• vom 24.05.2002, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 14:47 Uhr

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Herbeck, Ernst: "Vielleicht eine Legende..."




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Von Uwe Schütte

  • Über den schizophrenen Dichter Ernst Herbeck

Befragt nach dem Sinn des Lebens, erklärte Ernst Herbeck: "Der Sinn des Lebens? Weiterzuleben! Nach dem Tode auch noch weiterzuleben. [.] In der Gestalt eines Königs . . . einer anderen Welt . . . im Altertum zum Beispiel oder in der Steinzeit." Das war im Jahr 1977. Herbeck war 57 Jahre alt und seit über 30 Jahren in psychiatrischen Anstalten hospitalisiert. Die vernichtende Diagnose, die ihm im Alter von 20 Jahren gestellt wurde, lautete auf Schizophrenie. Ein soziales Todesurteil. Herbeck war ein Verrückter, der wie seine Leidensgenossen weggesperrt wurde. Unsere Gesellschaft handelt so nicht nur fürsorglich im Interesse der Kranken, sondern auch um deren irritierenden Anblick nicht ertragen zu müssen. Denn er könnte uns an das Unterdrückte, Verleugnete, Wunderliche in uns selbst erinnern, das wir nicht wahrhaben wollen. Gewaltfantasien, sexuelle Begierden, quälende Albträume, Liebe zu einem anderen Menschen, fester Glaube an ein transzendentes Wesen oder an Utopien wie den Sozialismus - der Keim der Schizophrenie steckt in jedem Menschen.


Der Einzelgänger

Deshalb ist Herbeck einer von uns. Sein Leben fing auch durchaus normal an: 1920 in Stockerau (NÖ) als Beamtensohn auf die Welt gekommen, besuchte er die Volks- und Hauptschule, ging danach für ein Jahr auf eine Handelsschule. Doch ein Geburtsfehler überschattete sein Schicksal: eine Lippen-Kiefer-Gaumenspalte erschwerte Herbeck das Sprechen. Die aus mehreren missglückten Operationen resultierende Hasenscharte stempelte ihn zum Außenseiter. "Tiernamen haben sie mir gegeben. 'Bleda Hund', haben sie gesagt, 'schiache Sau.' " Herbeck wurde ein Einzelgänger. Er spielte die Mandoline, zeichnete gerne und unternahm Bootstouren. Am liebsten war er allein in der Natur, fern den Menschen, die ihn ablehnten.

Als er am 9. Oktober 1938 volljährig wurde, war in Österreich schon seit einem halben Jahr der kollektive Wahnsinn der Geschichte ausgebrochen. Ein Jahr später kam der Krieg. Herbeck war Hilfsarbeiter in einer Rüstungsfabrik, als er im August 1940 im Wiener Universitäts-klinikum erstmals psychiatrisch behandelt wurde. Mit sechzig Insulinschocks versuchte man ihm seine unkontrollierten Lach- und Weinkrämpfe auszutreiben, seine hartnäckige Behauptung, dass er von einem Mädchen hypnotisiert worden sei und per Morsezeichen mit ihr in Kontakt stehe. Die Schocktherapie wirkte. Zumindest zeitweilig. Wieder entlassen, lebte Herbeck noch rund ein Jahr zu Hause und arbeitete als Speditionsgehilfe. Im Jänner 1942 - Hitlers Krieg hatte mit der gescheiterten Winteroffensive im Osten seinen katastrophalen Höhepunkt erreicht - wurde Herbeck aufgrund seiner paranoiden Stimmhalluzinationen einer weiteren Schockbehandlung unterzogen. Nach der Entlassung arbeitete er erneut in einer Munitionsfabrik. Im Oktober 1944 musste er dann in die Naziarmee einrücken, wurde aber nach fünf Monaten als wehruntauglich entlassen. Weder als Kanonenfutter noch als williger Befehlsausführer taugte Herbeck. "Der Tod, der Tod, der Tod! Deshalb wird Krieg geführt!" schrieb er viele Jahre später.

Im Mai 1945 war der Spuk dann vorbei. Herbecks Leiden aber ging weiter. Nachdem er seinen Vater tätlich angegriffen hatte, wurden ihm zehn Elektroschocks versetzt. Seine Erregungszustände beseitigte dies wieder nur vorübergehend. Als Herbeck im Mai 1946 von der Wiener Polizei eines Nachts ziellos in Floridsdorf umherirrend aufgegriffen wurde, überwies man ihn in die Heil- und Pflegeanstalt Gugging. Die Endstation war erreicht. Herbeck sollte, mit einer kurzen Ausnahme, den Rest seines Lebens in Gugging verbringen.

Zum selben Zeitpunkt trat ein frisch promovierter Psychiater seinen ersten Job in der Nervenheilanstalt an: Leo Navratil. Eine ungewöhnliche Beziehung, ja sogar Freundschaft sollte die beiden, Arzt und Patient, für die nächsten 45 Jahre verbinden. Herbeck war dem jungen Arzt bereits bei der ersten Visite aufgefallen. Auf Navratils Frage, was er am liebsten machen würde, antwortete er: "Bootsfahren und Märchenbücher von der Seerose lesen." Der Psychiater verstand solch eine exzentrische Antwort zwangsläufig als Symptom der schizophrenen Störung. Die poetische Schönheit der psychopathologisch derangierten Sprache Herbecks erkannte er erst später. 1960 bat Navratil seinen Patienten, ein Gedicht mit dem Titel "Der Morgen" zu ver-fassen. Herbeck kam der Aufforderung umgehend nach, schrieb in seiner feinen Kurrentschrift stockend die Verse nieder: "Im Herbst da reiht der Feenwind/ da sich im Schnee die/ Mähnen treffen./ Amseln pfeifen heer/ im Wind und fressen."

Solch einen Text auch als Literatur und nicht nur als klinisches Dokument aufzufassen, war ein wichtiger, ein mutiger Schritt Navratils. Ohne der damals modischen Anti-Psychiatrie mit ihren oft absurden Auswüchsen anzuhängen, war Navratil vorurteilsfrei genug, die künstlerisch Begabten unter seinen Patienten zu fördern. Damit gelang es ihm, therapeutische Erfolge zu erzielen und die konkrete Lage der Hospitalisierten zu verbessern, aber auch die im deutschen Sprachraum entscheidende Kehrtwende in der Anerkennung von Kunst aus Irren-anstalten einzuleiten. Für Navratil war dabei zentral, den ursächlichen Konnex zwischen psychischer Erkrankung und künstlerischer Produktion nicht zu leugnen oder aufzulösen. Seine Schützlinge waren ernst zu nehmende Künstler, vor allem aber hilfsbedürftige Patienten. Unter dem von Jean Dubuffet geprägten Ausdruck "art brut" fanden die zumeist bildnerischen Zeugnisse der "zustandsgebundenen Kunst" entmündigter Langzeitpatienten wie Johann Hauser, August Walla, Oswald Tschirtner und anderen bald Eingang in bedeutende internationale Museen und Kunstsammlungen.

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Dokument erstellt am 2002-05-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 14:47:00


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