• vom 19.10.2007, 13:30 Uhr

Kompendium


Wissenschaft

Der gestutzte Oktober von 1582




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Von Christian Pinter

  • Vor 425 Jahren wurde die christliche Zeitrechnung generalreformiert: Papst Gregor XIII. verordnete einen neuen, nahezu perfekten Kalender.

Mit dieser Schrift trat der Protestant Johannes Kepler ganz entschieden für die päpstliche Kalenderreform ein. Foto: Pinter

Mit dieser Schrift trat der Protestant Johannes Kepler ganz entschieden für die päpstliche Kalenderreform ein. Foto: Pinter

Mit dieser Schrift trat der Protestant Johannes Kepler ganz entschieden für die päpstliche Kalenderreform ein. Foto: Pinter

Mit dieser Schrift trat der Protestant Johannes Kepler ganz entschieden für die päpstliche Kalenderreform ein. Foto: Pinter Mit dieser Schrift trat der Protestant Johannes Kepler ganz entschieden für die päpstliche Kalenderreform ein. Foto: Pinter

Der Oktober des Jahres 1582 war ein merkwürdiger Monat: er hatte nur 21 Tage. Papst Gregor XIII. hatte ihn nämlich zurecht gestutzt, um ein ärgerliches Kalenderproblem zu beseitigen.


Früher, als die Zeit noch jung war, steuerte die Sonne die Jahreszeiten, die Mondphasen regelten die Monate. Ein Mondmonat dauert 29 bzw. 30 Kalendertage. Nach zwölf Monden sind 354 Tage verstrichen. Die Sonne müht sich aber elf Tage länger ab, um ihren Jahreslauf durch den Tierkreis zu vollenden. Deshalb marschieren die Mondmonate rückwärts, ziehen in knapp 34 Jahren durch sämtliche Jahreszeiten - was zum Beispiel für die Bauern sehr unpraktisch ist. Um die römischen Monate wieder an den rechten Platz zu rücken, ordnen Pontifikalpriester ab und zu lange Schaltungen an.

Kalender regeln die Termine von Riten, Festen, Opfergaben oder Fastenzeiten. Sie sind eng mit der Religion verwoben. Änderungswünsche werden leicht als Sakrileg empfunden. Dennoch kann Julius Cäsar der priesterlichen Willkür Einhalt gebieten. Auf Anraten des Alexandriner Astronomen Sosigenes entfernt er den Mond völlig aus der römischen Zeitrechnung. Seine modifizierten Monate sind länger, umfassen zusammen 365 Tage. Damit fehlen bloß noch sechs Stunden auf das Sonnenjahr. Ein einziger Schalttag, eingefügt alle vier Jahre, soll diesen Fehler korrigieren. Der "Julianische Kalender" tritt per Edikt im Jahr 45 v. Chr. in Kraft. Er ist zunächst höchst unbeliebt. Dennoch wird er mehr als eineinhalb Jahrtausende lang die Zeit regeln.



Frühlingsbeginn: 21. 3.
Für die Astronomen beginnt der Frühling, wenn die Sonne auf aufsteigender Bahn durch den Tierkreis den Himmelsäquator erreicht. Der ist gleichsam die Projektion des irdischen Äquators auf die Himmelskugel. An diesem Tag geht die Sonne genau im Osten auf, und im Westen unter. Tag und Nacht sind genau gleich lang. Beim ersten Vollmond nach Frühlingsbeginn begehen die Juden das Pessach-Fest. Wie der Evangelist Markus schreibt, feiert es auch Jesus mit seinen Jüngern. Tags darauf kreuzigen ihn die Römer. Zwei weitere Tage später findet man sein Grab leer vor.

Im Gedenken an die biblische Auferstehung feiern die Christen fortan Ostern: Am Konzil von Nicäa 325 n. Chr. legt man fest, dass Ostern nahe beim Pessach-Fest liegen soll, und zwar am Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond. Um nicht ständig Sonnenlauf und Mondphase überwachen zu müssen, wird der 21. März als Frühlingsanfang festgeschrieben. Die Vollmonde kalkuliert man nach einem simplen, 19 Jahre umfassenden Zyklus.

Dank solcher Vereinfachungen lassen sich Aschermittwoch, Fastenzeit, Palmsonntag, Karwoche, Ostersonntag, Christi Himmelfahrt, Pfingsten und Fronleichnam weit voraus berechnen.

Laut Cäsars Schaltregel ist das Jahr allerdings um elf Minuten zu lang. In seinem Kalender verfrüht sich der Frühlingsanfang sehr allmählich - und zwar alle 128 Jahre um einen Tag. Das Problem fällt schon im 11. Jahrhundert dem Benediktiner Wilhelm von Hirsau auf, der den Sonnenstand mit einer schweren, steinernen Messscheibe prüft. Der englische Franziskaner Roger Bacon geißelt den aus astronomischer Sicht falschen Ostertermin von 1267. Fleisch in der Karwoche zu essen und dafür am Osterwochenende zu fasten, sei eine unerträgliche und entsetzliche Verhöhnung des Glaubens, schreibt er an Papst Clemens IV.

Der kalendarische Fehler beträgt mittlerweile schon eine ganze Woche. Gelehrte unterbreiten immer wieder Lösungsvorschläge. 1344 erörtert man die Kalenderfrage im Papstpalast von Avignon. Im 15. Jahrhundert befassen sich die Konzile von Konstanz und Basel mit dem Problem. Beim fünften Laterankonzil ernennt Papst Leo X. den Bischof Paulus von Middelburg zum Vorsitzenden einer Reformkommission. Dieser wendet sich 1514 schriftlich an Nikolaus Kopernikus. Doch der winkt ab. Noch, so wird sich Kopernikus später rechtfertigen, seien Mathematiker "über die Bewegung der Sonne und des Mondes so unsicher, dass sie nicht einmal die unveränderliche Größe des Jahres beschreiben und berechnen können".

Tatsächlich hemmt die immer noch umstrittene Jahreslänge die Bereitschaft zu einer endgültigen Kalenderreform. Die Kirche hat zudem andere Probleme: Jetzt sind es vor allem die Thesen Martin Luthers. Der Reformator wird 1521 von Leo X. exkommuniziert. Das Konzil von Trient soll die machtpolitische und ideologische Rolle der katholischen Kirche festigen helfen.

Im Vatikan, im neu errichteten "Turm der Winde" fällt ein Bild des Sonnenscheibchens auf eine am Boden eingezeichnete Skala. Papst Gregor XIII. kann sich so selbst überzeugen: Der astronomische Frühlingsanfang ist mittlerweile schon auf den 11. März vorgerückt. 1578 schickt die päpstliche Kalenderkommission ein 20-seitiges Kompendium an Fürsten, Astronomen und Universitäten aus. Deren Antworten fallen recht unterschiedlich aus. Manche lehnen jede Änderung ab. Andere wollen den Kalender so reformiert wissen, dass er zu Frühlingsbeginn wieder den 21. März anzeigt - wie einst in Nicäa vorgesehen. Dazu müssten die inzwischen angesparten, zehn überzähligen Tage entfernt werden: Entweder gleich in einem Schwung, oder höchst gemächlich, indem man den 29. Februar vier Jahrzehnte lang einfach vergisst.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-10-19 13:30:47
Letzte Änderung am 2007-10-19 13:30:00


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