• vom 30.05.2008, 14:36 Uhr

Kompendium

Update: 08.03.2016, 17:24 Uhr

Comics

Denken in Sprechblasen




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Zu einem bisher noch wenig bekannten Fleck auf der Landkarte des Comic-Schaffens zählt die chinesische Variante der Bildgeschichte: Der Manhua ist eine Form des zeitgemäßen chinesischen Comics, der bei einem prominent besetzten Panel diskutiert wurde. Auf eine andere Form des Umgangs mit Bildern in der fernöstlichen Tradition hat der Tübinger Sinologe Andreas Seifert hingewiesen: Bereits ab dem 10. Jahrhundert gab es in China illustrierte Romane, Bild und Zeichen sind in der chinesischen Schrift nicht annäherungsweise so stark voneinander getrennt wie im europäischen Alphabet. Vielleicht ist dies auch der Grund dafür, dass es in den 1920er Jahren in Shanghai eine relativ eigenständige Comicproduktion gab. Die dort hergestellten Linhuahua waren Comic-Hefte von 20 bis 30 Seiten, die von speziellen Bibliotheken angekauft wurden.

Weitere Expertenrunden diskutierten in Erlangen vier Nachmittage lang diverse Spezialthemen der grafischen Literatur. Neben der Diskussion um biographisches Erzählen im Comic stand ein Thema im Vordergrund, das die Aufmerksamkeit von Literatur- und Comiclesern gleichermaßen affiziert: Die Graphic Novel. Line Hovens Comic "Liebe schaut weg" ist nur die aktuellste Erscheinung innerhalb eines Comic-Genres, in dessen Zentrum die Darstellung des Wechselverhältnisses von Geschichten und Geschichte steht. Als Pionierarbeit in diesem Bereich gilt Art Spiegelmans zweibändiges Bio-Comic "Maus". Die Story dürfte hinlänglich bekannt sein: In "Maus" wird von einem Sohn berichtet, der die Geschichte seines Vaters, eines Holocaust-Überlebenden, nacherzählt. Die deutsche Zeichnerin Hoven wendet sich in ihrem Werk ebenfalls ihrer Familiengeschichte zu. Sie verknüpft historische Momentaufnahmen mit Details aus dem Leben ihrer deutsch-amerikanischen Eltern. Hovens Erzählungen sind nicht gezeichnet, sondern in Schabkartons eingeritzt. Erinnern, Bewusstmachen, Verarbeiten, Einritzen: Ein Denkprozess manifestiert sich hier auch in der Wahl der künstlerischen Technik.

Die Gezeichneten

"Und eine fiktionale Figur, so überzeugend sie auch sein mag, kann man nun mal nicht mit Händen greifen" - so lautet das Resümee der amerikanischen Comiczeichnerin Alison Bechdel, deren Graphic Novel "Fun Home. Eine Familie von Gezeichneten" vom Deutschlandfunk-Journalisten Denis Scheck und der Übersetzerin Sabine Küchler für eine szenische Lesung im Erlanger "Theater in der Garage" aufbereitet wurde.

Die Geschichte der Zeichnerin Alison Bechdel beginnt im Bestattungsunternehmen ihres Vaters. Vom Fun Home ist es also nicht weit ins Funeral Home : Bechdel erzählt unter Rückgriff auf Szenen aus der Weltliteratur die Geschichte ihres Vaters, Bruce A. Bechdel. Nach dem mutmaßlichen Selbstmord des Vaters findet Alison ein aufgeschlagenes Exemplar von Albert Camus´ "Der glückliche Tod" auf seinem Schreibtisch. Ein postmodernes Verwirrspiel mit ständiger Verwischung der Grenzen zwischen Literatur und Leben nimmt so seinen Anfang. -

25. Mai 2008. Gegen 18 Uhr werden die Türen des Kongresszentrums geschlossen. Während der rege Austausch zwischen Ausstellern, Verlegern, Sammlern und Comic- Künstlern auf informellem Wege weitergeht, leert sich die Erlangener Messehalle allmählich. Das Eingangsportal der Heinrich-Lades-Halle wird nicht länger von überlebensgroßen Schlumpf-Maskottchen bevölkert, ein Restbestand an Informationsmaterial bleibt am Info-Tisch vor der Halle liegen.

Die Bilanz ist mehr als zufriedenstellend. Auch dieses Jahr sei es, so sagen die Veranstalter, gelungen, neue Leserkreise für Comics zu erschließen. Es ist eine Leserschaft, die auch ohne die blauen Zwerge auskommt, die im Rahmen einer Open-Air-Ausstellung anlässlich des 50. Geburtstags der Schlümpfe aufgestellt wurden. Denn der Comic - und das beweist der Salon alle zwei Jahre aufs Neue - ist immer schon mehr gewesen als ein triviales und oberflächliches Unterhaltungsmedium. Nicht nur Kinder und Jugendliche haben ein Faible für ihn. Auch Erwachsene verfolgen die bunten Bildgeschichten mit großer Leidenschaft. Nicht alle Geschichten, die im Zentrum des diesjährigen Comicsalons standen, waren komisch. Viele waren auch melancholisch und äußerst geschichtsbewusst - Geschichten, die erinnern, Geschichten, die man so schnell nicht mehr vergisst.

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Schlagwörter

Comics, Manhua

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-05-30 14:36:52
Letzte Änderung am 2016-03-08 17:24:09


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