• vom 14.10.2011, 14:45 Uhr

Kompendium

Update: 14.10.2011, 15:16 Uhr

Extra

Alles mit einem für immer?




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Michael Mary

  • Vereinzelung versus Verbundenheit: Beziehungen sind heutzutage von dem Paradoxon bestimmt, dass Individualität und Liebe sich gegenseitig bedingen und einander gleichzeitig ausschließen. Ein Befund.

Wer fortgesetzt intensive Liebesgefühle und Leidenschaft erleben will, der braucht auch immer wieder psychischen Abstand von seinem Partner. Eine Tatsache, die auch Arthur Schnitzler bekannt war. Hier eine Aufführung seiner Komödie "Liebe" im Wiener Volkstheater, mit Birgit Doll als Margarete und Fritz Hammel als Gilbert. - © Foto: apa/Gindl

Wer fortgesetzt intensive Liebesgefühle und Leidenschaft erleben will, der braucht auch immer wieder psychischen Abstand von seinem Partner. Eine Tatsache, die auch Arthur Schnitzler bekannt war. Hier eine Aufführung seiner Komödie "Liebe" im Wiener Volkstheater, mit Birgit Doll als Margarete und Fritz Hammel als Gilbert. © Foto: apa/Gindl

Will man die Liebe zu Beginn des dritten Jahrtausends beschreiben, empfiehlt sich zunächst ein Blick auf die Gesellschaft, in der sie gelebt wird. Diese Gesellschaft ist vor allem: komplex und unüberschaubar. Niemand kann sich einen Überblick über sie verschaffen und niemand kann sie lenken. Sie lenkt sich selbst, durch die Reibung ihrer Bereiche und Gruppierungen, durch Vereinbarungen und sogenannte Nachbesserungen.


Da das Lenken von oben nicht mehr funktioniert, wird vom Einzelnen heutzutage erwartet, ein Individuum zu sein. Jemand der selbst festlegt, wo sein Platz ist, was er tun oder lassen will, was er anstrebt, wie er leben möchte. Das betrifft auch die Liebesbeziehungen.

Beziehungsbiographien
Die Liebe zu Beginn des dritten Jahrtausends ist eine Liebe der Individuen. Natürlich kann ein Liebesanfänger als Starthilfe für sein Beziehungsleben auf Vorlagen zurückgreifen, die er in Büchern oder Filmen oder der eigenen Familie findet, und dann sehen, wie weit er damit kommt. Doch es fehlen die Umstände, die den Einzelnen im entsprechenden Gerüst fixieren. Wenn es zu Untreue kommt, fliegen meist keine Steine mehr; wer zwei Partner liebt, wird nicht an den Pranger gekettet; und wem seine Beziehung nicht ausreicht, dem ist die Trennung nicht verwehrt. Im Laufe der Lebensjahre ergeben sich individuelle Beziehungsbiographien, die zeigen, dass die Form ihrer Liebe den Partnern überlassen ist und Beziehungen tatsächlich individualisiert sind. Sich in solch komplexen und wenig reglementierten Umständen zurechtzufinden und seine eigene Art zu lieben zu entdecken, ist selten ein leichtes Unterfangen. Schauen wir uns die Lage der Liebenden darum etwas genauer an.

Wie passen Individualismus und Liebessehnsucht zusammen? Widerspruchslos nicht!

Wie passen Individualismus und Liebessehnsucht zusammen? Widerspruchslos nicht!© Cartoon: Margit Krammer Wie passen Individualismus und Liebessehnsucht zusammen? Widerspruchslos nicht!© Cartoon: Margit Krammer

Da wäre einerseits die Sehnsucht nach Verbundenheit. Individuen lassen sich als relativ vereinzelte Jemande beschreiben, die aus sicheren Bezügen herausgefallen sind und dadurch enorme Freiheitsgrade gewonnen haben. Die Geborgenheit von Stand/Sippe und deren Verhaltensnormen sind nicht mehr verfügbar. Als Folge der individuellen Isolation ist das Bedürfnis nach intimer Verbundenheit gewachsen. Von den wenigen verbindlichen Beziehungen, die den Individuen geblieben sind, ist die Liebesbeziehung die zentrale, oft die einzige persönliche Bindung. Entgegen herkömmlicher Ansicht brauchen Individuen daher nicht weniger, sondern mehr Liebe. Dieses Bedürfnis nach Mehr zeigt sich in der modernen Liebesvorstellung, die ich als den AMEFI-Komplex bezeichnet habe. Man wünscht sich Alles Mit Einem Für Immer, kurzum: das Beziehungsparadies auf Erden.

Romantik gibt nicht auf
Neue Erwartungen sind aufgetaucht. Das Mehr an Liebe meint unter anderem eine höhere Intensität des Liebesgefühls. Leidenschaft und Verliebtheit als Möglichkeiten intensiven Erlebens, als Möglichkeit, sich selbst und seine Getrenntheit aus dem Bewusstsein zu bekommen, und sei es nur für Augenblicke, gewinnen kontinuierlich an Bedeutung. Die Romantik will der Vernunft nicht weichen, sie hält ihr stand, weil die vernünftige Liebe zu flachen und eben nicht zu den ersehnten intensiven Liebesempfindungen führt.

So gibt es 60-jährige Männer und Frauen, die aus ihren verlässlichen Beziehungen aufbrechen, um sich noch einmal oder gar zum ersten Mal zu verlieben. Und es gibt junge Menschen, die der Liebe treu bleiben, solange sie intensiv empfunden wird, und die dann zum nächsten Partner weiterziehen, wenn die Gefühle verflachen. Intensität statt Dauer - dieser Trend zum intensiven Gefühl hält an.

Der Sehnsucht nach Verbundenheit steht das Bedürfnis nach Individualität gegenüber. Diese soziale Notwendigkeit wird den Liebesbeziehungen vorgesetzt, sie müssen damit zurechtkommen. Die Sehnsucht nach tiefer Verbundenheit muss sich angesichts der Unterschiedlichkeit des Partners erfüllen. Dementsprechend wird in zuvor nicht gekanntem Ausmaß betont, wie wichtig es in der Liebe ist, man selbst zu sein, sich selbst treu zu, ein Individuum zu bleiben und dem Anderen ein Gegenüber zu sein; und ebenso den Anderen als den zu lieben, der er ist, also als unterschiedlichen Menschen. Die Formel hinter dem Geschehen lautet: Nur Getrennte können (emotional derart intensiv) lieben. Der Trend, sich auf sich selbst als den wichtigsten Menschen zu beziehen, hält an.

Viele Widersprüche
Das Beziehungsideal AMEFI, also eine unverzichtbare Individualität bei gleichzeitig großer Liebessehnsucht - passt das zusammen? Widerspruchslos jedenfalls nicht! Die Liebe zu Beginn des dritten Jahrtausends erfordert es, sich in Widersprüchen zurechtzufinden. Eine individuelle Lösung beschreibt dann den eigenen Umgang mit den Paradoxien der Liebe. Und es gibt, das kann ich als Beziehungsberater bestätigen, sehr viele sehr unterschiedliche Möglichkeiten, sich in diesen Widersprüchen zurechtzufinden. Beinahe so viele, wie es Paare gibt.

Das grundlegende Paradoxon der modernen Liebe besagt, dass Individualität und Liebe sich gegenseitig bedingen und einander gleichzeitig ausschließen. Indem Verbundenheit entsteht, wird Individualität aufgelöst, und um Verbundenheit überhaupt zu ermöglichen, muss Individualität erhalten bleiben. Natürlich kann niemand gleichzeitig durch zwei Türen gehen, also gleichzeitig verbunden und getrennt sein. Was gleichzeitig nicht möglich ist, kann aber nacheinander erlebt werden. Das Bewusstsein der Einzelnen wandert dazu zwischen der Wahrnehmung von Getrenntheit und der Wahrnehmung von Verbundenheit hin und her. Mal ist es voll von dem einen, mal voll von dem anderen.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Extra, Liebe, Beziehungen, Michael Mary

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-10-13 18:45:14
Letzte Änderung am 2011-10-14 15:16:49


Werbung




Werbung