• vom 25.05.1998, 14:43 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:56 Uhr

Österreich

Filiale der Leopoldstadt




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Von Sabine Lichtenberger

  • Die lange und vielfältige Geschichte jüdischer Gemeinden im Burgenland fand 1938 ein jähes Ende

In der Nacht vom 11. auf den 12. März 1938 begannen im Burgenland die


nationalsozialistischen Vertreibungs- und Verfolgungsmaßnahmen, die den traditionsreichen

jüdischen Kultusgemeinden des Burgenlandes, allen voran den ehemaligen

"Siebengemeinden" (hebr. Schewa Kehilloth ), ein jähes und erschütterndes Ende setzten.

Die Geschichte des burgenländischen Judentums geht bis ins 13. Jahrhundert zurück. Im 17.

Jahrhundert entstanden unter dem Schutz mächtiger ungarischer Feudalherren, wie etwa den

Esterházys, die sogenannten "Siebengemeinden". Dazu gehörten die jüdischen Gemeinden

von Frauenkirchen, Kittsee, Eisenstadt, Mattersdorf, Kobersdorf, Lackenbach und

Deutschkreutz. Im Süden des Landes übte die westungarische Magnatenfamilie Bátthyany

ihre Schutz- und Grundherrschaft aus. Im Laufe des 16., 17. und 18. Jahrhunderts

entstanden in diesem Bereich fünf große jüdische Gemeinden: in Groß-Kanisza, Körmend,

Rechnitz, Schlaining und Güssing. Nur die drei letztgenannten befinden sich auf heute

burgenländischem Gebiet.

Die Ansiedlung von Juden erfolgte durch die Ausstellung von "Schutzbriefen", mittels derer

sich die "Schutzherren" die dringend erforderlichen Geldmittel, die mitunter für einen

standesgemäßen Lebenswandel, aber auch für die Landesverteidigung gegen die Türken

benötigt wurden, beschaffen konnten. Die Ansiedlung von Juden erfolgte daher weniger aus

humanitären, sondern ausschließlich aus wirtschaftlichen Gründen. Die Perioden des

friedlichen Zusammenlebens - oder besser gesagt - des friedlichen Nebeneinanders mit der

christlichen Umgebung wechselten mit Zeiten der Verfolgung und Ablehnung je nach den

Erfordernissen der Obrigkeit.

Unter diesen Bedingungen entwickelten die jüdischen Gemeinden ein reges, ungestörtes und

autonomes Kommunal-, Wirtschafts- und Geistesleben mit einer spezifisch jüdischen

Verwaltung und Gemeindeorganisation (Notare, Ärzte, Hebammen, Schächter,

Nachtwächter. . .). Auch die lokale niedere Gerichtsbarkeit lag in den Händen der jüdischen

Funktionäre, für größere Vergehen waren weiterhin die staatlichen Stellen zuständig.

Besondere Bedeutung kam auch dem eigenen Schulwesen zu. Daneben verfügte jede

Gemeinde über einen eigenen Friedhof und eine Synagoge sowie über andere religiöse

Einrichtungen. Die Juden siedelten meist in einem dazu bestimmten Ortsteil, der Judengasse,

die oft nur aus einer oder mehreren Häuserzeilen bestand.

Nach 1848 wurden aus den sogenannten "Schutzjuden" ungarische Staatsbürger, die im

Laufe des 19. Jahrhunderts die volle bürgerlich-politische Gleichberechtigung erhielten.

Obwohl das Königreich Ungarn mit der österreichischen Reichshälfte durch eine Real- und

Personalunion verbunden war, herrschte im Bezug auf die Ausübung des jüdischen Glaubens

doch eine andere rechtliche Situation vor. In Österreich galt das "Österreichische

Israelitengesetz" aus dem Jahr 1890, nachdem für die jüdischen Kultusgemeinden keine

finanziellen Unterstützungen vorgesehen waren. In Ungarn allerdings wurde der jüdische

Glaube den christlichen Konfessionen gleichgestellt (1895), wodurch die Juden ebenfalls in

den Genuß von staatlichen Subventionen für jüdische Religions- und Erziehungseinrichtungen

kamen. Als das Burgenland zur Zeit der Ersten Republik zu Österreich kam (1921), erhielten

sie auch weiterhin staatliche Unterstützung für ihre Institutionen.

"Reise durch das Heinzenland" Die Entwicklung der jüdischen Gemeinden nach dem

Ersten Weltkrieg war weniger durch den Wechsel von einem Staatsverband zum anderen, als

vielmehr durch die allgemeinen politischen und wirtschaftlich Veränderungen nach dem Ersten

Weltkrieg gekennzeichnet. Als autonome orthodoxe israelitische Kultusgemeinden in den

Jahren 1921 bis 1938 galten die Gemeinden von Frauenkirchen, Kittsee,

Unterberg-Eisenstadt (die bis 1938 auch politisch autonom war), Mattersdorf (ab 1924:

Mattersburg), Kobersdorf, Lackenbach, Deutschkreutz, Rechnitz, Schlaining (ab 1930

wegen Abwanderung der Juden aufgelöst; Nachfolgegemeinde: Oberwart) und Güssing. Sie

sind aus den Siedlungsgebieten des Nord- und Mittelburgenlandes und den

Siedlungsgebieten im Südburgenland hervorgegangen.

Unter dem Titel "Reise durch das Heinzenland" erschien am 9. August 1919 in "Der Neue

Tag" ein Artikel, in dem Joseph Roth den Rabbiner von Deutschkreutz die Geschichte und

den Alltag der Juden von Deutschkreutz und der "Siebengemeinden" schildern läßt: "Mitten

in Deutschkreutz eine Filiale der Leopoldstadt. 70 jüdische Familien wohnen seit 1.000

Jahren im Deutsch-Kreutzer Getto. Denn sie wohnen alle zusammen, in einer großen

Häusergruppe hinter den weiten Gehöften der reichen Bauern und führen ein eigenes

Leben . . .

Die Juden von Deutsch-Kreutz und den Schweh-Khilles beschäftigen sich nur mit ehrlichem

Handel und werden von der christlichen Bevölkerung sehr geschätzt. Sie haben sich rein und

unvermischt erhalten, und aus ihren Gesichtern klagte das jahrtausendealte Leid Ahasvers.

Sie kennen keinen Tanz, kein Fest und kein Spiel. Nur Beten und Weinen und Fasten . . ."

Der Verfolgung und Vertreibung der burgenländischen Juden im Jahr 1938 ist ein sehr reges

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 1998-05-25 14:43:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:56:00

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