• vom 16.10.2009, 14:42 Uhr

Kompendium

Update: 16.10.2009, 14:45 Uhr

Im Windschatten der Königsklasse




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Von Bernhard Maier

  • Seit seinem Rückzug aus der Formel 1 ist Karl Wendlinger in der Öffentlichkeit kaum mehr präsent, obwohl er in der FIA GT-Serie seit Jahren große Erfolge feiert. Porträt eines stillen Siegers.

Dass Karl Wendlinger Rennfahrer wurde, ist eigentlich keine Überraschung. Schon sein Großvater fuhr in den 1960er Jahren Bergrennen. In der eigenen KFZ-Werkstatt in Kufstein schraubte sein Vater an Rennautos herum, mit denen er dann bei Europameisterschaftsläufen der Formel Super VW und im Alfa Romeo Sprint-Cup startete. Während seine Klassenkameraden mit Matchbox-Autos spielen, interessieren den kleinen Karli schon die echten Boliden. Und seit Teenager-Tagen verbindet ihn eine Freundschaft mit Gerhard Berger.


Dieser kreuzte Anfang der 80er Jahre in der Werkstatt des Vaters auf. "Servus, ich möcht auch Autorennen fahren so wie du. Wie tue ich da?", lautete die kernig tirolerische Frage an Wendlinger senior. Berger dankte ihm die Unterstützung bei den ersten Gehversuchen im Motorsport. Jahre später setzte er sich für den Junior ein und half ihm bei der Sponsorensuche.

Mit 14 beginnt Karl Wendlinger Go-Kart-Rennen zu fahren. 1988 gewinnt er die österreichische Formel 3-Meisterschaft. Im nächsten Jahr beeindruckt er in der deutschen Formel 3-Serie, die er ebenfalls gewinnt. Mercedes wird auf das Jungtalent aufmerksam und engagiert ihn 1990. Wendlinger fährt Sportwagenrennen, gemeinsam mit Michael Schuhmacher und Heinz Harald Frentzen, als Werksfahrer im Mercedes Junior-Team.

Sprungbrett in Formel 1

Die Kaderschmiede des Stuttgarter Automobilkonzerns erweist sich in der Folge als Sprungbrett in die Formel 1. Karl Wendlinger lernt Peter Sauber kennen, einen engen Kooperationspartner von Mercedes. Sauber arbeitet am Einstieg in die Formel 1 mit einem eigenem Team in der Saison 1993. Und er verpflichtet Karl Wendlinger. (Sein Debüt in der Formel 1 gab dieser aber bereits 1991 beim Grand Prix von Japan für das Team Leyton-House als Ersatzmann für Ivan Capelli.)

Für die Saison 1992 fädelt Wendlinger einen Deal mit March ein. Da bereits ein fixes Engagement bei Sauber fürs Folgejahr besteht, hat Wendlinger einen Gehaltsvorschuss in der Tasche. Für 1,9 Millionen Dollar kauft er sich für 14 Rennen ein Startticket beim finanzschwachen britischen Rennstall. Testfahrten sind allerdings minimal bemessen. Im March-Team glaubt man daher nicht, dass Wendlinger überhaupt die Qualifikation schafft.

Doch beim Saisonauftakt 1992 in Südafrika meistert er die Qualifikation bravourös. Beim Grand Prix von Kanada fährt Wendlinger mit einem vierten Platz das beste Ergebnis in der Geschichte des Rennstalls ein. Wendlinger erringt in den Saisonen 1993 und 1994 mehrere vierte, fünfte und sechste Plätze.

Am 15. Mai 1994 beim Training zum Grand Prix von Monaco gerät Wendlingers Fahrzeug am Ende der Tunnelausfahrt außer Kontrolle. Der Wagen kracht mit etwa 270 km/h gegen eine Wand. Tagelang schwebt Wendlinger zwischen Leben und Tod.

Die Unfallursache ist ungewiss. Ein technisches Gebrechen scheint nicht vorzuliegen. Vermutlich haben Bodenwellen die Spur des Wagens versetzt, so dass Wendlinger den Bremspunkt verpasst haben dürfte. Erinnerungen an den Unfall hat er nicht. Heute nagt in ihm die Ungewissheit: Warum ist es bloß passiert?

Mit 15 Kilo Untergewicht verlässt der Rennfahrer im Juli 1994 das Landeskrankenhaus Innsbruck. Sein Ziel: zurück in die Formel 1. Er päppelt sich bei Willi Dungl in Gars am Kamp auf und trainiert hart, um seine Muskulatur aufzubauen. Bei Testfahrten im Dezember 1994 in Barcelona beeindruckt der Rückkehrer mit schnellen Rundenzeiten. Sauber verlängert daher seinen Vertrag für die Saison 1995. Der Rückschlag kommt im Februar 1995 bei Tests in Barcelona. Wendlingers Koordinationsfähigkeit ist beeinträchtigt. Er ist nicht mehr in der Lage, die Rennmaschine an den Grenzbereich zu führen. Neurologen erkennen darin nichts Ungewöhnliches. Nach derart starken Verletzungen wäre es verwunderlich, wenn innerhalb kurzer Zeit die volle Leistungsfähigkeit wieder hergestellt wäre. Wendlinger fährt in der Saison 1995 hinterher.

Der Ecclestone-Tross zieht ohne ihn weiter. Wendlinger nimmts ohne Groll, weil er selbst erkennt, dass es nicht mehr geht. Bei seinem letzten Rennen in Adelaide crasht er neuerlich heftig.

Sieger in Le Mans

Die Jahre nach der Formel 1 sind für Wendlinger ein Wanderzirkus durch verschiedene Rennserien. Supertourenwagen Cup, italienische Tourenwagenmeisterschaft, FIA GT, American Le Mans Series, neuerlich Supertourenwagen Cup, danach DTM. 2004 landet er schließlich wieder bei der FIA GT-Serie, der er im Jahr 1999 als Champion den Rücken gekehrt hatte. 1999 fährt der Tiroler neben diesem Erfolg noch einen der prestigeträchtigsten Titel im Motorsport ein: Er gewinnt die 24-Stunden von Le Mans in der GTS-Klasse.

In der FIA GT-Serie ist er Karl, der Große, die Nummer 1 in der Hall of Fame . Kein anderer Fahrer dieser Rennserie hat mehr Siege eingeheimst. Gefahren wird in speziellen Sportwagen: während die Karosserie von Serienfahrzeuge weitgehend erhalten bleibt, ist das Innenleben zur Rennmaschine hoch gezüchtet. Wendlingers derzeitiger Wagen ist ein 600 PS-starker S7R der kalifornischen Sportwagenschmiede Saleen, den er für das tschechische KplusK-Team steuert.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2009-10-16 14:42:04
Letzte Änderung am 2009-10-16 14:45:00

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