füßen. Rasch versichern Einheimische, daß der Dreck nicht von griechischen Tankschiffen stamme. Die empfindlichen Meeresbewohner kümmert die Urheberschaft nicht - für sie können die Ölrückstände

tödlich sein.

Viele Schildkröten verfangen sich außerdem in den Netzen der Fischer, reißen sich Flossen ab und ertrinken jämmerlich. Küstenfischer, durch industriell arbeitende Flotten unter Druck geraten, machen

sie für beschädigte Fanggeräte verantwortlich. Manche erschlagen verletzte Tiere.

Gefahr aus Plastik

Schildkröten existieren seit 200 Millionen Jahren. Sie haben zugesehen, wie Säugetiere und Vögel entstanden. Sie überlebten das Massensterben vor 65 Millionen Jahren, das zahlreiche Tier- und

Pflanzenarten auslöschte. Die Natur hat es gut mit ihnen gemeint. Die Entwicklung der Kunststoffindustrie konnte sie aber nicht vorhersehen: helle, im Meer treibende Plastiksäcke ähneln Quallen. Sie

werden verschluckt und verstopfen die Gedärme.

In den letzten Jahrzehnten ist der Bestand der Caretta deutlich geschrumpft. 1981 wurde sie zur bedrohten Art erklärt und unter Schutz gestellt. Fangen und töten darf man sie seither nicht. Für den

Erhalt ihres Lebensraum gibt es jedoch keine Garantie.

Im Alter von etwa 30 Jahren erreicht die Caretta Geschlechtsreife. Sie erinnert sich genau an den Weg, der sie einst ins Meer führte. Zum Nisten sucht sie stets den Strand ihrer Geburt auf. Die

Eiablage geschieht nur alle zwei bis vier Jahre und findet in den Monaten Juni bis September statt. Im Schutz der Nacht schleift die Caretta ihren 80 kg schweren Körper ein paar Meter weit ins

Landesinnere. Raubtiere hätten leichtes Spiel, denn schnelle Flucht ist unmöglich. Der schmale Panzer erlaubt es nicht, Kopf oder Flossen einzuziehen.

Über 100 Eier werden vom Weibchen ein paar Dezimeter tief im Sand vergraben. Gleich danach taucht es zurück ins Meer. Wenn Menschen oder Lichter nicht stören, kommt es im Abstand mehrerer

Nächte wieder, um weitere Nester anzulegen. Acht Wochen lang brütet nur die Wärme des Sands die tennisballgroßen Eier aus. Dann schlüpfen die Jungen. Es dauert einige Tage, bis sie sich durch den

Sand nach oben gestrampelt haben. Dicht unter der Oberfläche halten sie inne, um auf das abendliche Absinken der Temperatur zu warten. Sengende Hitze würden die Kleinen nicht verkraften. In der Nacht

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Tiere, Schildkröten

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-07-10 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:55:00


Werbung




Werbung