• vom 02.04.1997, 15:48 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:57 Uhr

Wien

Tüftler, Schlächter und Engel




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Von Beppo Beyerl

  • Über einige spektakuläre Serienmorde aus Wiens Kriminalchronik

Der Landesgerichtsrat Baldur Mausgrub teilte den Frauen und weiblichen


Gemütern die Verübung von Giftmorden zu, weiters Tötungen im Schlaf und im

Zustand der Sinnestrübung, z. B. unter Alkoholeinfluß der Opfer. Morde, die

hingegen persönlichen Mut sowie Anstrengung erforderten, buchte er auf die

männlichen Seite. Diese Thesen des Landesgerichtsrates stammen aus Albert

Drachs Protokollroman "Untersuchung an Mädeln". Sie variieren eine in der

Vergangenheit bisweilen aufgestellte Theorie, die einen männlichen kühnen Mord

von einem weiblichen feigen Mord unterscheidet. Mangels Verifizierung hilft diese

Unterscheidung in der Praxis aber nicht allzuviel bei der Ermittlung des Täters,

und auch Dr. Mausgrub sollte damit bei der "Untersuchung an Mädeln" nicht

viel Erfolg beschieden sein.

Stichhaltiger hingegen ist die Einteilung in Serienmörder und Einzelmörder. Die

Täterprofile der ersten Gruppe unterscheiden sich beinahe diametral von denen

der zweiten. Serienmörder sind überdurchschnittlich intelligent, ausdauernd, zäh

und können strategisch denken. Einzelmörder hingegen agieren im Affekt

beziehungsweise unter Alkoholeinfluß, sind eher desorganisiert und

unterdurchschnittlich intelligent, ihre Motive treten hingegen ziemlich offen

zutage.

Auch die Opfer beider Gruppen unterscheiden sich kraß voneinander. Bei den

Serienmördern ist das Opfer sorgsam ausgewählt und gehört meist einer

bestimmten Personengruppe an, das Opferprofil läßt sich also weniger nach

charakterlichen Kriterien als ziemlich exakt nach Kriterien der sozialen

Zugehörigkeit bestimmen. So kamen die Opfer bei den klassischen Serienmorden

des letzten Jahrhunderts einmal aus dem Prostituiertenmilieu, im nächsten Fall

waren sie Mitglieder des Generalstabes, dann wiederum Dienstmädchen. Die

Opfer von Einzelmördern hingegen sind teilweise situationsbedingt und dadurch

fast zufällig, teilweise stammen sie aus derselben sozialen Gruppe wie der Täter,

bisweilen aus seinem Bekanntschafts- oder Verwandtschaftskreis.

Für die Ermittlungsbehörden besteht nun das Problem, daß Serienmördern auf

Grund ihrer versteckten Motive und ihrer überlegten Aktionen schwerer auf die

Spur zu kommen ist. Auf der anderen Seite sind Serienmörder wegen ihres

komplexen und nicht immer widerspruchsfreien Täterprofils viel interessanter für

den analytischen Beobachter.

In den letzten 120 Jahren sind im Raum Wien mehrere Serienmörder in den

Annalen der Kriminalistik aufgelistet. Der erste war der legendäre

Dienstbotenmörder Hugo Schenk, dessen Taten selbst nach seiner Hinrichtung bei

Generationen von Köchinnen und Stubenmädchen noch Angst und Entsetzen

auslösten.

Hugo Schenk wurde am 11. Februar 1849 in Teschen/Cesky Têsin im heutigen

Tschechien geboren. Sein Vater war dort Kreisgerichtsrat und entstammte somit

dem mittelhohen Beamtenapparat, Sohn Hugo wurde standesgemäß auf die

Artillerieschule geschickt. Schon mit 21 Jahren neigte der fesche Jüngling zur

Hochstapelei: Er gab sich als russischen Fürst Wilopolsky aus (Version des

Wiener Polizeihistorikers Harald Seyrl) oder als Fürst Winipolski (Version von

Egon Erwin Kisch). Ja mehr noch: Dieser russische Fürst werde von einem

hinterhältigen Killerkommando verfolgt, das vom Zaren höchstpersönlich

gedungen worden sei. Im Wiener Kriminalmuseum sind grafische Darstellungen

von Hugo Schenk ausgestellt. Man erkennt einen schlanken, fast zarten Mann mit

feinem, fast könnte man sagen: sanftem Gesicht und markantem schwarzem

Schnurrbart. Es gehörte wohl zur Strategie von Hugo Schenk, daß ihm jene

Unberührtheit und Kälte niemand zutrauen würde, mit der er tatsächlich zu

Werke ging.

Mit 32 Jahren - also 1882 - wurde er wegen Heiratsschwindel in Stein inhaftiert. Während der

1" Jahre im Gefängnis lernte er den wegen Diebstahls eingesperrten Karl Schlossarek kennen.

Die beiden sollten sich in der Folge wunderbar ergänzen: der ausgeklügelte Tüftler auf der

einen Seite, der affektgeladene Schlächter auf der anderen. Nach der Entlassung im Jänner

1883 komplettierte der Bruder Hugos, Karl Schenk, die Bande, deren Taten durch zahlreiche

posthume Balladen und Moritaten zu schaurigem Ruhm gelangte. Hugo Schenk suchte noch im

Jänner 1883 per Zeitungsinserat nach weiblichen Bekannten und lernte so das 34jährige

Dienstmädchen Josefine Timal kennen. Er stellte sich ihr als Hermann Siegel, Bahningenieur

zu Krakau vor, ließ sich von zwei Dienern - die anderen Mitglieder der Bande - begleiten und gab

hinter vorgehaltener Hand zu erkennen, daß er ein russischer Fürst namens Winopolsky sei,

den die Häscher des Zaren bedrohten.

Kein Wunder, daß der armen Pepi Timal diese Geschichten sehr imponiert haben.

Der schnurrbärtige Bahningenieur Siegel versprach ihr die Ehe. Sie löste ihren

Dienst in Wien auf, packte all ihre Wertgegenstände und ihr Sparbuch und fuhr

mit ihrem geheimnisvollen Ehemann in spe auf Hochzeitsreise nach Krakau. Die

Hochzeitsreise endete in einem böhmischen Ort namens Weißkirchen, und dort

wieder in einer Schlucht namens Gevatterloch. Anläßlich einer Pause während

der Landpartie vergewaltigte Hugo Schenk die unschuldige Pepi. Danach tauchte

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Schlagwörter

Wien, Verbrechen

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Dokument erstellt am 1997-04-02 15:48:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:57:00


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