• vom 24.03.2000, 14:46 Uhr

Kompendium

Update: 20.04.2012, 14:56 Uhr

Judentum

Im Adelsschloss der Wunderrabbis




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Ernst Hofbauer

  • Eine Reise ins alte chassidische Zentrum Sadagora

Der ostgalizische Religionsphilosoph Martin Buber war oft auf Besuch in Czernowitz, verbrachte einige Sommerurlaube auf dem Landgut seiner Eltern in der Nähe der Bukowiner Landeshauptstadt und ist "in dem schmutzigen Städtchen Sadagora", bloß 7 km nordöstlich von Czernowitz gelegen, der chassidischen Kultur begegnet.

Nach Sadagora, benannt nach dem im zaristischen Heer dienenden deutschen Offizier Gartenberg, führt eine gut befahrbare Straße an in den achtziger Jahren begonnenen, halbfertigen und heute völlig verlassenen Fabriksruinen vorbei. Unter Michail Gorbatschows Herrschaft wollte man hier die Produktion von Radioapparaten für die ganze Sowjetunion aufziehen. Zigmillionen Rubel wurden in diesen Industriekomplex gesteckt, ehe man davon ließ, weil es ohnehin genug Radios in der Sowjetunion gab. Die Industrieruinen auf der Straße nach Sadagora geben Zeugnis für die unvorstellbare Verschwendungssucht der marxistischen Planwirtschaft und vom industriellen Niedergang des Landes.

Die Straße nach Sadagora führt in eine fremde, brutal ausgerottete, versunkene Welt, die wir so wenig kennen, als läge sie auf einem anderen Planeten. Zugleich aber wissen wir, dass die Menschen, die hier lebten, vor 90 Jahren Landsleute unserer altösterreichischen Großeltern waren, dass ihre Wirklichkeit vor mehr als einem halben Jahrhundert ausgelöscht wurde, so radikal, dass es kaum Erinnerungen gibt an ihren Alltag und ihre Feste, an ihren Aberglauben und ihre Weisheit, an ihre Schwächen und ihre Gottesfurcht.

Der Chassidismus, Mitte des 18. Jahrhunderts von Israel Baal Schem Tov im ostgalizischen Schtetl Medschibosch gegründet, war die letzte ursprüngliche Ausformung des exilierten Judentums.

"Vergessen verlängert das Exil· Die Erinnerung ist das Tor der Erlösung" lautete das Leitmotiv des "Lehrers des Heiligen Namens". In der Einsamkeit der Karpaten will er Gott begegnet sein und von ihm den Auftrag erhalten haben, die innere Verwirklichung der geistlichen Lehren voranzutreiben. Sich zu einer Religion zu bekennen sei zu wenig, solange man nicht danach lebt. Aus Gebet und Betrachtung verkündete und lebte er das Licht seines Glaubens. Die Erde war ihm nur der Widerschein der himmlischen Schönheit und die völlige Hingabe des Menschen an Gott und seinen Nächsten gelebtes Judentum.

Die Chassidim schlossen sich zu Gemeinden zusammen, die einem geistlichen Meister, dem Zaddik, dem Gerechten, huldigten. Er war der Wunderrabbi, der Mittler zwischen Mensch und Gott, Wundertäter, Beichtvater und geistiger Führer in einer Person. Fröhliche Askese sollte die Seele läutern, ihr zur Entsagung und Demut verhelfen. Das Gebet des Chassid wird von einem geheiligten Tanz belebt. Der Körper soll zusammen mit der Seele um die Erlösung Israels und das Heil der Welt flehen.
Die Chassidim, schreibt Joseph Roth, "sind für den Westeuropäer ebenso ferne und rätselhaft wie etwa Bewohner des Himalaja . . . Ja, sie sind schwerer zu erforschen, denn sie haben, vernünftiger als die wehrlosen Objekte europäischen Forschungseifers, bereits die zivilisatorische Oberflächlichkeit Europas kennengelernt, und man kann ihnen weder mit einem Kinoapparat noch mit einem Fernglas imponieren. Aber selbst, wenn ihre Naivität und ihre Gastfreundschaft so groß wären wie die anderer fremder Völker, die von unserem Wissensdrang missbraucht werden· selbst dann fände sich schwerlich ein europäischer Gelehrter, der eine Forschungsreise zu den Chassidim unternehmen würde. Man betrachtet die Juden, weil sie überall in unserer Mitte leben, als bereits ,erforscht`. Am Hofe eines Wunderrabbis ereignet sich aber ebenso viel Interessantes wie bei den indischen Fakiren".
Sadagora war eine Hochburg der Chassidim und inmitten dieses armen Städtchens stand der prunkvollste aller Höfe, den sich je ein Zaddik, ein Wunderrabbi, hat leisten können, ein jüdisches "Adelsschloss", hat es der jiddische Dichter Nathan Birnbaum genannt.

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Judentum, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-04-20 14:54:50
Letzte Änderung am 2012-04-20 14:56:37


Werbung




Werbung