• vom 16.09.2011, 11:12 Uhr

Kompendium

Update: 22.09.2011, 12:59 Uhr

Krimi

Heimatliteratur ohne Kitsch




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Von Manfred Wieninger

  • Der österreichische Regionalkrimi etabliert sich gegenwärtig als kritischer Gegenentwurf zu den stereotypen Mordgeschichten der internationalen Literatur.

Der Autor Manfred Wieninger posiert im Outfit und im Ambiente des von ihm erfundenen Kommissars Marek Miert.

Der Autor Manfred Wieninger posiert im Outfit und im Ambiente des von ihm erfundenen Kommissars Marek Miert. Der Autor Manfred Wieninger posiert im Outfit und im Ambiente des von ihm erfundenen Kommissars Marek Miert.

Wie kaum ein anderer Krimineser aus Papier und Tinte formuliert der "Diskont-Privatdetektiv" Marek Miert, der sein Wesen und Unwesen in der fiktiven niederösterreichischen Bezirksstadt Harland treibt, immer wieder sein Unbehagen an der Heimat: "Im Februar, dachte ich, ist die ganze Stadt wie von einem Maler gemalt, dem die Farben ausgegangen sind und der stattdessen seine Pinsel in kaltes, verunreinigtes Regenwasser, in altes Eis vom Straßenrand, in griesigen Sand und liegen gebliebene, zerriebene Birkensamen vom Vorjahr gestippt hat. Die Parks sahen aus wie entjungferte Stachelschweine. Im Februar blieb all der Dreck, den die Winterwinde angeweht hatten, liegen. In den Geräteschuppen der Straßenkehrer kreisten werktags handliche Wodkaflaschen für die Gesäßtaschen.

Im Februar waren nicht einmal die blutjungen Mädchen schön, selbst ihre Gesichter trugen Schleier aus gallertigem, farblosem Licht wie die Eihaut von Embryonen. Im Februar wurden die Diäten begonnen, die im August letal endeten, zum Tod durch Austrocknung und multiples Organversagen führten."


Anti-Heimat-Literatur
Im Gegensatz zum Heimatroman, der die deutschsprachige Literatur vor allem des vorigen Jahrhunderts wie ein Basso continuo begleitet hatte, hat der neue österreichische Regionalkrimi der letzten Jahre den ideologisch überhöhten und fragwürdig gewordenen Heimatbegriff inzwischen ad acta gelegt und ist zu so etwas wie einem neuen Anti-Heimat-Roman geworden.

Hans Lebert ist ein Vorbild für viele jüngere österreichische Krimiautoren.

Hans Lebert ist ein Vorbild für viele jüngere österreichische Krimiautoren. Hans Lebert ist ein Vorbild für viele jüngere österreichische Krimiautoren.

"Heimat", behauptet etwa Marek Miert in seinem zweiten Krimiabenteuer "Falsches Spiel mit Marek Miert", "Heimat ist, wo man geboren wird auf Kosten der Krankenkasse oder vielleicht der Einzugsbereich jenes Postamtes, das die meisten Partezettel austrägt, wenn es einmal soweit ist. Heimat ist dort, wo man seine Salatgurken kauft und sich über den IQ eines Gemeinderates nahe der Körpertemperatur ärgert."

Schon durch sechs Bücher hindurch begleite ich Marek Miert - und ich habe es nicht gerade leicht mit diesem ironischen, ja zynischen Moralisten, dessen einzige Waffe im landläufigen, kriminellen Alltag Harlands seine Sprache ist. Eine Waffe, die er gelegentlich auch gegen mich einsetzt - wenn er etwa in seinem letzten Abenteuer, "Prinzessin Rauschkind", sinniert: "In der Mitte des Kreisverkehrs befand sich eine kreisrunde Wiesenfläche mit akkurat zurecht geschnittenen Buxbaumfiguren. Ich erkannte Bambi, den Hasen Klopfer, den mächtigen Vater-Hirschen, eine Art Eule und dann noch einen größeren Buxbaum, der von Weitem irgendwie an ein kopulierendes Paar erinnerte. Der Gärtner, dachte ich, ist offenbar ein Kenner und weiß, was dieser Bambi-Schreiberling sonst noch verfasst hat. Vielleicht sollte ich, überlegte ich weiter, doch einmal ein Buch dieses St. Pöltners lesen, wenn es wahr ist, dass der wirklich andauernd über mich schreibt."

Dafür, dass Marek Miert wie ein Wal in einer Weinflasche in der suburbanen Tristesse Harlands feststeckt und dort über seine Fälle, seine Klienten und sein Leben verzweifelt, hat mich der bekannte deutsche (Krimi-)Kritiker Thomas Wörtche einmal den "Poeten der Tabubereiche des Belletristischen" genannt.

Der Stammvater des neuen österreichischen Regionalkrimis ist für mich Hans Lebert mit seinem 1960 erschienenen, epochalen (Kriminal-)Roman "Die Wolfshaut", den man auch als österreichisch-psychoanalytisches Drama lesen kann. Ein elendes Dorf namens Schweigen mit seiner ganzen schrecklichen, unbewältigten (Kriegs-)Vergangenheit, die schließlich auf eine vertrackte, geradezu magische Art und Weise wieder hochkommt.

Der 2008 publizierte Marek-Miert-Roman "Rostige Flügel" ist eine späte Hommage an Leberts Opus Magnum, dessen eigentliche Wirkungsgeschichte auf eine ganze Reihe von jüngeren österreichischen (Krimi-)Autoren wohl erst mit seiner Neuauflage im Jahr 1991 begonnen hat. Gerald Fiebig hat einmal gemeint, "dass ein guter Kriminalroman sich von einem mittelmäßigen durch einen wachen Blick auf die Gesellschaft auszeichnet, in der er spielt - denn Verbrechen werden nie in einem geschichtslosen Raum begangen, sondern als Reflex auf bestimmte soziale Verhältnisse."

Schlechte Globalkrimis
Der neue österreichische Regionalkrimi, der gegenwärtig einen veritablen Boom erlebt, leistet genau das und ist geradezu das Gegenbild zum internationalen, sozusagen globalisierten Krimi, in dem immer bizarrer werdende Serienmörder in der Art von Popstars mit den sprachlich-intellektuellen Mitteln von mittelmäßig begabten Forensik-Dozenten beschrieben, ja abgefeiert werden. Als Krimis getarnte, medizinisch-pathologische Wälzer, prosaische Hymnen auf verwesendes Menschenfleisch und dessen widerliche "Produzenten", die sich selbst als Stars verstehen, als probates Hilfsmittel für Bulimiker, die ihre Krankheit auszuleben gedenken.

Da können und wollen gerade die besten der österreichischen KrimiautorInnen nicht mit. Der Mord in der Provinz ist zwar auch nicht immer lustig, selten werden von der heimischen Krimielite an ihn aber zwei-, dreihundert Seiten lange Studien über die diversen Verpuppungsstadien von Leichenmaden angehängt, wie das insbesondere im angloamerikanischen Raum geradezu Usus ist. Und die verquere Psychologie von Serienmördern, deren Tötungsdelikte wie die Hits von Popstars gezählt werden, interessiert Ermittler in Laa an der Thaya, Gunskirchen und Harland auch nicht wirklich.

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Schlagwörter

Krimi, Heimat, Regionalkrimi

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-09-16 11:20:10
Letzte Änderung am 2011-09-22 12:59:14


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