• vom 07.09.2007, 12:26 Uhr

Kompendium

Update: 24.07.2012, 09:37 Uhr

Tirol

Der unselige Schuss




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Von Simon Rosner

  • Vor 25 Jahren wurde der Wilderer Pius Walder im Osttiroler Villgratental erschossen. Sein Bruder Hermann kämpft seit damals um Gerechtigkeit.

Die Kirche von Kalkstein.

Die Kirche von Kalkstein. Die Kirche von Kalkstein.

Sie gehen wieder auf die Pirsch, als wäre nichts gewesen, sagt Hermann Walder, als wäre sein Bruder Pius nicht erschossen worden, von eben jenen Jägern, die nun wieder ihr Waidwerk verrichten. Hermann Walder kann das nicht nachvollziehen, er sagt, die Ungerechtigkeit habe gesiegt, und er sagt es mit zornbebender Stimme.

Vor genau 25 Jahren, am 8. September 1982, fiel der tödliche Schuss, der Pius Walder, einen Osttiroler Holzfäller, im Hinterkopf traf. Er war in der Dämmerung bei Kalkstein im Villgratental in den Wald gegangen, jedoch nicht seines Berufs wegen, er wollte wildern. Sein Gesicht war mit Ruß geschwärzt und über seiner Schulter hing ein Gewehr.


Dass Pius Walder und dessen Brüder gelegentlich wildern, war in dem engen, dünn besiedelten Tal bekannt. Man kennt einander in Villgraten. Das Dorf Kalkstein besteht nur aus einigen Häusern, unmittelbar dahinter verläuft die Grenze zu Südtirol. Außer- und Innervillgraten sind nicht viel größer. Drei Jahre vor dem Todesschuss war Pius Walder wegen des Eingriffs in fremdes Jagdrecht zu einer Geldstrafe verurteilt worden, so was spricht sich hier schnell herum.

Pius Walders Grabstein in seinem Heimatort Kalkstein. Fotos: Rosner

Pius Walders Grabstein in seinem Heimatort Kalkstein. Fotos: Rosner Pius Walders Grabstein in seinem Heimatort Kalkstein. Fotos: Rosner

Der Wald als Gemeingut
Den Walders ging es beim Wildern nicht um Trophäen oder gar um die Freude am Schießen, die heutzutage meist die Motivation der Wildschützen ist. Sie verstanden das Wildern vielmehr in seinem kulturellen und eigentlich schon anachronistischen Sinn: Der Wald und seine Früchte seien Gemeingut, das nicht nur den Jägern und Gutsbesitzern vorbehalten sein dürfe. Besonders in Zeiten der Armut und des Hungers hatten Wilderer in der Landbevölkerung großen Rückhalt und Schutz genossen, sie waren in gewisser Weise die Robin Hoods heimischer Wälder, wovon noch die verbrämten Darstellungen der Wildschützen in Heimatfilmen zeugen.

Den Jägern in Villgraten waren die Walders freilich ein Ärgernis. Sie wussten von deren Ausflügen in den Wald, doch es fehlte ihnen an Beweisen. Es gibt Aussagen von Zeugen, die gehört haben wollen, wie Jäger bei einem Dorffest erregt über die Wilderer, auch über Pius Walder, diskutiert haben und dabei ihrem Begehr Ausdruck verliehen, diesen das Handwerk zu legen - und sei es mit Waffengewalt. Unter ihnen war auch Johann Schett, der Todesschütze. Der damals 42-Jährige hatte einen besonderen Jäger-Fanatismus entwickelt. Das Waidwerk war seine einzige Beschäftigung, seine einzige Leidenschaft. In seinen Augen kam das Wildern einem Kapitalverbrechen gleich. Auch die beiden Aufsichtsjäger Josef Schaller und Johann Bergmann nahmen an diesen Diskussionen teil, allen dreien kommen Hauptrollen in dem so spektakulären Kriminalfall Walder zu.

Denn Bergmann war es, der am 8. September sechs Schüsse vernommen haben wollte. Er vermutete einen Wilderer und kontaktierte daraufhin Schett und Schaller, die Nachschau halten sollten. Aus der Waffe Pius Walders waren allerdings, wie sich später herausstellte, keine Schüsse abgegeben worden. Sein Bruder Hermann glaubt deshalb, dass Bergmann Pius aus der Ferne gesehen und trotz rußgeschwärztem Gesicht erkannt habe. Das Gebiet ist gut einsehbar.

Schett stieg zuerst alleine den Hang hinauf und sah den Wilderer, machte kehrt und traf beim Hinuntergehen Schaller. Beide waren bewaffnet. Gemeinsam gingen sie zurück, um Pius Walder, den sie angeblich nicht erkannt hatten, zu stellen. Schaller ging voraus, Schett gab ihm Deckung. Als die beiden vor Walder standen, flüchtete dieser. Der Aufsichtsjäger Josef Schaller schrie "Stehenbleiben!" und gab zwei Schüsse ab, dann schoss Schett.

Pius Walder lief in Richtung des rettenden Dickichts, unmittelbar davor sackte er aber zusammen. Der letzte Schuss von Johann Schett hatte ihn im Hinterkopf getroffen.

Die beiden Jäger wurden von der Gendarmerie noch am selben Abend nach Hause entlassen, sie mussten sich erst am darauffolgenden Tag bei der Dienststelle zur Vernehmung melden. Ungewöhnlich. Auch rund um den Tathergang gab es diverse Widersprüche, beispielsweise was die Anzahl der Schüsse betraf. Josef Schaller hatte zunächst angegeben, einen Schuss gehört zu haben, kurz bevor er mit seinem Jäger-Kollegen Schett zusammentraf. Sonst bekam aber niemand diesen Schuss mit, später konnte sich auch Schaller daran nicht mehr erinnern.

In dem Prozess ein halbes Jahr später lautete die Anklage gegen Schett auf Mord. Untermauert wurde sie durch ein Schießgutachten, wonach auch aus der Entfernung von 107 Metern, wie in diesem Fall, mit der verwendeten Waffe ein Ziel in der Größe einer Zündholzschachtel problemlos getroffen werden konnte. Schett war zudem als ausgezeichneter Schütze bekannt.

Das milde Urteil

Die Geschworenen stimmten jedoch einstimmig gegen die Mordanklage. Johann Schett wurde daraufhin von Richter Anton Heinrich Spielmann, einem Jäger, wegen Körperverletzung mit tödlichem Ausgang zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt. Der tödliche Schuss, ein verunglücktes Warnsignal? Nach eineinhalb Jahren wurde Schett vorzeitig entlassen.

Der Urteilsspruch markierte jedoch nur das Ende des ersten Kapitels dieser Wilderersaga. Denn angesichts der in seinen Augen viel zu milden Strafe begann Hermann Walder seinen "Kampf gegen die Ungerechtigkeit" , wie er es nennt.

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Schlagwörter

Tirol, Wilderer, Pius Walder

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-09-07 12:26:30
Letzte Änderung am 2012-07-24 09:37:14


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