• vom 31.03.1997, 16:58 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:58 Uhr

Astrologie

Gestirne als Götter




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Von Rainer Kayser

  • Nicht die Sterne lügen, sondern die Astrologen - Zur Kritik an der Sterndeuterei

Es ist seltsam: In diesem scheinbar so von Rationalismus geprägten Zeitalter der Wissenschaft und Technik glauben immer mehr Menschen an die Astrologie. Rund ein Viertel der Bürger in Österreich und Deutschland sind überzeugt, die Stellung der Gestirne zum Geburtszeitpunkt habe einen Einfluß auf den Verlauf ihres Lebens.


Die Astrologenzunft beruft sich auf ein Jahrtausende altes Wissen, dessen Ursprung sich im Dunkel verliere. Natürlich, schon vor Urzeiten haben die Menschen voller Ehrfurcht zum Himmel aufgeschaut. Für die vorgeschichtlichen Menschen war die ganze Natur beseelt, von Göttern, Geistern und Dämonen erfüllt - und so wurden auch in den Gestirnen Götter gesehen. Und der Einfluß des "Sonnengottes" auf das Leben war schließlich unübersehbar.

Kein Wunder also, daß auch der Stellung der anderen Gestirne eine Bedeutung zugemessen wurde, ein Fingerzeig der Götter auf das künftige Schicksal. Bis in babylonische Zeiten hinein, bis in das 1. Jahrtausend vor Christi also, bezogen sich astrologische Vorhersagen jedoch stets sehr allgemein auf das Schicksal eines Landes oder eines Königshauses. Horoskope für einzelne Personen entstanden erstmalig in spätbabylonischer und hellenistischer Zeit - und damals wurden auch die heutigen Regeln zum Erstellen von Horoskopen "erfunden": Sie beruhen nicht auf Erfahrung und Beobachtung, sondern auf einfachen Analogien. Der Merkur, als Beispiel, hat als innerster Planet unseres Sonnensystems die kürzeste Umlaufzeit, er ist der "schnellste" Planet. Und er ist stets nur kurzzeitig am Morgen- oder Abendhimmel zu erspähen. Im Regelwerk der Astrologie taucht er daher unter anderem als Symbol für Geschäftigkeit und Nervosität auf.

Noch deutlicher wird dieses Prinzip am erst 1930 entdeckten Planeten Pluto. War die Namensgebung - eher zufällig - durch die Astronomen erfolgt, bildete sie doch sogleich die Grundlage für die Einarbeitung des neuen Himmelskörpers in das astrologische Weltbild: Pluto, benannt nach dem Gott der Unterwelt, konnte nur für Skrupellosigkeit, Gewalt, Verbrechen und Katastrophen stehen.

Da die Planeten unsere Sonne in einer Ebene umkreisen, findet der Lauf von Sonne, Mond und Planeten, vom Erdboden aus betrachtet, in einem schmalen Streifen des Himmels statt, dem sogenannten Tierkreis. Die Astrologen teilen den Tierkreis in zwölf gleich große Teile, die Tierkreiszeichen. Vor 2.000 Jahren, bei Aufstellung der ersten astrologischen Regelwerke, stimmten diese Tierkreiszeichen in etwa mit den Sternbildern entlang der scheinbaren Planetenbahnen überein. Die Zählung der Tierkreiszeichen beginnt am sogenannten Frühlingspunkt, jenem Ort, an dem die Sonne zum Frühlingsanfang den Himmelsäquator durchquert. Damals lag dieser Punkt am Anfang des Sternbildes Widder.

Nun steht die Erdachse nicht senkrecht auf der Ebene der Planetenbahnen, sondern um einen Winkel von etwa 23 Grad geneigt - sonst gäbe es keine Jahreszeiten. Mond und Sonne zerren an der Erdachse und versuchen sie aufzurichten. Das Resultat: Die Erdachse taumelt, und damit Verschieben sich über Jahrtausende hinweg die Jahreszeiten - und auch der Frühlingspunkt. Er liegt heute am Anfang des Sternbildes Fische.

Da die Astrologen ihre Tierkreiszeichen aber weiter unverändert am Frühlingspunkt mit dem Zeichen des Widders beginnen, stimmen Sternbilder und Tierkreiszeichen heute längst nicht mehr überein. Wer etwa am 5. April im Zeichen des Widders geboren ist, bei dessen Geburt stand die Sonne tatsächlich im Sternbild Fische.

Von besonderer Bedeutung für die Astrologen sind die relativen Stellungen der Gestirne zueinander, die sogenannten Aspekte. In der Opposition etwa stehen sich zwei Objekte von der Erde aus gesehen gegenüber, bei der Quadratur bilden sie einen rechten Winkel zueinander. Begegnen sich zwei Planeten am Himmel, so spricht man von einer Konjunktion. Dramatisch wird es, wenn sich mehrere Planeten begegnen: Solche Superkonjunktionen führen oft zur Vorhersage von Naturkatastrophen oder gar dem Weltuntergang. Freilich sind Superkonstellationen so selten nicht, doch die Welt ist, allen Prognosen zum Trotz, noch da.

Erst im Mittelalter schließlich wurde das System der Häuser in der Astrologie eingeführt. Hierbei wird der Tierkreis noch einmal in zwölf Teile gegliedert, die jeweils einer bestimmten Höhe über dem Horizont entsprechen. Jedes dieser Häuser ist für bestimmte Bereiche des Lebens "zuständig", das erste Haus ("Ich-Haus") etwa für den Charakter, das gegenüberliegende siebente Haus ("Du-Haus") für Lebenspartner und Freunde. Diese Beziehungen wurden von den mittelalterlichen Astrologen rein willkürlich festgelegt, ihnen liegen keinerlei Untersuchungen oder Statistiken zugrunde.

Seit dem Aufschwung der modernen Astronomie im 17. Jahrhundert, der Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegung durch Kepler und der Beschreibung der Schwerkraft durch Newton, wird die Astrologie von den Naturwissenschaftern aus einer Vielzahl von Gründen abgelehnt. Ganz abgesehen davon, daß es keinerlei Erklärungsansatz für eine Wirkung der fernen Planeten auf das Schicksal einzelner Menschen gibt, stellt sich die Frage, warum es gerade die Stellung der Gestirne zum exakten Zeitpunkt der Geburt - und nicht etwa der Empfängnis - ist, welche entscheidend ist. Die Geburt ist eben kein Moment, sondern ein - häufig langwieriger - Prozeß: Entscheidet der Augenblick, in dem die Fruchtblase platzt? Der Austritt des Kopfes - oder der Füße? Das Durchtrennen der Nabelschnur? Oder ist es vielleicht jener zufällige Moment, in dem die Hebamme sich erinnert, zur Uhr zu schauen und den Geburtszeitpunkt zu notieren, der über das Lebensschicksal des neugeborenen Menschen entscheidet?

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Schlagwörter

Astrologie, Aberglauben, Sterne

Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1997-03-31 16:58:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:58:00


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