• vom 22.05.2009, 14:41 Uhr

Kompendium

Update: 22.05.2009, 14:52 Uhr

Literatur

Versenkung in die Werke




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Szondis Hermeneutik

1962 publizierte Szondi den für seine Konzeption der Literaturwissenschaft zentralen Text "Über philologische Erkenntnis" in der "Neuen Rundschau". Darin entfaltete er sein Verständnis einer literarischen Hermeneutik, die sich deutlich von der philosophischen Hermeneutik von Hans-Georg Gadamer absetzte. Gadamer hatte die Literatur als "Ort der Wahrheit" bestimmt, "die uns auf keinem anderen Weg erreichbar ist".

Gegen diese philosophische Deutung, die die philologische Analyse vernachlässigte, stellte Szondi seine Konzeption der literarischen Hermeneutik, die sich auf eine philologische und eine allegorische Deutung stützte. Szondi sprach von einem "sensus literalis" und einem "sensus spiritualis", der als allegorische Auslegung, als "bildliches Anders-Reden" den oft fremd gewordenen Text in die Gegenwart holt und somit die historische Distanz überwindet. Die allegorische Interpretation gibt dem Text eine neue Bedeutung, "die nicht der Vorstellungswelt des Textes, sondern der seines Auslegers entstammt".

Die von Szondi vorgeschlagene Auslegung von literarischen Texten reflektierte die Erkenntnis, dass es keine Gewissheit, keine allgemein verbindliche Methode mehr gibt, wie Kunstwerke zu interpretieren seien. Szondi war davon überzeugt, dass sie nicht lückenlos erschlossen werden könnten und ihren Rätselcharakter beibehielten. Dies betrifft speziell die Textproduktionen der avantgardistischen Literatur, die seit Stéphane Mallarmé mit einem Hermetismus verbunden sind, der mit "einem vielfachen Schriftsinn" behaftet ist.

Im Gegensatz zu Gadamer, der in Paul Celans Gedichtzyklus "Atemkristall" einen "Ort der Wahrheit" aufsuchen wollte, betonte Szondi in einer zentralen Passage des "Traktats über philologische Erkenntnis" zwar die Notwendigkeit, hermetische Gedichte zu interpretieren, warnte aber gleichzeitig vor dem hermeneutischen Furor, das Gedicht besser zu verstehen als der Autor selbst: "Das hermetische Gedicht (...) muss doch in seiner Entschlüsselung als verschlüsseltes verstanden werden, weil es nur als solches das Gedicht ist, das es ist. Es ist ein Schloss, das immer wieder zuschnappt, die Erläuterung darf es nicht aufbrechen wollen."

Dieser Grundsatz bestimmte auch die Schriften Szondis, die sich mit dem Spätwerk Friedrich Hölderlins und der Lyrik Paul Celans befassten. Die Analyse von Lyrik betrachtete er als "unendliche Aufgabe", die mit philologischer Genauigkeit und leidenschaftlichem Engagement betrieben werden sollte. "Die Literaturwissenschaft (...) kann wirkliche Erkenntnisse nur von der Versenkung in die Werke, in die Logik ihres Produziertseins´ erhoffen", notierte er. Wichtig war für ihn das Unverwechselbare und Unvergleichliche jedes Textes.

Hölderlins Fragment "Unterschiedenes ist/ gut" stand programmatisch für Szondis Studien. Der in Frankfurt am Main lehrende Literaturwissenschafler Werner Hamacher, der bei ihm ebenfalls studierte, beschreibt seinen Lehrer als einen Differenzialisten, von dem man lernen könne, "dass nicht nur jeder Autor, sondern auch jeder Leser ein Einzelgänger sei. (...) "Seine Philologie sei eine Form des politischen Widerstands gegen Typisierungen und Kollektivierungen und des Kampfs dafür, dass jeder anders als der Andere ist." Und Gert Mattenklott ortet "eine Sprachgerechtigkeit; als müsste man stets gewärtig sein, dass man von den Sachen verklagt wird, wenn man sich dagegen vergeht".

Szondi ging seiner Interpretation von Paul Celans Gedicht "Engführung" davon aus, dass der poetische Text nicht länger die Wirklichkeit repräsentiere, sondern eine poetische, bisher unbekannte Realität schüfe. Das Gedicht sei ein "Textgelände", in dem sich der Leser in einer "terra incognita" bewege. Er/sie sei

"VERBRACHT ins/

Gelände/

mit der untrüglichen Spur"

(Celan: "Engführung").

Mit Celan verband Szondi eine tiefgehende Freundschaft, die seit 1959 bestand. Ihre Freundschaft in "dieser so unfreundlichen Welt" bewährte sich in verschiedenen Situationen, in denen Celan von Literaturkritikern angegriffen und von Claire Goll - der Witwe des Schriftstellers Ivan Goll - des Plagiats beschuldigt wurde.

Das Fundament der Freundschaft bildete das Erlebnis des nationalsozialistischen Terrors. Als Überlebende des Holocaust waren beide Opfer psychisch traumatisiert; sie litten an lang anhaltenden Depressionen, die sie häufig am konzentrierten Arbeiten hinderten. Das Grundgefühl des Autors Celan und des Literaturtheoretikers Szondi charakterisiert eine Passage von Friedrich Hölderlins Gedicht "Die Hälfte des Lebens": "Die Mauern stehn/ Sprachlos und kalt, im Winde/ Klirren die Fahnen".

Celan beendete sein Leben vermutlich am 20. April 1970 durch den Freitod in der Seine; am 18. Oktober 1971 ertränkte sich Szondi im Berliner Halensee.

Nikolaus Halmer, geboren 1958, Studium der Philosophie, Romanistik, Theaterwissenschaft. Mitarbeiter der Wissenschaftsredaktion des ORF; Schwerpunkte: Philosophie, Kulturwissenschaften.

Literaturhinweise

Peter Szondi

Schriften I, suhrkamp taschenbuch wissenschaft (stw 219), Frankfurt/Main, 1978, 418 Seiten, 13,40 Euro.

Schriften II, stw 220, Frankfurt 1978, 458 Seiten, 13,90 Euro.

Studienausgabe der Vorlesungen in fünf Bänden, stw 15/40/72/90/124, Frankfurt 1973, 2158 Seiten, 62,80 Euro.

Paul Celan/Peter Szondi: Briefwechsel, Suhrkamp, Frankfurt, 264 Seiten, 20,40 Euro.

Sekundärliteratur

Oliver Simons: Literaturtheorien. Junius, Hamburg 2009, 192 Seiten, 13,90 Euro.

Michael Klein/Sieglinde Klettenhammer (Hg.): Literaturwissenschaft als kritische Wissenschaft. LIT, Wien 2005, 179 Seiten, 12,90 Euro.

Martin Hainz: Masken der Mehrdeutigkeit, Celan-Lektüren mit Adorno, Szondi und Derrida. Braumüller, Wien 2003, 200 Seiten, 34,90 Euro.

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Dokument erstellt am 2009-05-22 14:41:00
Letzte Änderung am 2009-05-22 14:52:00


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