• vom 10.08.2007, 16:25 Uhr

Kompendium

Update: 10.08.2007, 16:39 Uhr

Holocaust

"Auf ein Warum kann ich nicht antworten"




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Von Stefan Broniowski

  • Der aus Wien stammende US-Historiker Raul Hilberg hat sich ein Leben lang mit dem Massenmord an den europäischen Juden beschäftigt - und wissenschaftliche Grundlagen darüber geschaffen. Ein Nachruf auf den am 4. August verstorbenen Pionier der Holocaust-Forschung.
  • Raul Hilberg wurde 1926 in Wien geboren und musste nach dem "Anschluss" mit seiner Familie über Frankreich und Kuba in die USA fliehen. Nach seiner Schulzeit in New York wurde er Angehöriger der US-Streitkräfte und gelangte mit diesen zurück nach Europa. Der Zufall wollte es, dass er, als er 1945 in München stationiert war, im sogenannten "Braunen Haus", der ehemaligen Parteizentrale der NSDAP, noch auf Teile von Hitlers Privatbibliothek stieß - Hilbergs, wenn man so will, erste historische Entdeckung.

Raul Hilberg (1926 bis 2007) Foto: Archiv

Raul Hilberg (1926 bis 2007) Foto: Archiv Raul Hilberg (1926 bis 2007) Foto: Archiv

Nach seiner Entlassung aus der Armee studierte Hilberg zunächst am Brooklyn College, wo er unter anderem Hans Rosenberg hörte, der über die Geschichte des preußischen Beamtentums las. Schließlich wechselte Hilberg aber an die Columbia University, wo Franz Neumann sein Lehrer wurde. Dieser hatte mit seinem Buch "Behemot" die erste umfassende Darstellung des nationalsozialistischen Herrschaftssystems vorgelegt und darin gezeigt, dass das "Dritte Reich" keineswegs ein monolithischer, rational durchorganisierter Zwangsapparat gewesen war, sondern auf größtenteils dezentralen und vielfach widersprüchlichen Dynamiken sowie auf informellen Absprachen zwischen Partei, Militär, Bürokratie und Industrie beruhte.


Hilberg fand diese These später durch seine Forschungen bestätigt; auch der millionenfache Mord war nicht einfach anhand eines zentral beschlossenen und detailliert ausgearbeiteten Planes begangen worden, sondern letztlich das Ergebnis des Zusammenwirkens ganz verschiedener Interessen, Institutionen, Gruppen und Personen.

Dem Einfluss der Arbeiten Franz Neumanns, aber wohl auch Hans Rosenbergs ist es also zu verdanken, dass Raul Hilberg seine Abschlussarbeit über "Die Rolle des deutschen Beamtentums bei der Judenvernichtung" verfasste. Bereits damals, Ende der 40er Jahre, war übrigens auch schon von dem Vorhaben die Rede, eine Dissertation über "Die Vernichtung der europäischen Juden" zu schreiben. Doch war selbst Neumann, Hilbergs Doktorvater, das Thema nicht geheuer: Mit den Worten "Das ist Ihr Untergang" soll er dem jungen Gelehrten die Unmöglichkeit einer darauf gegründeten akademischen Karriere prophezeit haben.



Damals, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, waren Forschungen zu dem, was erst viel später den gängigen Namen "Holocaust" erhielt, weder üblich noch erwünscht - und das sollte auch in den folgenden beiden Jahrzehnten so bleiben. Weder die Täter, Mitläufer und Zuschauer noch die überlebenden Opfer waren in ihrer Mehrheit bereit, das Geschehene überhaupt zu erwähnen, geschweige denn, es wissenschaftlich aufzuarbeiten. Also war Raul Hilberg ein Pionier auf diesem Gebiet, was es umso erstaunlicher erscheinen lässt, dass der noch nicht Dreißigjährige auf Anhieb ein umfangreiches Standardwerk zustande brachte.



Standardwerk mit
Einen kleinen Teil des Textes "Die Vernichtung der europäischen Juden" reichte Hilberg 1955 zur Erlangung des Doktorgrades ein, und obwohl er sowohl einen Preis für die beste Arbeit im Bereich der Geisteswissenschaften als auch eine Publikationszusage erhielt, verweigerten sowohl die Columbia University Press als auch die Princeton University Press nach einigem Zögern die Veröffentlichung. Das hatte mit negativen Gutachten zu tun, von denen eines von Professoren von Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte und Forschungseinrichtung, stammte, ein anderes von Hannah Arendt. Sie, die später in ihren einschlägigen Texten noch ausgiebig von Hilbergschen Erkenntnissen Gebrauch machen sollte, spielte das Werk als "unbedeutende Fallstudie" herunter, während die anderen Kritiker Hilberg seine kritische Einschätzung des jüdischen Widerstandes, besonders aber der "Judenräte" verübelten.

Lange Zeit fand sich für "The Destruction of the European Jews" auch sonst kein Verleger, bis schließlich mit Hilfe privater Geldgeber ein eher unbedeutender Kleinverlag das Buch 1961 herausbrachte. 1973 gab es einen ersten Nachdruck und erst 1985 eine revidierte Neuauflage.

Der deutschen Übersetzung widerfuhr übrigens ein ähnlich unschönes Schicksal. Zwar erwarb schon 1963 die Verlagsgruppe Droemer-Knaur die Rechte, scheute aber dann doch vor einer Veröffentlichung zurück. 1967 verhinderte Fritz J. Raddatz eine Übernahme durch den Rowohlt-Verlag. 1982 schließlich brachte der linke Kleinverlag Olle und Wolter das Buch heraus, übernahm sich damit aber finanziell und ging pleite. Erst als 1990 der S. Fischer Verlag, bei dem seither die wichtigsten Bücher Hilbergs auf Deutsch erschienen sind, das dreibändige Werk neu veröffentlichte, konnte es sich auch im deutschsprachigen Raum etablieren. In Israel freilich ist Hilbergs Buch bis heute nicht veröffentlicht worden.

All diese Verzögerungen bei Publikation und Rezeption vermochten aber letztlich nicht zu verhindern, dass "Die Vernichtung der europäischen Juden" den meisten Forschern und interessierten Laien längst als das Standardwerk zur Entrechtung, Verfolgung und millionenfachen Ermordung von Juden und Jüdinnen gilt. Dies einerseits wegen der Fülle an Details und deren akribischer Aufarbeitung, zum anderen, weil Hilberg bis zuletzt jede Neuveröffentlichung zur Überarbeitung und Verbesserung nutzte, sodass der Text stets seinen aktuellen Kenntnisstand wiederspiegelte.

Raul Hilberg verwandte sein ganzes Forscherleben auf die immer genauere Untersuchung des einmal gewählten Themas. Nach einigen kurzfristigen Lehrtätigkeiten erhielt er 1956 eine Professur an der Universität von Vermont in Burlington, einer eher kleinen Hochschule, der er bis zu seiner Emeritierung 1991 und darüber hinaus die Treue hielt. Über ein halbes Jahrhundert lang erforschte Hilberg - lange Zeit unbeachtet, auf sich allein gestellt, oft angefeindet, schließlich aber doch anerkannt und in fast aller Welt hochgeehrt und mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen bedacht (darunter die Ehrendoktorwürde der Universität Wien) - die komplexe Geschichte eines ungeheuren Verbrechens, dem er selbst nur knapp entkommen war. Raul Hilberg verstarb am 4. August diesen Jahres in seiner Wahlheimat Vermont.

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Dokument erstellt am 2007-08-10 16:25:05
Letzte Änderung am 2007-08-10 16:39:00


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