• vom 20.05.1998, 16:23 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:56 Uhr

Theater

Die Dressur des Zwerchfells




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Von Von Beppo Beyerl

  • Wie die Clowns in die Manege kamen

Lachen ist befreiend. Kathartisch, hätten die alten Griechen gesagt, denn sie wußten um die Auswirkungen zwerchfellerschütternder Komik Bescheid. Junge Männer hielten sich während der orgiastischen Dionysos-Feste Ziegenmasken vor den Kopf, um als transformierte Satyren ungezügelt ihre derben Witze treiben zu können. Und das Pantomimenteam Bathyllos und Pylades wurden durch einen Sketch bekannt: Leda wird von einem Schwan olympischer Herkunft verführt.


Bei den Römern - die Katharsis blieb ihnen zwar ein Fremdwort, dennoch fanden sie so manches "ridiculus" - waren zwei clowneske Typen etabliert: Einerseits trat in den Komödien der "mimus albus" auf, der "weiße Mime" - von nun an sollte Weiß die Gesichtsfarbe der Clowns und Narren werden. Und anderseits trieb auf Märkten und öffentlichen Plätzen der "Centunculus" seine derben Späße. Hose und Jacke waren aus vielen Fetzen zusammengeflickt, seine komische Wirkung wurde dadurch gesteigert, daß er ohne Schuhe und ohne Haare auftrat. Der Ausdruck Centunculus leitet sich übrigens vom "Hundertfleck" her und ist keinesfalls die Verkleinerungsform von "Centurio".

Sprachlich führte das spätlateinische "colonus" (Bauer) über das altenglische "colon" zum Clown. Demnach müßte sich die Figur des modernen Clowns aus dem tölpelhaften Lümmel entwickelt haben, der in jede Falle purzelt, die man ihm stellt.

Doch Entwicklungen sind nie geradlinig und monokausal. Die Maskierung des modernen Clowns zeichnete sich zum ersten Mal in den altenglischen Mysterienspielen ab. Dort kämpften die Seelen der Verstorbenen gegen allerhand böse Mächte, etwa gegen das Fegefeuer oder gegen den Teufel. Die Seelen der Verstorbenen - also die Toten - wurden von Männern gespielt, die ihre Gesichter mit weißer Farbe schminkten und ihre Haare zu drei roten Zöpfen oder Büschel banden, wobei die Zöpfe die Flammen des Fegefeuers symbolisieren sollten. Diese toten Seelen kämpften mit dem Teufel oder besser mit vielen Teufeln, diese "Raufhändel" waren mit derben Späßen und artistischen Einlagen gespickt. Der Clowntyp mit drei spitzen, verschieden gefärbten Haarschöpfen sollte sich übrigens bis ins 20. Jahrhundert erhalten, ehe er vom Typus mit der weißen Zuckerhutmütze abgelöst wurde.

Auch die plebejische Variante des Clowns - geflickte Gewandung, fehlendes Haupthaar - kommt in den altenglischen Mysterienspielen vor: In der Gestalt des "Lasters", die dem Clown nunmehr die Konnotation "diabolische Verzerrung" beifügen sollte.

In den großen Theaterstücken der Shakespeare-Ära war der Clown bereits bühnentauglich. Beim Meister selbst taucht er einerseits als Wortwitz versprühender und Gedankenblitze schleudernder "Fool" auf. Er darf seinem Herrn und Meister in der Tradition des Hofnarren den Spiegel vorhalten und ihn manchesmal auch beschimpfen, weiß aber um die Wirkungslosigkeit seines Treibens Bescheid.

Auch der plebejische Clown kommt bei Shakespeare vor. Hat der "Fool" eigentlich keine dramaturgische Funktion, so ist der diabolische Komiker sehr wohl in die Handlung eingebettet: Als Totengräber im "Hamlet", als Pförtner im "Macbeth". Shakespeare kennt die Gesetze der Spannungskurven sehr genau: An besonders erschütternde Ereignisse - dem Selbstmord Ophelias, dem Mord an Duncan - hängt er drastische Rüpelszenen, in denen der Totengräber mit Hohlköpfen jongliert und den Tod als Erlöser begrüßt.

In verschiedenen Ländern haben sich im Mittelalter verschiedene "komische Typen" und verschiedene Darstellungsmethoden entwickelt: Die Hanswurste, Bajazzos und Harlekins hüpften meist auf Wanderbühnen mit noch nicht fixierten und improvisierten Szenenfolgen auf jenen Brettern, die ihnen die Welt bedeuteten. In anderen Ländern - vor allem in Deutschland - wurde das Stegreiftheater scharf unterbunden: Bekannt ist das Verdikt von 1737, mit dem Johann Christoph Gottsched in Leipzig die Figur des "Hanswurst" vom Theater verbannte. Im bedeutungsüberladenen Bildungstheater der deutschen Klassik hatte der "Fool" keine Chance: So wurde am 8. April 1808 eine von Johann Wolfgang von Goethe verfaßte "Hausordnung" für das Weimarer Theater veröffentlicht, in der so ziemlich alles verboten wurde. Punkt 6: "Untersagt wird das Hin- und Herlaufen während des Probierens einer Szene." Punkt 9: "Das Applaudieren und laute Lachen der zuschauenden Schauspieler und Schauspielerinnen ist untersagt."

Die berühmtesten Wanderbühnen zogen durch Italien. Auf der Bühne agierten bereits fest umrissene und konturierte Typen - etwa der "Pantalone" aus Venedig, der "Dottore" aus Bologna und der "Arlecchino" aus Bergamo. Zusammen mit dem prahlenden "Capitano" und der reschen "Columbina" konnte die Wandertruppe so aus einem reichhaltigen Typenfundus schöpfen und mit ihnen verschiedenste Szenenfolgen improvisieren, die sich stets um konstante "Lazzi" reihten. Während dieser Lazzi sollen übrigens die Hauptakteure hinter der Bühne den weiteren Fortgang der Handlung besprochen haben.

Manche dieser "Lazzi" gehören bis heute zum Standard geübter Komiker: Der Barbier und sein Kunde, der Arzt und sein Patient, der Hungrige und der Imbißverkäufer.

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Schlagwörter

Theater, Zirkus, Clowns, Lachen

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-05-20 16:23:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:56:00

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