• vom 25.04.2008, 14:14 Uhr

Kompendium

Update: 25.04.2008, 14:28 Uhr

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"...es gibt nur das Leben"




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Von Andreas Kövary

  • Die französische Schriftstellerin Christiane Singer, die in Österreich lebte, hat in ihrem letzten Buch das geistige Abenteuer ihres Sterbens beschrieben
  • Nach der langwierigen Magnetresonanztomographie eröffnet ihr der junge Arzt in sehr sachlichem Ton, dass sie an einer aggressiven Form von Krebs erkrankt sei und höchstens noch sechs Monate zu leben habe. Die Schriftstellerin, Vortragsreisende, Esoterikerin und Menschenvernetzerin, die ihre Lebensmitte schon überschritten hat und trotzdem voller neuer Pläne steckt, nimmt die Nachricht zunächst gelassen auf.

Christiane Singer (1943 bis 2007). Foto: ©Caterine Cabrol

Christiane Singer (1943 bis 2007). Foto: ©Caterine Cabrol Christiane Singer (1943 bis 2007). Foto: ©Caterine Cabrol

Erst als die Familie zusammenkommt und man sich der Tragweite der Information richtig bewusst wird, kommen auch ihr die Tränen. Welchen Auftrag birgt dieses angekündigte Sterben in sich? Welchen auch immer: sie nimmt ihn an und auf sich. Er wird zur intensivsten Herausforderung, zur schmerzvollsten Erfahrung, zum stolzesten Triumph eines ohnehin reichen Lebens.


Christiane Singer kommt als jüngere Tochter österreichisch-ungarischer, jüdisch-christlicher Eltern 1943 in Marseille zur Welt. Sie studiert Literaturwissenschaft in Aix-en-Provence, wird dann Dozentin an den Universitäten von Basel und Fribourg. In der Schweiz lernt sie ihren Mann Giorgio Thurn-Valsassina kennen. Nach der Heirat zieht sie mit ihm auf das Stammschloss der Familie in Rastenberg im Waldviertel. Zwei Söhne kommen auf die Welt. Zu dieser Zeit ist sie auch schon schriftstellerisch tätig. Sie hat mehrere wichtige französische Literaturpreise erhalten. Der Goncourt, für den sie nominiert gewesen ist, ist leider nicht darunter gewesen. Dafür jedoch der von der Académie Française vergebene "Prix de la langue française" für ihren Roman "Seul ce qui brûle" ("Nur was brennt") im Jahre 2006.

1989 wird ein Seminarhaus eröffnet. Ihr Mann Giorgio ist ein Architekt, der in esoterischer Richtung arbeitet. Er konstruiert im Wald hinter der Burg Rastenberg "Die Lichtung": Auf einer Lichtung, die radiästhetisch ausgependelt wird und in ihrer durch einen überdimensionalen Diamanten gekennzeichneten Mitte über 16.000 Bovis anzeigt (zum Vergleich: in einer gotischen Kathedrale misst man an die 25.000 Bovis), errichtet er nach uralten, feinenergetischen Erkenntnissen ein Meditationshaus mit einem angrenzenden, halbmondförmigen Teich. Der Ort soll zum Prototyp eines Kraftortes für die Aufnahme von kosmischen und terrestrischen Schwingungen werden, an dem Menschen an ihrem Bewusstsein arbeiten.

Natürlich werden Kurse und Seminare abgehalten, aber in den ersten Jahren wird das Haus auch sehr offen geführt: für einen Kreis von Begeisterten liegt der Schlüssel immer unter der Matte - solange das Haus nicht belegt ist, kann man zum Yoga, Reiki oder Meditieren kommen, wann immer man will.

Christiane, gelernte Therapeutin in Initiatischer Leibtherapie nach Graf Dürckheim, dessen Adeptin sie seit langen Jahren ist, gibt kostenlose Stunden für alle, die kommen mögen. Die Liste der Kursleiter und Vortragenden beim Zehnjahresfest der "Lichtung" liest sich wie ein repräsentativer Querschnitt durch die alternative Szene der Künste und Wissenschaften.

Daneben widmet sich Christiane Singer fast drei Jahrzehnte selber einer unermüdlichen Vortragstätigkeit, die sie durch ganz Europa und darüber hinaus führt. Sie wird Gründungsmitglied, später eine der Präsidentinnen der überreligiösen Vereinigung "Terre du Ciel" in der Nähe von Lyon, die ein Festpunkt in ihrem Jahresablauf wird. Sie zieht mit ihren Vorträgen durch die Lande und entwickelt sich dabei zu einer der komplettesten Menschenkennerinnen, der man in unseren "fortgeschrittenen" Zeiten begegnen konnte. Zwischen 1990 und 1998 übernimmt sie auch das Generalsekretariat des österreichischen PEN-Clubs.



Der Weg zur Mystik
Etwa um die Zeit des Baus der "Lichtung" dürfte deren Herrin zu der Mystikerin gereift sein, zu der sie in der Tiefe ihres Herzens lange schon tendiert hat. Jede Seite ihres letzten Buches kündet jedenfalls davon. "Bitte glaubt nicht dass ich gestorben bin. Ich bin vollkommen lebendig von einem Leben in das andere gewandert." Diese "Letzten Fragmente einer langen Reise", die soeben bei Bertelsmann in deutscher Fassung erschienen sind, sind trotz ihrer schlanken 144 Seiten ein gnadenloses Werk, das dem Leser bei der Lektüre viel abverlangt. Vor allem Hingabe. Ist er bereit, alle inneren Fenster und Türen zu öffnen, wird er mit Juwelen der Erkenntnis überhäuft.

Aber nicht jedem ist es gegeben, ihre Worte gleich zu verstehen. "Das Christentum ist in mir wie eine brennende Leere, die ich nicht füllen wollte. Eine, die ewig offen bleibt und die sich jeden Tag neu erfindet". Kryptische Worte, festgehalten von einer Globetrotterin zwischen den Religionen und den Welten, deren Achtung und Dankbarkeit nichts entging. Nicht "die kosmische Fülle und Strenge des Hinduismus, und nicht die unglaubliche Güte, mit der der Buddhismus das menschliche Bewusstsein klärt und schärft". Nicht "die harte Schale und die zärtliche Feinheit des Judaismus und nicht die rauschende Pracht und Würde des (humanistischen) Islam". Nicht einmal die "diversen Formen des Schamanismus, die seit unvordenklichen Zeiten den Dialog zwischen dem Sichtbaren und dem Unsichtbaren, zwischen der offenbarten Welt und ihrem Schöpfer" gewährleisten.

Bei der Erinnerung an diese Dichterin des Lebens fallen einem die Bezeichnungen "Zauberin" oder "Magierin" ein. Der oberflächliche Betrachter könnte gar den Eindruck gewinnen, es handle sich um eine Vertreterin der "New Age"-Bewegung. New Age, das ist der Melting Pot, in den man all jene Versatzstücke aus den verschiedensten Religionen und Glaubensrichtungen einbringen kann, die man als maßgeblich für sein persönliches Heil erkannt und im Verlauf seiner Lebensjahre da und dort mitgehen hat lassen. Ist also Christiane Singer ein Späthippie aus der Flower-Power-Ära der berüchtigten Sechziger Jahre, für welche ein anderer scharfer Denker (der ebenfalls vor kurzem verstorbene Arnold von Keyserling) die Heraufkunft des "Wassermann-Zeitalters" errechnet hatte? Für jeden, der sie gekannt hat, eine abstruse Vorstellung. Und doch kann man davon ausgehen, dass sich für sie auch in den Phänomenen, die die "New Age"-Bewegung transportiert hat (Bewusstseinserweiterung, ganzheitliche Lebenspraktiken, Annäherung zwischen exakten Wissenschaften und esoterischen Weltauffassungen) wertvolle Beiträge zum Seinsverständnis des modernen Menschen fanden.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-04-25 14:14:48
Letzte Änderung am 2008-04-25 14:28:00


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