• vom 15.05.1998, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:57 Uhr

Europa

Rußland: Mehr Däumling als Riese




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Von Andreas Rasp

  • Warum ein integriertes Europa Rußland nicht auf Dauer ausschließen kann

Rußland hat vor einiger Zeit den Wunsch geäußert, in einer nicht näher beschriebenen Zukunft der EU anzugehören. Zumindest in Deutschland stieß dieser Wunsch nicht auf völlige Ablehnung;
Helmut Kohl ließ verlauten, daß er sich auf längere Sicht zumindest ein Naheverhältnis durchaus vorstellen könne. Im Allgemeinen weckte jedoch der Gedanke, daß Rußland irgendwann einmal ein fester


Teil eines integrierten Europas sein könnte, zumindest irritierte Zurückweisung, wenn nicht amüsiertes Unverständnis. Werden die Argumente für diese Haltung jedoch näher geprüft, so zeigt sich, daß

diese Ablehnung eher emotionell als sachlich begründet ist.

Eine verbreitete Vorstellung geht von einer unüberwindlichen Trennung zwischen dem "lateinischen" Westeuropa und dem byzantinisch-slawischen Osteuropa aus. Demzufolge dürfe die Ostintegration die

Grenze zum byzantinisch geprägten Raum nicht überschreiten und müsse daher etwa an den Ostgrenzen der baltischen Länder, Polens, Ungarns und Kroatiens enden.

Diese Vorstellung ist allerdings unhaltbar. Mit Griechenland ist bereits ein Teil des byzantinischen Kulturraumes Mitglied, weitere Länder werden folgen. Und schließlich wird über die zukünftige

Eingliederung islamischer Länder wie der Türkei oder sogar Marokkos in die EU nachgedacht. Gehören solche Länder nicht einem noch viel fernerstehenden Kulturkreis an? Wer Rußland wegen seiner

Zuordnung zum byzantinischen Kulturkreis nicht in einem vereinigten Europa haben will, müßte logischerweise für den Ausschluß Griechenlands aus der EU votieren.

Im großen und ganzen neigen die meisten Westeuropäer dazu, die Andersartigkeit Rußlands überzubetonen und die vielfältigen Verflechtungen und Gemeinsamkeiten der westeuropäischen mit der

russischen Geschichte zu übersehen. Der Blick bleibt eher am Fremden und Exotischen, am Erschreckenden und Irritierenden haften und nimmt das Gemeinsame gar nicht wahr. Es wäre falsch, ein zu enges

Bild der europäischen Identität zu pflegen. Es gibt sehr wohl gemeinsame Wurzeln der Ost- und Westeuropäer, nämlich die Antike und das Christentum. Auch spielte Byzanz eine wesentliche und weithin

unterschätzte Rolle bei der Herausbildung der westeuropäischen Zivilisation; so hätte es ohne die Vermittlung der antiken Bildung durch byzantinische Gelehrte keine Renaissancekultur in Italien

gegeben.

Ebenso hat speziell Rußland, beginnend mit den Reformen Peter I. große Anstrengungen gemacht, sich die westeuropäischen Errungenschaften anzueignen. Diese Bestrebungen haben trotz aller

Gegentendenzen und Katastrophen Rußland in einem Ausmaß verwestlicht, das in Westeuropa weitgehend unterschätzt wird. Der Grad dieser Verwestlichung muß nämlich an der Ausgangsbasis gemessen werden:

der patriarchalen Agrargesellschaft, in der die Masse der Russen bis weit ins zwanzigste Jahrhundert hinein lebte, dem langandauernden Feudalismus und dann der Stalinschen Diktatur.

Rußland, so wird eingewandt, besteht zum großen Teil aus Sibirien und ist daher eher ein Teil Asiens als Europas. Die Begrenzung Europas am Ural ist allerdings eine willkürlich getroffene Konvention.

Ostrußland und Sibirien bilden in Landschaft, Naturbeschaffenheit und durch die russische Besiedlung auch in der Bevölkerung eine Einheit.

Außerdem ist auch die heutige EU nicht exakt auf Europa beschränkt. Frankreich hat einige Überseedepartments, die aber als fester Bestandteil des Mutterlandes gelten; kann man ernsthaft behaupten,

daß Martinique oder Neukaledonien eher zu Europa gehören als Barnaul oder Chabarowsk? Zu Spanien gehören die Presidios Ceuta und Mellilla in Marokko · gewiß ein Teil Afrikas, ebenso die kanarischen

Inseln. Abgesehen davon würde der Beitritt der Türkei oder anderer interessierter Länder im Mittelmeerraum den geografischen Rahmen der EU noch viel stärker ausweiten als Rußland es je könnte.

Angst vor Dominanz

Eine große Angst besteht auch darin, Rußland würde Europa dominieren. Das wäre allenfalls dann zu befürchten, wenn Europa zersplittert ist. Rußland ist wohl stärker als jedes einzelne Land

Westeuropas, aber sehr viel schwächer als die EU insgesamt. Auch das natürliche Übergewicht Rußlands ist keineswegs so gewaltig, wie es manchmal erscheint. Rußland würde nur etwa ein Fünftel der

Bevölkerung stellen, wenn wirklich ganz Europa vereinigt ist; ein geringerer Anteil als heute Deutschland an der EU hat. Die reine Bodenfläche besagt wenig. Schweden ist größer als Deutschland, und

Finnland größer als Italien · aber das hat auf das relative Gewicht dieser Länder keinen Einfluß.

Auch muß die ökonomische, wissenschaftliche und potentiell auch militärische Überlegenheit eines vereinigten Westeuropas gegenüber Rußland berücksichtigt werden. Den meisten Westeuropäern ist gar

nicht klar, daß sie nicht der David sind, der dem russischen Goliath gegenübersteht. In Wahrheit ist Rußland im Verhältnis zur EU eher der Däumling im Schatten des Riesen.

Es mag sein, daß die Integration ganz Osteuropas und insbesondere Rußlands das Schwergewicht Europas ein gutes Stück weiter nach Osten verschieben wird. Manchmal wird auch schon davon gesprochen, daß

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Schlagwörter

Europa, Rußland

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1998-05-15 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:57:00

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