• vom 20.05.1998, 14:37 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:56 Uhr

Astronomie

Ostsibirische Narben




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Von Christian Pinter

  • Vor 50 Jahren regnete es über der Taiga Eisen vom Himmel

Nach einer Woche Fahrt arbeitet sich die schwere Diesellok von Chabarowsk endlich Richtung Süden vor - zum fernen Ziel, dem Hafen Wladiwostok. Die Gleise folgen dem Westrand des Sichote-Alin-Gebirges, das die letzte Barriere vor dem Pazifik bildet. Dort endet Sibirien. Gäbe es die Transsibirische Eisenbahn nicht, befände man sich an der Peripherie der Peripherie.


Vor 50 Jahren war das nicht anders. Doch am 12. Februar 1947 regnete es hier 100 t Eisen vom Himmel. Es hinterließ Narben in der Taiga.

Feuerball Ein klarer Wintermorgen. Der Künstler Medvedev möchte Motive der Stadt Dalnerecensk malen. Kaum ist die Staffelei aufgestellt, blendet ein greller Blitz seine Augen. Ein Feuerball schießt von Nord nach Süd, wetteifert mit dem Glanz der Sonne. Während er den Himmel teilt, wandern die Schatten erstarrter Passanten über den Boden. Nach fünf Sekunden verschwindet der Spuk hinter den Bergen.

Dann folgt eine Serie markerschütternder Donnerschläge. In einer Bäckerei fliegt der Verschluß des Ofens auf, heiße Kohle prasselt auf den Boden. Wie von Geisterhand öffnen sich Türen. Fenster bersten, Verputz bröckelt von den Wänden. Einige Bewohner verkriechen sich in ihren Holzhütten, fürchten einen amerikanischen Atombombenangriff. Andere stürzen ins Freie, erblicken eine mächtige Rauchspur am Himmel, die noch stundenlang an das dramatische Geschehen erinnert. Medvedev hält die dunkle Säule fest.

Tage nach dem seltsamen Vorfall überfliegen Piloten den Westhang des Gebirges. Etwa 75 km östlich von Dalnerecensk machen sie umgestürzte Bäume und herausgeschleuderte Erde aus, die sich deutlich vom Schnee abhebt. Selbst Augenzeugen des Feuerballs, erstatteten die beiden in Chabarowsk Report. Mit Mitgliedern der Geologischen Gesellschaft kehren sie zurück. Da man in der dichten Taiga keinen Landeplatz findet, wird die Maschine 10 km südlich zu Boden gesetzt. Drei Tage lang kämpft sich die kleine Expedition durch tiefen Schnee und beinahe undurchdringlichen Wald.

Am 24. Februar stößt man auf abgeschlagene Äste und gespaltene Stämme, auf Felstrümmer und Erdbrocken. Ein 27 m weites und 6 m tiefes Loch mit leicht erhöhtem Wall tut sich auf. Im Chaos zerstörter Bäume stolpern die Männer über 33 weitere, kleinere Kessel. In einem findet man den ersten Eisenmeteoriten. Kein Zweifel: Dies ist eine Sammlung von Meteoritenkratern, die der spektakuläre Feuerball zwei Wochen zuvor geschlagen hat. Nie zuvor haben Menschen von der tatsächlichen Entstehung eines Kraterfelds berichtet.

Zwei Monate später trifft eine weitere Expedition ein. Mit dabei ist der erfahrene Mineraloge E. L. Krinov. In den zwanziger Jahren war er mit Leonid Kulik in die Steinige Tunguska vorgedrungen, wo sich am 30. Juni 1908 eine gewaltige, rätselhafte Explosion ereignet hatte. Immer wieder muß er seine Erlebnisse schildern: Er war damals vor 2.000 km² verwüsteten Waldes gestanden, hatte jedoch weder Krater noch Meteorite gefunden. Vielleicht, so erzählt er, war dies alles Folge eines Kometentreffers. Selbst aus Eis bestehend, könnte sich die Tatwaffe aufgelöst haben. Krinov ahnt nicht, daß das Tunguska-Rätsel auch Ende des 20. Jahrhunderts nicht eindeutig gelöst sein wird.

Wie Schrapnelle Im Vergleich zur Steinigen Tunguska wirkt Sichote-Alin zunächst wie ein offenes Buch. Nur der dichte Urwald behindert die Männer. Krinov läßt ihn sorgsam durchkämmen. Jeder Krater wird vermessen, Position, Durchmesser und Tiefe werden festgehalten. Die Männer müssen den Fundort jedes einzelnen Meteoriten notieren. Selbst die Lage umgestürzter Bäume zeichnet Krinov auf. Man zählt nun 122 Krater mit mindestens einem halben Meter Durchmesser. Dazu kommen dutzende kleine Gruben, deren Entstehung nicht immer klar ist.

Rasch gelangen die Forscher zu einem widersinnigen Befund. Eigentlich muß die beim Aufprall freiwerdende Energie mit der Masse des Geschoßes steigen. Mächtigere Meteorite müssen größere Krater schlagen. Hier scheint es umgekehrt: Je weiter die Krater, desto kleiner die darin ruhenden Geschoße. Die Natur steht Kopf.

Man findet eine plausible Erklärung. Die höhere Aufschlagsenergie ließ schwere Meteorite wohl größere Krater schaffen, zerriß die himmlischen Geschoße aber dabei. Wie Schrapnelle schossen ihre Bruchstücke durch die Taiga, köpften Wipfel, schlugen Äste ab, schrafften an der Rinde vorbei oder blieben in den Zedern stecken.

Die Eisenfragmente haben scharfe Ränder, die sich wie Klauen wegbiegen. Doch plötzlich hält Krinov ein exotisch wirkendes Exemplar hoch, das sich deutlich von den anderen unterscheidet. Es wiegt 11 kg und besticht mit seiner glatten Oberfläche. Scharfe Kanten gibt es nicht. Solche Himmelseisen mit offensichtlichen Schmelzspuren hat Krinov schon früher studiert. Es handelt sich um kleinere Meteorite, die beim Aufprall unzertrümmert geblieben sind. Sofern sie in Sichote-Alin überhaupt Krater schlagen konnten, bleiben deren Durchmesser meist unter 2 m. Die blaugrauen Einzelstücke sind viel seltener als die scharfkantigen Fragmente.

In den folgenden Jahren durchstreift Krinov mehrmals das Kraterfeld. Offenbar sind alle Meteorite innerhalb einer 1x2 km großen Streuellipse angeordnet, deren Hauptachse nach Südsüdost weist. Krinov leitet daraus die vermeintliche Flugrichtung des Feuerballs ab. Später wird die Suche von Krinovs Nachfolger, Valentin Tsvetkov, ausgeweitet. Er vergrößert die tatsächliche Streuellipse auf 4x12 km und korrigiert ihre Ausrichtung auf Südsüdwest.

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Schlagwörter

Astronomie, Meteorite

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-05-20 14:37:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:56:00


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