• vom 26.06.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:55 Uhr

Astronomie

Das Tunguska-Rätsel




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Christian Pinter

  • Noch immer ist nicht ganz klar, was vor 90 Jahren über Sibirien geschah

Am 30. Juni 1908 spielen die Instrumente verrückt. Barometer in England schwanken, zeigen eine Luftdruckwelle, die zweimal um den Globus eilt. Seismometer in Washington zeichnen Bebenwellen


auf. Magnetometer in Irkutsk halten gut vier Stunden lang Variationen des Erdmagnetfelds fest, wie man sie später bei atmosphärischen Atombombentests registrieren wird.

Seit einer Woche sind Sonnenauf- und -untergänge in Europa ungewöhnlich farbig. Um das Tagesgestirn erscheinen hartnäckige Lichtringe. Nachts fällt in den USA geringere Transparenz des Sternenhimmels

auf. Dafür schimmern über Teilen Asiens besonders helle Nachtwolken am Firmament.

Bei Kagarlyk in der Ukraine fällt ein knapp 2 kg schwerer Steinmeteorit zu Boden. 4.000 km weiter östlich in Sibirien zieht ein Lokführer kurz nach 7 Uhr Ortszeit die Notbremse, da heftige Schläge

die Garnitur erschüttern. Über Vanavara an der Steinigen Tunguska schießt eine Feuerkugel fast so hell wie die Sonne Richtung Nordwest. Eine rasche Serie von Donnerschlägen folgt. Fenster bersten,

Menschen werden zu Boden geworfen. Ein Hitzeschwall zieht über sie hinweg. Manchen scheint es, als wäre "der Himmel auseinandergebrochen".

Nördlich der Handelsstation sind nur wenige Nomadenzelte der Ewenken in der Taiga verstreut. Sie werden fortgerissen, Vorratslager zerstört. Hirtenhunde und Rentiere verbrennen. Ganze Herden gehen in

Flammen auf. Menschen sind stundenlang bewußtlos.

Ein Hirte fliegt 12 m durch die Luft, stirbt Tage später an offenem Armbruch. Das Herz eines alten Mannes hört zu schlagen auf. Schwarzer Regen fällt. Der zornige Ewenkengott Ogdy ist mit Blitz und

Donner zu Boden gefahren; das Gebiet wird tabu. Kaum jemand will es noch betreten.

Telegrafenstangenwald

1921 soll der in Tartu geborene Mineraloge Leonid A. Kulik die Meteoritenfälle in der noch jungen Sowjetunion dokumentieren. Dabei stößt er auf alte Zeitungsberichte, die vom längst vergessenen

Vorfall in der Tunguska erzählen. Im März 1927 bricht er zur Expedition auf. Mit Transsibirischer Bahn und Pferdeschlitten geht es zunächst nach Vanavara. Von dort aus kämpft er sich mit Pferden,

Rentieren und Flößen Kilometer um Kilometer durch die Taiga vor.

Als er endlich 90 km geschafft hat, wird das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe offenbar. Auf 2.000 km² · das entspricht der fünffachen Fläche Wiens · ist der Wald kahl geschlagen. Millionen

gefällter Bäume bedecken den Boden. Sie weisen meist zum selben, zentralen Punkt.

In der Mitte des Terrains blieben die Riesen jedoch stehen. Ihrer Äste beraubt ragen die Stämme wie Pfähle in den Himmel. Dieser "Telegrafenstangenwald", notiert Kulik, ist von oben her versengt

worden; kein Waldbrand, sondern ein atmosphärischer Hitzeblitz muß verantwortlich zeichnen.

Kulik dokumentiert das gespenstische Bild. Die Fotografien helfen, weitere Expeditionen zu finanzieren. Immer wieder suchen Kuliks Männer nach eindeutigen Beweisen eines Meteoritentreffers. Runde

Eintiefungen im Boden, zunächst für Einschlagskrater gehalten, stellen sich als Sumpflöcher heraus. Zu Kuliks Überraschung fehlen Meteoritenfragmente völlig. Was immer die Katastrophe auslöste · es

hat sich in Luft aufgelöst.

Der österreichische Geologe Franz E. Suess kennt Kuliks Berichte. Er glaubt 1937, daß ein Meteorit, ohne den Boden zu berühren, an den dichtesten Luftschichten abgeglitten und wieder ins All

zurückgekehrt sei. Allein die Druckwelle hätte den Wald vernichtet. Andere Forscher meinen, ein kleiner Komet wäre über der Tunguska explodiert.

Zündung über Grund

Der Zweite Weltkrieg unterbricht die Forschung. Kulik stirbt 1942 in einem deutschen Gefangenenlager. Drei Jahre später machen Atombomben Hiroschima und Nagasaki dem Erdboden gleich. Der erste

sowjetische Wissenschafter, der die zerstörten Städte besucht, erkennt Ähnlichkeiten mit dem Tunguska-Ereignis.

Doch unter dem Eindruck der Radioaktivität zieht er 1946 den falschen Schluß. Er glaubt, ein außerirdisches Raumschiff mit Nuklearantrieb wäre über der Taiga explodiert. Allerdings finden sich dort

keine Spuren von Radioaktivität.

Später werden immer wieder exotische Erklärungsversuche für das Tunguska-Rätsel auftauchen: manche sprechen von der Kollision mit einem Brocken aus Antimaterie, andere vom Einschlag eines winzigen

Schwarzen Lochs. Die eine Spekulation macht explodierte Sumpfgasblasen verantwortlich, die andere begnügt sich mit einem schweren Erdbeben. Doch stets fehlen brauchbare Indizien.

Tatsächlich gibt es Parallelen zwischen dem Angriff auf Hiroschima und Nagasaki und den Geschehnissen an der Steinigen Tunguska. Die US-Atombomben wurden mehrere hundert Meter über Grund gezündet.

Die Mauern der Handelskammer von Hiroschima, direkt unter dem Zündungspunkt gelegen, trotzten der Zerstörung. Sie finden ihre Entsprechung im "Telegrafenstangenwald", der aus dem Zentrum der

verwüsteten Taiga ragt. Immer kam der tödliche Schlag aus der Luft. Hitzeblitz und Druckwelle wirkten von oben.

Heute sind sich fast alle Forscher einig, daß im Himmel über der Tunguska tatsächlich eine Bombe detoniert ist. Sie stammte allerdings aus dem All und zählte zu jenen abertausenden kleinen Objekten,

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Astronomie, Sibirien, Meteore

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-06-26 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:55:00


Werbung




Werbung