• vom 06.06.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:55 Uhr

Fußball

Der Hexer von Gzira




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Von Uwe Mauch

  • Alexander Svoboda war in den dreißiger Jahren Maltas Fußballidol

"Da, schauen S'!" Kaum hat der alte Mann sein liebstes Fotoalbum aufgeschlagen, schon tippt sein Zeigefinger auf ein Schwarzweißbild, das ihn als geschmeidigen Goalkeeper zeigt.


"Dezember '35, mei' erstes Spül auf Malta." Auf dem damals schon hartgetretenen Erdboden des Gzira-Stadions. Dort, wo 42 Jahre später Krankl, Prohaska und Co. auf ihrem Weg nach Cordoba

(Argentinien) fast gestolpert wären. Wo heute Unkraut wächst und wo morgen vielleicht ein Einkaufszentrum stehen wird.

Schon hat sich der Alte von seiner Gemeindewohnung in Wien-Erdberg entfernt. Schon ist er mit seinen Gedanken nur mehr im Malta der dreißiger Jahre. Auf der kleinen Mittelmeerinsel hat er Geschichte

geschrieben, Sportgeschichte.

Im Morgengrauen des 17. Dezember 1935 landet Alexander Svoboda im Hafen von La Valletta. Als der damals gerade erst 17jährige ein wenig seekrank von Bord der "Knight of Malta" geht, sieht er auf dem

Kai eine ansehnliche Menschenmenge stehen.

Daß die "Swubu!-Swubu!"-Rufe ihm gelten, wird der junge Mann im Trenchcoat, das Haar streng nach hinten gekämmt, erst auf dem Weg zum Zollgebäude erfahren.

Zwei Tage später streift der Fußballer aus Simmering zum ersten Mal das Tormanntrikot des Hibernian Athletic Clubs über. Sein erstes Spiel sollte er, der Zufall wollte es so, gegen die auf

Weihnachtstournee befindlichen Spezln von der Admira bestreiten. Als er das Spielfeld des mit 16.000 erwartungsgeladenen Zuschauern restlos ausverkauften Gzira-Stadions betritt, hört er es wieder:

"Swubu! Swubu!"

Der als Held Begrüßte hält, was sich die Fußballfans auf der Insel von ihm versprechen. "Erste Halbzeit habe ich fünf, sechs Hundertprozentige zunichte gemacht", erinnert sich der bald

80jährige an seine Nagelprobe als Legionär.

Jedes Eingreifen wird beklatscht. Erst als ihn kurz nach Seitenwechsel der Ellbogen des Admiraners Willi Hahnemann zu Boden streckt, muß Svoboda vom Platz. Die Zeitungen berichten am nächsten Tag

ausführlich, auch, daß der Ersatzmann des Wieners in der letzten halben Stunde noch vier Gegentreffer hinnehmen muß. In den Kommentaren taucht der Hexer von Gzira auf.

"Das Engagement von Svoboda war mit dem goldenen Zeitalter des maltesischen Fußballs verbunden", doziert der Wiener Fußballhistoriker Matthias Marschik, der erst auf der Insel und dann in

Svobodas Wohnung akribisch recherchiert hat. "Der Alexander war der beste Tormann, den sie in Malta je gesehen haben", bestätigt auch Svobodas deutlich jüngere Frau.

Ihr Mann war kein Irrläufer. In den drei Spielsaisonen von 1935 bis 1938 tauchten etwa 20 Wiener Fußballer im Hafen von La Valletta auf. Einige auf der Flucht vor dem Faschismus, alle in der Hoffnung

auf ein besseres Leben.

Daß einer der Wiener Fußballemigranten noch am Leben ist, hat Marschik erst bei seinen Unterredungen in Valletta und Sliema erfahren, als greise Gesprächspartner von ihm wissen wollten: "What

happened with Svoboda?" Der Arzt hat ihm geraten, nicht mehr nach Malta zu fliegen. Erzählt Svoboda traurig. Seine Augen würden den Druckunterschied in der Flugzeugkabine nicht mehr vertragen. Auch

seine Knie spielen nicht mehr mit. Sagt seine Frau. So bleibt dem alten Mann nur noch die Erinnerung: an die schönsten Jahren seines Lebens.

Bereits mit 16 spielt er für Simmering in der ersten Mannschaft. Auf Einladung des legendären Rapid-Sektionsleiters Dyonis Schönecker darf er auf der fußballheiligen Pfarrwiese in Hütteldorf ein

Probetraining absolvieren.

Die Augen des Seniors leuchten. Der Transfer zu Rapid scheitert zwar. Zu stark und zu bekannt sind die Konkurrenten im Kampf um das Einserleiberl. Dafür bietet ihm einer der damals schon zahlreichen

Spielervermittler einen Verein auf der Mittelmeerinsel Malta an. "Der Sesta Karl, der dazumals im Wunderteam g'spült hat, hat zu mir im Kaffeehaus g'sagt: ,Duart is' schee, duart scheint die

Sunn'. Duart gehst hin, Bua!'"

Neben dem Fotoalbum liegt ein vergilbtes Stück Papier, darauf steht geschrieben: Vertrag zwischen dem Ausschuß des Hibernian Athletic Clubs von Casal Paula, Malta, einerseits und Alexander Svoboda,

Wien, Österreich, anderseits.

Die Malteser bieten acht Pfund Sterling pro Monat, Siegprämien extra. In Simmering hat der junge Fußballer nach jedem Spiel gerade fünf Schilling bekommen · bei Regen zusätzlich zwei Fahrscheine.

Svoboda muß nicht mehr lange überlegen, er unterschreibt. Seiner Mutter erzählt er von einer Kurztournee in die Tschechei. Am nächsten Tag wird er von seinem Agenten im Kaufhaus Ferstl auf der

Mariahilfer Straße neu eingekleidet: Hemd, Unterhose, ein Paar Socken, Schuhe, Anzug, Trenchcoat, Koffer, Kappe. Mit 200 Schilling im Geldbörsel fährt er zum Südbahnhof.

Sorgfältig hat Historiker Marschik in der Nationalbibliothek von Valletta Zeitungsartikel über Svoboda kopiert. "A brilliant save", steht unter einigen Pressebildern, die den Wiener Goalkeeper in

akrobatischen Aktionen zeigen. Der Anblick seiner Fotos macht den 80jährigen Mann wieder jung. Er erzählt, als wäre es gestern erst gewesen.

Vom Café National, wo der junge Spund aus Wien beim Frühstück die englischsprachigen Zeitungen durchblättert und dabei lernt, was ihm zuvor die Hauptschule verwehrt hat.

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Schlagwörter

Fußball, Sport

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1998-06-06 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:55:00

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