• vom 19.05.1998, 16:19 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:57 Uhr

Faschismus

Kein Platz für Dr. Seligmann




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Von Robert Streibel

  • Der Alpenverein und seine verdrängte Geschichte

Juden müssen ein biblisches Alter erreichen, wenn sie ihre Chance auf Ehrung und Gerechtigkeit nützen wollen. Dr. Josef Braunstein mußte in New York 102 Jahre alt werden, bevor in einer berührenden Dokumentation über sein Leben, seine Liebe zu den Bergen und die Geschichte der jüdischen Sektion des Alpenvereins "Donauland" im ORF berichtet wurde. Die Reaktionen auf diese Sendung waren enorm und Anfragen nach der wissenschaftlichen Arbeit von Rainer Amstädter, die dem Beitrag zugrunde lag, kamen selbst aus Deutschland. Kein Interesse an dieser Vergangenheitsbewältigung zeigte hingegen der Österreichische Alpenverein. Die erste umfassende Gesellschaftsgeschichte des Alpinismus liegt nun als Buch vor und verspricht Staub aufzuwirbeln, in den Ebenen wie in den Bergen und so manche Funktionäre des Vereins werden ihre "Hütten" dicht machen, um sich ihrer Vergangenheit nicht stellen zu müssen.


Berge als Fluchtburg Der Alpenverein, die Berge und die Juden: Das sind drei "Welten", die nicht zusammenpassen. Das Bürgertum hatte sich Mitte des vorigen Jahrhunderts als Fluchtpunkt vor dem engen Leben im Tal, mit Industrie und dem "gesundheitsstörenden Hexenkessel" der großen Städte die Berge als Fluchtburg ausgewählt. Der Anstieg zu den Gipfeln "führt bis an die Tore der Ewigkeit". Auf dem Weg dorthin blühen die hellsten Blumen dort, "wo sich im Kampf des Lebens Linie mit dem Land des Todes schneidet, wo um des Steigers Fuß der Steinschlag dröhnt". Kein Wunder also, daß die Alpinisten mit dem Tod auf Du-Fuß stehen. Richard Wagners Isolde war keine Bergsteigerin und doch verbindet sie mehr als anzunehmen ist mit den Alpinisten, die ebenfalls im "Verlöschen im All" den tiefsten Sinn des Bergsteigens sehen. Angeregt durch Wagners Klänge und seine Weltsicht haben die alpinen Theoretiker zu einer beispiellosen Überhöhung eines einfachen körperlichen Vorganges angesetzt, der von vielen bloß mit Schwitzen, Blasen und sonstigen Unbilden verbunden wird. Einer, der Wagners Ideologie am wortgewaltigsten für die Bergsteiger umgesetzt und ein ideologisches Programm daraus gezimmert hat, war der Wiener Eduard Pichl, 1872 geboren, als Burschenschafter eng mit Georg Ritter von Schönerer verbunden und dessen Biograph. Als "Judenfresser" war er an der Technischen Universität berüchtigt.

Bei Dutzenden Touren erringt er den Nimbus des Kletterers, der scheinbar Unmögliches bewältigt, "jeden Fußbreit Fels der Gefahr und dem lauernden Verderben im Faustkampf abringt" und sein Ich verteidigt und behauptet an der blanken Plattenwand. So gelingt ihm rund um die Jahrhundertwende zum Beispiel die Erstdurchsteigung der Planspitze-Nordwand und die Erstbegehung der Dachstein-Südwand. Insgesamt kommt er auf 60 Neutouren und Erstbegehungen. Von seinem postulierten "Freiheitskult" und seinem Kampf um die Handlungsfreiheit in den Bergen, ist es für Pichl nur ein logischer Schritt weiter zur Freiheit, auch nach seinem Belieben politisch agitieren zu können. Wo Wagners Walküren durch die Felsklüfte zischen, haben Juden nichts verloren.

Stahlhelm und Schwert Eduard Pichl führt eine sonderbare Ausrüstung in diversen Nordwänden und Felstürmen mit. Er ist gewappnet mit der "Brünne erprobter Widerstandskraft, mit dem schirmenden Stahlhelm eiserner Entschlossenheit, umgürtet mit dem goldenen Schwert jugendlicher Wagelust". Im Ersten Weltkrieg kämpft er in der "Bergführer-Ersatz und Instruktions-Abteilung" und durchsteigt als erster die 900 m hohe Nordkante des Langkofels. Als der Kampf 1918 verloren und kein neuer Krieg in Sicht war, blicken die Alpinisten zum Nanga Parbat, dem deutschen Schicksalsberg, wo etliche deutsche Bergsteiger Anfang der dreißiger Jahre einen "Opfertod" sterben. Für Pichl ist der Satz vom Leben als Kampf keine hohle Phrase, denn mit geflüchteten Kapp-Putschisten gründete er 1923 den alpinen Wehrverein "Edelweiß" und die "Deutsche Wehr", auf deren Konto eine Reihe von nationalsozialistischen Attentaten Anfang der zwanziger Jahre gehen. Der Kampf für deutsche Berge und arische Hütten bedeutet ihm soviel, daß er selbst seinen Beruf aufgibt, um sich ganz seiner Aufgabe zu widmen. Auf sein unermüdliches Engagement ist es zurückzuführen, daß die Wiener Sektion "Austria" im Jahr 1921 ein Drittel der Mitglieder - rund 2.000 jüdische Bergsteiger und Wanderer - ausschloß und in der Folge der "Arierparagraph" von 90 Prozent der österreichischen Sektionen bis Mitte der zwanziger Jahre eingeführt wurde. Im Jahr 1927 beschließt die Hauptversammlung des DÖAV, daß bei der Aufnahme von Mitgliedern der "sogenannte ,Arierparagraph' zulässig ist".

Eduard Pichl schafft den Quantensprung der Antisemiten: Vom theoretischen zum praktischen Antisemitismus. Der Kampf um die Berge hat nicht nur für ihn Beispielcharakter. "Der Sieg des deutsch-arischen Gedankens ist eine Sache von größter Wichtigkeit: die Reinigung der Sektion ,Austria' wird anfeuernd auf andere, noch verjudete Sektionen im Deutschen und Österreichischen Alpenverein wirken, durch sie wird es im Lauf der Zeit gelingen, den ganzen großen Alpenverein auf rein deutsche Grundlage zu stellen und unser Sieg wird zur Reinheit und Einheit unseres Volkes mächtig beitragen".

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Schlagwörter

Faschismus, Berge

Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 1998-05-19 16:19:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:57:00

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