• vom 25.01.2008, 14:42 Uhr

Kompendium

Update: 25.01.2008, 14:46 Uhr

Raumfahrt

Streit um die Rakete








Von Christian Pinter

  • Am 31. Jänner 1958 stieg der erste amerikanische Satellit ins Weltall auf. Ein Reihe von Pannen war diesem Erfolg vorausgegangen.
  • Schon 1955 gab das Weiße Haus die Absicht bekannt, den ersten künstlichen Satelliten ins Weltall zu schicken. Niemand außer den USA, so die damalige Überzeugung, wäre zu so einer technischen Meisterleistung fähig. Voraussetzung wäre freilich die Entwicklung einer entsprechend leistungsfähigen Rakete.

1983 wurde Explorer 1 in Dschibuti zum Briefmarkenmotiv. Foto: Pinter

1983 wurde Explorer 1 in Dschibuti zum Briefmarkenmotiv. Foto: Pinter 1983 wurde Explorer 1 in Dschibuti zum Briefmarkenmotiv. Foto: Pinter

Luftwaffe, Armee und Marine legen konkurrierende Pläne vor: Die Air Force setzt auf die Weiterentwicklung ihrer Atlas-Rakete, die allerdings noch nie geflogen ist. Die Army will es mit einer Modifikation der ebenfalls atomwaffenfähigen Redstone versuchen. Die Navy schickt hingegen die Vanguard ins Rennen, die aus einer friedlichen Höhenforschungsrakete hervor gehen soll. Das US-Verteidigungsministerium entscheidet für die Vanguard - auch, um den nicht-militärischen Charakter der Weltraumpremiere hervorzuheben.


Was den Bau schubstarker Raketen anbelangt, sind die USA im Rückstand. Lange hat man auf die Bomberstaffeln vertraut, die von verschiedenen Stützpunkten aus sowjetisches Territorium erreichen können. Raketen besitzen geringere Präzision; ein "Nachteil", den erst die Wasserstoffbombe mit ihrem gewaltigen Zerstörungsradius ausgleicht. Der Korea-Krieg sowie Geheimdienstberichte über die Anstrengungen der Sowjets beim Bau von Langstreckenraketen machen diese Waffensysteme schließlich auch für die USA attraktiver.



Wernher von Braun
Seit seinen Kindertagen von Astronomie und Weltraumfahrt fasziniert, hatte sich Wernher von Braun schon in junegn Jahren in den Dienst des deutschen Militärs gestellt. Bald zeichnete er als technischer Direktor der Heeresversuchsanstalt Peenemünde für die Entwicklung der Rakete A-4 verantwortlich, von der Nazi-Propaganda zynisch "Vergeltungswaffe-2" (V-2) genannt. Bei ihrer Massenproduktion starben 20.000 KZ-Häftlinge, bei den Einsätzen weitere 6.000 Menschen - vor allem Londoner Zivilisten. Mangels Zielgenauigkeit war die A-4 bloß als Terrorwaffe einzusetzen.

Rein technisch betrachtet, ist die A-4 die erste funktionsfähige Großrakete. Deshalb baut man sie nach dem Krieg in den USA nach. Dort konstruiert der von den Amerikanern engagierte Wernher von Braun gemeinsam mit anderen deutschen Ingenieuren bald auch die einstufige, atomwaffenfähige Kampfrakete Redstone, benannt nach einem Army-Arsenal in Alabama. Mit verlängerten Tanks bildet sie ab 1956 die Unterstufe der Jupiter-C. Sie wird später mit Zielrichtung UdSSR in der Türkei stationiert werden und eine Rolle in der Kuba-Krise spielen. Die dreistufige Mittelstreckenrakete - entwickelt von einem Mann, der vor kurzem noch Amerikas Feind war - würde sich prinzipiell auch zum Abschuss des ersten Erdsatelliten eignen. Doch davon will man im Verteidigungsministerium nichts wissen. Man beharrt auf der Vanguard.

Längst ist von Braun selbst an die Öffentlichkeit getreten. Gemeinsam mit anderen Autoren verfasst er seit 1952 illustrierte Artikel für "Collier´s Magazine". Der Mensch, so die Kernaussage, könnte den Weltraum schon bald erobern. Zudem gestaltet von Braun drei populäre Fernsehfilme der Disney-Studios mit: Vor dem Betrachter rotieren mächtige Raumstationen, die als Basis für bemannte Großexpeditionen zum Mond dienen. Die Himmelsräder würden sich freilich auch zur Überwachung und Abschreckung des Gegners eignen. Das All scheint zum Greifen nah - speziell für eine Nation, die so gern den Pioniergeist beschwört.

Von Brauns Aktivitäten werden auch in der UdSSR registriert. Dort absolviert die R-7, die erste Interkontinentalrakete der Welt, im August 1957 den Jungfernflug. Mit ihrer Hilfe gelingt ausgerechnet der als technologisch rückständig geltenden Sowjetunion der Premierenflug ins All: Am 4. Oktober befördert eine modifizierte R-7 den hastig zusammen gebauten Sputnik ins All. Der 58 cm große Satellit rast über die Köpfe der geschockten Amerikaner hinweg. US-Zeitungen sprechen darauf hin von einer "mächtigen Bedrohung" , sogar von einem "Rennen ums Überleben" . Immerhin träumen Kalte Krieger im Westen längst davon, Atomwaffen im Orbit zu stationieren. Ähnliche Absichten vermutet man nun auch bei den Russen.

Jedenfalls ist der Ruf der USA als militärische und wissenschaftliche "Führungsmacht" angekratzt. Rasch kündigt das Weiße Haus nun den Abschuss des eigenen Satelliten an. Plötzlich ist auch von Brauns Jupiter-C gefragt, als Ergänzung zum Vanguard-Programm. Doch schon am 3. November holt die UdSSR zum zweiten Propagandaschlag aus. In Sputnik-2 kreist die Hündin Laika um die Erde - ein klares Indiz dafür, dass Moskau die Entsendung von Menschen ins All plant. Jetzt schlägt der Sputnik-Schock fast in Hysterie um.



Jupiters Gattin
Um in den Orbit zu gelangen, wollen US-Raketentechniker den Schwung der Erdrotation nützen. Der Startplatz muss möglichst weit im Süden liegen, der Aufstieg Richtung Osten erfolgen - sicherheitshalber über unbewohntem Gebiet. Deshalb bietet sich die Air Force Station Cape Canaveral in Florida als Abschussbasis an. Dort wartet man am 6. Dezember 1957 gespannt auf das Abheben des ersten US-Testsatelliten. Die schlanke Vanguard-Rakete soll die Sputnik-Schlappe vergessen machen. Doch sie kommt bloß einen Meter über den Rampentisch hinaus. Dann fällt sie zurück und explodiert vor laufenden Kameras. Zeitungen nennen sie spöttisch "Nullnik", "Flopnik" und "Kaputnik".

Am 23. Jänner 1958 versucht es die Navy nochmals. Regen verursacht einen Kurzschluss im Kabelsystem. Der Vanguard-Start wird auf den 3. Februar verschoben. Bis dahin bleibt der Army eine knappe Woche Zeit, die Startanlage selbst zu nutzen. Von Braun hat die Jupiter-C schon um eine weitere Stufe ergänzt. Sie heißt jetzt "Juno", nach der Gattin des Blitze schleudernden Gottes Jupiter, der Beschützerin des Hauses und der Ehe. Soll ihr Name verschleiern, dass das zugrunde liegende Gefährt zum Einsatz von Atomwaffen konzipiert wurde?

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Dokument erstellt am 2008-01-25 14:42:24
Letzte Änderung am 2008-01-25 14:46:00


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