• vom 08.08.2003, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:16 Uhr

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Es war einmal . . . -aber was?




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Der Sohn als Bruder?

Bemerkenswertes zu dieser rätselhaften Edition hat Marc Soriano in seinem Buch "Les Contes de Perrault. Culture savante et traditions populaires" (1968) ausgearbeitet: Über eine Sentenz, die Perraults "Mémoires" einleitet, darin er die Existenz seines sechs Monate nach der Geburt verstorbenen Zwillingsbruders François erwähnt, entwickelt Soriano die Hypothese - "qui reste évidemment une hypothèse" -, Perrault habe diesen Verlust nie zu überwinden gewusst und habe das Zwillingspaar neu formieren wollen. Dazu habe er Pierre verwendet, ihn in die Rolle des ersehnten Zwillingsbruders gedrängt, und für beide seine denkbare Jugend zu kreieren versucht, deren Krönung ein Fabelbuch gewesen sein müsste. Pierre habe das zwar zugelassen, dabei aber eine umfangreiche Agressivität ausgebildet, die, permanent komprimiert, dann umso gewaltiger hervorbrach: Guillaume Caulle. Mit ihm war Pierre 1697 in einen tätlichen Streit geraten, der für Caulle tödlich endete. Dieses Malheur wollte seitens Perrault père mit einer Entschädigung über 2.000 livres an die Mutter Caulle für Medikamente, Verbände und das Begräbnis abgegolten werden. Mutter Caulle aber, mit Signatur ihr Einverständnis erklärend zunächst, stellte kurz darauf die gebotene Summe als möglicherweise zu niedrig in Frage. Die gerichtliche Austragung führte dann dazu, dass die Summe gleich blieb, der Fall aber der Nachwelt zugänglich ist.

Ob Pierre gezielt agiert hat, ist ungeklärt. Jedenfalls kam es hier zu einem Kontrollverlust Pierres, zu einer Entladung seiner Agressivität, die über die Umleitung Caulle wesentlich den Vater oder aber einen väterlichen Anteil gemeint haben könnte. Eine Art Übertragungs-Austragung, ein Ausbruch eines Gegängelten, eines, der begriffen hat, als Vorwand in Verwendung zu stehen? Pierre starb 1700, Soriano vermutet Selbstmord.

Was würde diese Hypothese bedeuten? Dass die "Contes" ein Produkt eines retrospektiven Glücksversuchs sind, eine Illusion, ein Konstrukt du Temps Passé?

Und Darmancour?

Dieser Name in der Widmung, auch "d'Armancour" zitiert, wird in verfügbarem Material meist unkommentiert hingenommen, eine Einstreuung glaubt zu wissen, es handle sich hier um Perraults Stiefsohn, weiß aber nicht zu sagen, wie es zu diesem hätte kommen können. In einem anderen Fall wird Darmancour schlicht durch (. . .) ersetzt und in einem weiteren mit einem nicht näher georteten Besitz der Perraults in Verbindung gebracht. Soriano liefert dazu den Nachweis, dass es zwar eine Gemeinde Armancourt im Departement l'Oise, Arrondissement de Compiègne gibt, in dem dortigen Archiv aber kein Eintrag den Erwerb eines Grundes durch einen Perrault bestätigt. Wer ist also hinter Darmancour verborgen? Der verlorene und begehrte Bruder François? Als "poupée symbolique"? Als "illusion d'optique"? Warum nicht?

Perraults "Mémoires de ma vie" geben weder über den Sachverhalt Darmancour noch über die editorischen Besonderheiten der Märchen Auskunft, sie sind nicht einmal angedeutet. Die Existenz seiner Kinder wird hingegen kurz erwähnt, da er erklärt, er habe sich nach seiner Pensionierung (1683) zurückgezogen, um für deren Erziehung Sorge tragen zu können. Dazu habe er sich in der Nähe des Faubourg Saint-Jacques installiert, von dort es für sie einfach war, in die Schule und wieder nach Hause zu kommen. In einem Pensionat, wo die Sitten nicht von großer Sicherheit sind, wollte er sie nicht wissen. Um wie viele Kinder es sich handelt, wird nicht erwähnt. Diese Memoiren seien auch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt gewesen, bemerkt Paul Bonnefon, Herausgeber der zart kommentierten Ausgabe von 1909. Perrault habe sie für seine Kinder geschrieben, ein Architekt aber, Patte mit Namen, habe sie dennoch publiziert (1759), nicht ohne "quelques lègers changements pour la correction du style" vorzunehmen, die nach Bonnefon so leger nicht waren: Es fehlten mitunter ganze Absätze. Bonnefon hat sie zurückkorrigiert.

Ein namenloses Kind

In den Biographien zu Perrault ist meist von vier Kindern die Rede, Name und Geburtsjahr haben aber nur drei: Charles-Samuel (1675), Charles (1676) und Pierre. Und das vierte? Marie-Jeanne Lhéritier de Villandon (1664 bis 1734), Autorin und Perraults Nichte, hatte in ihren vermischten Werken ("Oeuvres meslées" 1695), die Geschichte "Marmoisan ou l'Innocente Tromperie" an Madmoiselle Perrault dediziert. Soriano hat als mögliches Geburtsjahr 1673/74 recherchiert. So war denn ein weiblich Wesen das erste Kind aus Perraults 1672 geschlossener Ehe mit Marie Guichon (geb. 1654), die sehr jung noch, mit 24 Jahren, ein paar Monate nach Pierres Geburt starb: 1678. Perrault war zu diesem Zeitpunkt 50 Jahre alt, wurde Witwer und hatte für drei Kleinkinder und einen Säugling zu sorgen. Seine Nichte, die ihm Sorge tragen half, spricht in ihrer Widmung an Perraults Tochter ein "agréable recueil de contes" an, eine Sammlung mit erzählt bekommenen Geschichten, die Pierre angelegt hat. Diese als "exercices d'tude" interpretierte Sammlung soll unter Anleitung des Vaters entstanden sein, der mit derartigen "bagatelles" seine Kinder amüsieren wollte. Dieses Heft existiert nicht mehr, dafür aber das daraus gezogene Bild, Pierre habe Perraults "Contes" geschrieben. Über Stilrecherchen (Soriano etwa vermerkt dazu interessante linguistische Details) und Vergleiche mit den drei von Charles Perrault zwischen 1691 und 1695 verfassten "Contes en vers" ("La Marquise de Salusses ou la Patience de Griselidis, Peau d'Ane und Les Souhaits Ridicules") gilt die Autorschaft der "Contes en prose" als ziemlich gesichert.

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Dokument erstellt am 2003-08-08 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:16:00

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