• vom 10.09.2004, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:13 Uhr

Sprache

Die unbekannte Weltsprache




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Von Manfred Wieninger

  • Das Jenische -Verständigungsmittel einer verdrängten Kultur

Franz K., Gemeindebediensteter im niederösterreichischen Loosdorf, hatte sein Erweckungserlebnis als Jenischer bei einem Urlaub in Oberitalien. Auf einem Straßenmarkt in einer Kleinstadt kam er mit einem italienischen Händler ins Gespräch. Erst nach einer Viertelstunde intensiver Verhandlungen und durchaus gelungener Kommunikation stellte Franz K. mit einigem Erstaunen fest, dass er ja kein Wort Italienisch könne und sein Gesprächspartner kein Deutsch. Trotzdem hatte die Verständigung ganz prächtig geklappt, ohne dass man Hände oder Füße, also Gestik und Pantomimik, hätte zu Hilfe nehmen müssen.


Der Grund für diesen überraschenden Kommunikationserfolg: Der Loosdorfer hatte einfach mehr oder weniger automatisch Wörter und Wendungen benützt, die er in seiner Kindheit von seinen Großeltern gehört und bis dahin für eine Art von spleenigen Loosdorfer Dialekt gehalten hatte - und war seltsamerweise verstanden worden. Die weithin unbekannte und an keiner Schule, keiner Universität gelehrte Weltsprache "Jenisch", europäische Lingua franca der Fahrenden seit dem späten Mittelalter, hatte sich wieder einmal bewährt.

Der Hass der Obrigkeiten

In aller Öffentlichkeit "Jenisch zu baaln" - also Jenisch zu sprechen -, hätte Franz K. vor sechs Jahrzehnten noch nach Auschwitz oder in ein anderes Konzentrationslager bringen können. Als angebliche "Asoziale", "verwahrloste Jugendliche" "Zigeunermischlinge" oder "Kriminelle" gerieten nämlich in der NS-Zeit viele Jenische in die Fänge des braunen Terrorapparates, etwa des "Kriminalbiologischen Institutes der Sicherheitspolizei im Reichssicherheitshauptamt", und hatten mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Nicht nur wegen der brutalen Verfolgung im SS-Staat sind die Nachkommen der Jenischen, deren Zahl allein in Österreich, Deutschland, der Schweiz und Frankreich auf einige Hunderttausend geschätzt wird, Meister der Mimikry, der bürgerlichen oder kleinbürgerlichen Unauffälligkeit, ja der Tarnung inmitten einer Gesellschaft, die ihren Vorfahren Jahrhunderte lang eher unfreundlich gesonnnen war. Denn die tiefe Abneigung, ja der Hass der Obrigkeiten auf die umherziehenden und damit der staatlichen Kontrolle kaum zu unterziehenden Jenischen ist keine Erfindung der NS-Ära. 1857 etwa richtete das k. k. Bezirksamt Melk eine Denkschrift an die "hohe Staatsverwaltung" und forderte darin nichts weniger als die Auflösung der damaligen Pfarrgemeinde Sitzenthal bei Loosdorf und die Vertreibung ihrer jenischen Bewohner: "Der Existenz dieser lebensunfähigen Gemeinde Sitzenthal in ihrer jetzigen Gestaltung [ist] ein Ende zu machen. Wenn an der Stelle dieser beinahe heidnischen Vagabundenhorde das Dorf von wenigen, aber fleißigen Arbeiter-Familien bewohnt wäre, welche reichlichen Erwerb fänden, so würde dieses Dorf statt einer Landplage eine Wohltat für unsere an fleißigen Handarbeitern ohnedies großen Mangel leidende Gegend (sein)."

Dieses Dokument des Hasses - das 1865 in den "Blättern für Landeskunde von Nieder-Oesterreich" publiziert worden ist, was als Zustimmung maßgeblicher Schichten zu den wüsten Ausführungen der beamteten Autoren gedeutet werden kann - richtete sich mit aller Schärfe gegen die heutige Loosdorfer Katastralgemeinde Sitzenthal: "Das Dorf zählt 21, größtentheils elende Hütten und Häuser, und außer den paar Quadratklaftern Grund, worauf dieselben erbaut sind, gehört dazu auch nicht das kleinste Stück Hausgrundbesitz. Dennoch kann man, so unglaublich dies scheinen mag, die jeweilig anwesende Bevölkerung von Sitzenthal auf beinahe 200 Seelen annehmen, während die Zahl der in diese Gemeinde zuständigen, welche aber wegen des vagabundierenden Lebens derselben schwer zu eruieren ist, gegen 600 Köpfe betragen soll."

"Schwer zu eruieren" für die Obrigkeit blieben die Jenischen bis heute, misstrauisch gegen die Gadschi, die Nicht-Jenischen, die nie auch nur das geringste Verständnis für die Mühen eines Leben auf der Landstraße aufbringen konnten. Auch die in gesicherter, bürgerlicher Existenz lebenden, in der geschützten Werkstätte ihres Bezirksamtes werkenden Melker Juristen hatten für die gänzlich andere Lebensform nur Verachtung und Verleumdung übrig: "(. . .) fast die ganze Bevölkerung besteht aus herumziehenden Strazzensammlern, ein Geschäft, welches ziemlich einträglich sein könnte. Da diese Leute jedoch von Kindheit an, an ein müßiges Vagabundenleben gewöhnt sind, so betreiben sie auch dieses Geschäft nur so lange, bis sie etwas Geld verdient haben, womit sie dann nach Hause zurückkehren, und sich, so lange das Geld reicht, der gränzenlosesten Faulheit überlassen." Im Übrigen dürfte mit dem mühseligen Sammeln von Lumpen noch keiner wirklich wohlhabend geworden sein, einträglicher war der gehobene Verwaltungsdienst

in einer Bezirkshauptmannschaft allemal.

Zwangsmaßnahmen

Gingen die NS-Behörden gegen die Jenischen vor allem auf der Basis ihrer verworrenen und pseudowissenschaftlichen Rassenlehre vor, so schützte die k. k. Obrigkeit vor allem religiös-moralische Argumente vor, um Zwangsmaßnahmen gegen die jenischen Untertanen ergreifen zu können: "Wie der Herr Pfarrer von Loosdorf als Seelsorger bezeugen kann, ist in Sitzenthal die Zahl unehelicher Kinder bei weitem überwiegend, Konkubinate gibt es bei weitem mehr als Ehen, ja es gibt mehrere Beispiele von 2 bis 3 unehelichen Generationen. Dabei kommen häufig blutschänderische Verhältnisse in den nächsten Verwandschaftsgraden vor. Die meist unehelichen Kinder werden von ihren lüderlichen Eltern von Geburt an in der Welt herumgeschleppt; von Schul- und Kirchenbesuch oder von Religionsunterricht ist fast durchgehends keine Rede. In gänzlicher Unwissenheit, unter den empörendsten Beispielen von Roheit und Unsittlichkeit wachsen diese Kinder auf, und werden von ihren Eltern bloß in Betteln und Stelen unterrichtet."

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Dokument erstellt am 2004-09-10 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:13:00


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