• vom 02.04.1997, 15:41 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:57 Uhr

Umwelt

Der verlorene Himmel




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Von Christian Pinter

  • Lichtverschmutzung belastet die Umwelt und stiehlt Sterne vom Firmament

Licht im Wert von 1 bis 2 Mrd. Dollar, so die Schätzung, wird allein in den USA


jährlich in den Himmel verpulvert. Das meiste davon nicht absichtlich. Schlecht

abgeschirmte Lampen lassen es seitlich nach oben entweichen, statt es auf die zu

beleuchtenden Flächen darunter zu werfen. Wieviel Licht vergeudet wird, hängt von

Bauart und Anbringung der Beleuchtungskörper ab. Meist sind es einige Prozent, im

Extremfall verschwindet jedoch auch mehr als die Hälfte gen Himmel.

Dort braucht es freilich niemand. Würde man die Photonen konsequent auf ihr

eigentliches Ziel einschwören, könnte man die Leistung der Glühlampen und Röhren

entsprechend drosseln - ohne an tatsächlicher Beleuchtungsstärke einzubüßen, ohne

Sicherheit und Sicherheitsempfinden zu stören.

In den USA wird darüber seit Jahren diskutiert. Mehrere Städte haben ihre

Straßenbeleuchtung umgerüstet oder achten wenigstens bei der Neuinstallierung auf

größere Effizienz: reflektierende Abschirmungen blocken nach oben und in

Horizontnähe ab, bündeln das Licht streng nach unten. Das kalifornische San Diego will

sich solchermaßen 3 Mill. US-Dollar pro Jahr zu ersparen.

In Mitteleuropa scheint dies noch kaum Thema zu sein. Dabei beweist der

Lokalaugenschein: Auch hier strahlen Straßenlampen verschwenderisch nach oben,

beleuchten die Fronten hoher Wohnhäuser mit, als gelte es, einen Großangriff von

Fassadenkletterern abzuwehren. Dieses Licht fehlt am Boden - ein Manko, das durch

stärkere Lampen kompensiert wird.

Bequeme Nacht Ein Blick aus dem Fenster im dritten Stockwerk macht das Problem

deutlich. Eigentlich sollte man die Neonröhren in Straßenlampen, die niedriger

angebracht sind als der eigene Standort, gar nicht erkennen. In einiger Entfernung tut

man es meist dennoch. Ihr schräg nach oben entweichendes Licht wird von Wänden

und Zimmerdecken darüber liegender Wohnräume reflektiert, taucht diese in konstantes

Halbdunkel. Um schlaftrunken den Weg zum Kühlschrank zu finden, braucht man den

Griff zum Lichtschalter oft gar nicht mehr zu tun.

Das ist bequem. Doch dieses Licht ist immer da, ob es nun gebraucht wird oder nicht.

Bei unglücklichem Zusammenspiel von Fensterlage und Straßenlampen kann das

streunende Kunstlicht sogar den Mond an Helligkeit übertreffen - und nicht wenige

Menschen schwören, daß sie das Licht des Vollmonds um die Nachtruhe bringt.

Selten kommt Druck nach effizienteren Beleuchtungskörpern auf. Energie ist nach wie

vor billig. Ein Teil der Produktions- und Folgekosten wird einfach auf kommende

Generationen abgewälzt. Das Kilowatt als Hypothek: fossile Brennstoffe, zu deren

Bildung Jahrmillionen nötig waren, werden in Jahrzehnten verheizt; Veränderungen des

Erdklimas durch freigesetztes Kohlendioxid in Kauf genommen. Radioaktiver Müll wird

produziert, der noch in Jahrtausenden extremes Sicherheitsrisiko darstellen wird.

Natürliche Flußlandschaften werden unwiederbringlich zerstört.

Es ist hübsch, von erhöhtem Standort über ein Lichtmeer von Straßenlampen zu

blicken. Doch es ist auch Luxus. Weitgehend abgeschirmte Beleuchtungskörper wie am

Franz-Jonas-Platz in Wien XXI sind rar. Gleich daneben zielen Scheinwerfer nach

oben, tauchen die Floridsdorfer Pfarrkirche in ein nächtliches Photonenbad. Das

absichtliche Bestrahlen von Bauwerken erfreut sich zunehmender Beliebtheit.

Wahrzeichen wie der Wiener Stephansdom werden so ins rechte Licht gerückt.

Vorstadtkirchen auch. Dabei sind in Szene gesetzte Türme besonders krasses Beispiel

für Ineffizienz: Ein Teil des Lichtkegels schießt notgedrungen am schlanken Bau vorbei

und stürmt den Himmel.

Beleuchtung wird als Garant für nächtliche Sicherheit empfunden. Doch Licht allein ist

zuwenig. Jeder Autofahrer kennt den beklemmenden Moment, wenn ihm die

Scheinwerfer entgegenkommender Fahrzeuge die Sicht stehlen. Obwohl kurzzeitig die

doppelte Lichtmenge zur Verfügung steht, wird die Fahrbahn bei Blendung schlechter

wahrgenommen.

Fußgänger machen ähnliche Erfahrungen. Kugelförmige Beleuchtungskörper in Park-

oder Wohnhausanlagen strahlen mangels jeder Abschirmung oft weniger als die Hälfte

ihres Lichts auf den Boden. Wenn besonders grelle Glühlampen dies ausgleichen,

können sie blenden. Was sich hinter den Kugellampen verbirgt, ist dann schwer

erkennbar. Fazit: Nicht nur die umgesetzten Watt steuern Sicht und Sicherheit, sondern

auch Bauweise und Anbringung der Beleuchtungskörper.

Ein Instrument der Leopold-Figl-Sternwarte, Außenstelle der Wiener Universität am

Schöpfl, zog das Licht des sterbenden Sterns SN 1993J in der Galaxis M81 zu einem

Regenbogen auseinander. Linien unterschiedlicher Intensität verrieten chemische

Elemente und gaben Hinweise auf jene Vorgänge, die sich während seiner Explosion

ereignet hatten. So gelang es erstmals in Österreich, das Spektrogramm einer

Supernova aufzunehmen.

Sternentod Zwölf Millionen Jahre war das Licht des Sterns unterwegs, der kurz so hell

wie eine ganze Galaxie aufleuchtete. Doch in den letzten Millionstel Sekunden seiner

Reise mußte es mit einem Meer künstlicher Lichtquellen konkurrieren. Die stärkste

Spektrallinie hieß "St. Pölten".

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Schlagwörter

Umwelt, Licht

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1997-04-02 15:41:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:57:00


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