• vom 20.05.1998, 16:25 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:56 Uhr

Österreich

Schaurige Ruinen, liebliche Wiesen




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Von Beppo Beyerl

  • Eine kleine Geschichte der Sommerfrische im Kamptal

Das erste Buch über das Kamptal erschien 1823 und stammte vom Hoftheaterschauspieler Johann Anton Friedrich Reil. Dieser hatte bereits 1815 das Waldviertel durchwandert und präsentierte seinen Lesern eine Landschaft, die irgendwo zwischen Naturzustand und Kitsch angesiedelt war: Bei Gars "führt der Kamp durch eine Fülle von Leben und Kraft und Anmut und Abwechslung zu der angenehmsten Ausbreitung hinaus".

Die nächste Publikation erschien 1884: Ein Josef Rabl schrieb über "Zwettl und das Kamptal mit seinen Umgebungen". Den Stil des wanderfreudigen Schauspielers sollte er noch ein wenig übertreffen: ". . . dort weitet sich ein schönes Talrund, wo waldeinsame Mühlen klappern und stille Hütten stehen, während auf dunklen Wässern die Fähre schaukelt und Burgruinen aus stolzer Höhe niederschaun . . ."


In der Zeit zwischen beiden Büchern hat sich viel verändert im Kamptal, es ist nach einer gängigen Metapher kein Stein auf dem anderen geblieben. 1870 wurde die Franz-Josephs-Bahn eröffnet, die es bravourös schaffte, alle großen Orte weiträumig zu meiden: Weder wurde Horn noch Waidhofen, weder Zwettl noch das mittlere Kamptal angebunden. Dabei hatten schon 1865 die Gemeinden der Bezirke Kirchberg und Langenlois dafür votiert, die Eisenbahntrasse nach der Tullner Donaubrücke über Hadersdorf und das Kamptal nach Horn zu errichten. Freilich, die "Donau-Kamplinie" wurde nicht durchgesetzt, dafür kann man heute noch mit der Franz-Josephs-Bahn von Wien aus Orte wie Ziersdorf oder Wolkersdorf erreichen.

Immerhin wurde 1872 der nördlich der Donau führende Arm Absdorf-Krems eröffnet, und 1883 reichten die Gemeinden des Bezirkes Langenlois zum zweiten Mal eine Petition ein. Diesmal votierten sie für eine Trassenführung von St. Pölten nach Hadersdorf, weiter durch das Kamptal nach Horn und nach Sigmundsherberg zur Franz-Josephs-Bahn. Als Begründung führten sie die "Hebung des vollkommen darniederliegenden Weinanbaus und die Rettung der Weinbaubetreibenden Gemeinden" an - von Sommerfrischlern aus der Haupt- und Residenzstadt war damals noch keine Rede.

Die zweite Petition hatte immerhin halben Erfolg: Am 16. Juli 1889 wurde der Eisenbahnverkehr durch das Kamptal aufgenommen.

Ziel eins der Wiener Sommerfrischler zu dieser Zeit war der von der Südbahn erschlossene Semmering. Dort labte man sich am neu entdeckten alpinen Pathos, man besichtigte die schroffen Felsen und die tiefen Schluchten, man ergötzte sich daran, daß die Fluten stürzten und die Stürme tosten.

In dieses alpine Szenarium stellte man nun imponierende Hotelbauten, so das Panhans, errichtet vom monarchieweit werkenden Theaterarchitektenduo Fellner & Helmer, oder das nicht minder statthafte Hotel der Südbahngesellschaft. Zudem entwickelte der Archtitekt Franz Ritter von Neumann hier den durch vorkragenden Dächer, verspielte Erker und rustikale Holzbalkone bestimmten "Semmeringer Heimatstil".

Während in der Exponiertheit des Semmerings der Adel, das Großbürgertum und diverse Künstler von Adolf Loos bis Arthur Schnitzler Erholung suchten, so fuhren ins Kamptal Anwälte und Chefredakteure, Ärzte und höhere Beamte. Während am Semmering das neu erschlossene Gebirge im Betrachter schaurige und pittoreske Stimmungen evozierte, so dominierte im Kamptal eher die Betulichkeit und die Langsamkeit der Waldviertler Landschaft, die den grimmigen Bergen den Schrecken und reißenden Fluten die Gefährlichkeit nimmt. Man ergötzte sich an stillen Wiesen und einsamen Marterln, lieblich grüßte vom Berg die Ruine und lauschig war das Platzerl hinter der plätschernden Mühle.

In den achtziger Jahren waren schon längst die ersten - nein, nicht die Touristen, die machten damals von England aus organisierte "tours", also Rundreisen, durch die großen Städte auf dem Kontinent, wobei ein Zwischenstop in Wien nur bei den Wenigsten am Programm stand - also die ersten Sommerfrischler waren schon angekommen. Der allererste war Franz von Suppé, der 1876 die Reize von Gars entdeckte und die drei weiteren Sommer dort verbringen sollte. Dann überschritt er den Status des Sommerfrischlers und mutierte zum Hausbesitzer: Er kaufte ein 10.000 m² großes Anwesen in der Kremser Straße 24 und ließ drauf für seine Frau die Villa "Sophienheim" errichten.

Im Gefolge der Komponisten sollten in den nächsten Jahren immer mehr Großstädter erst mit der Bahn nach Sigmundsherberg - oder nach Hadersdorf - fahren, um dann mit der Kutsche nach Gars - oder nach Schönberg - zu gelangen, wo sie in der Regel die beiden heißen Monate Juli und August zu verbringen gedachten.

Da es zu Beginn der Ära der Sommerfrischler keine Wohnräume für die betuchten Wiener gab, überließen die einheimischen Vermieter ihnen Haus und Hof, um entweder selbst bei Verwandten unterzuschlüpfen oder in einem kleinen Zimmerchen über den Sommer zu hausen. Da zudem die Ausstattung dieser Räume nicht dem Lebensstil der Wiener entsprach, brachte man den gesamten Hausrat samt dem Gesinde mit aufs Land, um die Vorzüge der Zivilisation mit den vermeintlichen Vorzügen der Noch-Nicht-Zivilisation zu verbinden. Der Vater - selbstverständlich unabkömmlich in seiner beruflichen Position - fuhr Sonntag abends wieder zurück in die Haupt- und Residenzstadt, um nur mehr gelegentlich bei Frau und Kinderschar einen Besuch abzustatten.

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Schlagwörter

Österreich, Urlaub, Reise

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1998-05-20 16:25:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:56:00

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