• vom 15.04.2011, 15:33 Uhr

Kompendium

Update: 15.04.2011, 15:38 Uhr

USA

Es gibt keine Helden mehr




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Von Andreas Walker

  • Der Roman "Clockers" von Richard Price und die Fernsehserie "The Wire" entwerfen beide finstere Bilder vom Leben in den USA.
  • Roman wie Serie sind nun auf Deutsch erhältlich.

Jüngst hat der Fischer-Verlag den Roman "Clockers" von Richard Price aus dem Jahr 1992 neu aufgelegt. Über die Gründe kann man spekulieren. Einer jedoch dürfte der Umstand sein, dass vor wenigen Monaten die erste Staffel der Fernsehserie "The Wire" (2002 - 2008), die bisher nur im Bezahlfernsehen zu sehen war, auf DVD erschienen ist. Auch wenn "The Wire" keine bloße Adaption von "Clockers" ist, so ist der Einfluss des Romans auf die Serie dennoch unverkennbar.


Der 1949 in New York City geborene Price ist als Romanautor kein Unbekannter. Er schrieb in den 1970er Jahren die Bücher "The Wanderers" und "Bloodbro-thers", die beide filmisch adaptiert wurden. 2010 erschien im S. Fischer-Verlag sein bisher jüngstes Buch "Lush Life" (deutsch "Cash"). Bekannter jedoch ist Price als Drehbuchautor, zum Beispiel für "Sea of Love" ("Melodie des Todes") und "The Color of Money" ("Die Farbe des Geldes").

"The Wire" wurde von David Simon, einem ehemaligen Polizeireporter, kreiert. Ed Burns, ein Ex-Polizist, ist neben Simon für die meisten Drehbücher verantwortlich. Viele Nebenrollen in der Serie sind mit Polizisten und ehemaligen Verbrechern besetzt, einige Rollen haben ihre Vorbilder in der Drogen- oder Polizeiszene. Price selbst taucht in der zweiten Staffel kurz als Schauspieler auf und beteiligte sich ab der dritten Staffel als Drehbuchautor.

Baltimore und Dempsey

Das Setting ist im Roman und in der Serie gleich: Schwarze Dealer verkaufen Drogen an ihre Klientel. In "The Wire" ist der Schauplatz Maryland, ein Stadtteil von Baltimore, in "Clockers" ist es die fiktive Stadt Dempsey vor den Toren New Yorks. Wird Baltimore als ein düsterer Dschungel geschildert, der vom Überlebenskampf Einzelner gezeichnet ist, so ist Dempsey nicht einmal mehr ein dystopischer Ort. Hier werden nur noch Geschäfte gemacht oder Morde begangen. Der Kleindealer Ronald "Strike" Dunham arbeitet zwar in Dempsey, hat aber eine Geliebte in New York, wo auch der Polizist Rocco mit seiner Familie lebt.

Dempsey ist ein Unort, eine Atopie. Ein ehemaliges Krankenhaus wird zum Sinnbild: Es wird von Junkies ausgeschlachtet, die das Altmetall an einen Polizisten verhökern, der im Nebenjob einen Schrottplatz betreibt.

Auf diese Art werden der Kreislauf des Elends und die irrwitzige Ordnung aufrecht erhalten: Die Junkies können sich ihren nächsten Schuss leisten, die Dealer sorgen für Drogennachschub, die Polizei unternimmt sinnlose Razzien.

In den sozialen Sümpfen Dempseys oder Baltimores besteht der Rest des amerikanischen Traums darin, in der Dealerhierarchie aufzusteigen. Strike erhält von seinem Chef Rodney Little den Auftrag, seinen ehemaligen Weggefährten Daryl Adams aus dem Weg zu räumen, damit er selbst ins größere Drogengeschäft einsteigen kann. Strike zögert: Zu dealen ist eine Sache, zu morden eine andere. Als Adams erschossen wird, untersuchen die Polizisten Mazilli und Rocco den Fall. Dieser, knapp über vierzig, ist müde von seinem Job und liebäugelt ironischerweise damit, ins Schauspielergenre zu wechseln.

Psychologisch gesehen ist "The Wire" von der Ausgangssituation her noch desolater. Niemand bei der Mordkommission ist interessiert, sich mit ungelösten Fällen zu belasten. Allein die Aufklärungsrate zählt. Als D´Angelo Barksdale, ein Pendant von Strike, von einem Mordverdacht frei gesprochen wird, ergreift der Polizist McNulty die Initiative. Er überzeugt einen Richter, dass für etliche ungeklärte Mordfälle Aaron Barksdale, der Onkel D´Angelos, verantwortlich ist. Der Richter wittert die Chance, mit dem Fall Karriere zu machen, und setzt die Polizeichefs der Mordkommission und des Drogendezernats unter Druck. Eine Sondereinheit wird gegründet, die großteils aus Polizisten zusammengesetzt ist, die man in anderen Abteilungen entbehren kann. D´Angelo wird von seinem Onkel auf die Straße geschickt, damit er dort - so wie Strike - die Geschäfte leitet.

Weder Dempsey noch Baltimore sind rechtsfreie Räume. Eine strenge Ordnung diktiert das Leben und Arbeiten auf der Straße. Einem funktionalen Automatismus gleich sind an einem Drogendeal auf Seiten der Verkäufer zumeist drei Leute beteiligt: Einer nimmt das Geld entgegen, ein anderer übergibt den Stoff, der dritte überwacht die Transaktion. Kommunikation verläuft über Handzeichen, mit den Chefs über Pager und öffentliche Telefonzellen. Unbedingte Loyalität gegenüber denjenigen, die in der Drogenhierarchie höherstehen, sichert das eigene Überleben. Niemand verpfeift jemanden. Diese Verhaltensregeln dienen dem Schutz des ökonomischen Raums sowie derjenigen, die darin arbeiten. Sie machen es der Polizei trotz der regelmäßigen Razzien nahezu unmöglich, einen Dealer dingfest zu machen.

Untypische Täter

Der Einzelne kann sich nur innerhalb des Reglements des ungeschriebenen Gesetzes verwirklichen, das ihm moralische Entscheidungen abnimmt. Derjenige hingegen, der eine eigene Moral hat, wird für das System zum Problem. So gesteht etwa in "Clockers" Strikes Bruder Victor Dunham den Mord an Adams. Mazilli ist zufrieden, da der Fall gelöst scheint, aber für Rocco passt Victor als Täter nicht ins Schema: Er ist der Einzige aus dem Ghetto, der ein normales Familienleben führt, einer bürgerlichen Arbeit nachgeht und von seinen Kollegen und Freunden als aufrichtig und fürsorglich beschrieben wird. Jedem würde man einen Mord zutrauen, nur nicht diesem Mann, der einen eigenen Moralkodex hat.

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Schlagwörter

USA, Kultur, Gesellschaft

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-04-15 15:33:16
Letzte Änderung am 2011-04-15 15:38:00


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