• vom 17.04.2009, 14:45 Uhr

Kompendium

Update: 17.04.2009, 14:46 Uhr

Katharina Turecek hat ein "Elefantengedächtnis", war Juniorgedächtnismeisterin und lehrt heute Merktechniken

Die totale Erinnerung




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Apropos sportlich. Im intellektuell wohl anspruchsvollsten Mannschaftssport war sie ebenfalls erfolgreich. Im Fußball? (Die Abseitsregel ist ja bloß was für geistig Fortgeschrittene.) Nein, im Schach. (M wie matt, SCHACHmatt.) "In der Schule hamma eine Mädelsmannschaft ghabt. Im Raum Wien, da waren wir Meister." Seit wann, bitte, ist Schach ein Mannschaftssport? "Na ja, da spielen dann vier Spieler gegen andere vier Spieler auf vier Brettern." Ach so. Und irgendwann zwischen dem Punkt "Meidling" und "Memoriade" hat die Mneme, die Muse der Erinnerung, sie überschwänglich auf die Stirn geküsst. Oder vielleicht weniger auf den Frontallappen als auf die rechte Hirnhemisphäre, wo die Kreativität werkelt, denn die schöpferischen Mnemotechniken, die "das Elefantenhirn" jetzt in Seminaren lehrt, müssen ja irgendwoher kommen. Oder zumindest die Lust daran. Am Eselsbrückenbauen, am Knoten-ins-Schnäuztüchl-Machen, am Malen von fantasievollen Bildern im Kopf, wie sie es in ihren Büchern beschreibt (zuletzt in "Clever lernen - Kids", erschienen im Hubert-Krenn-Verlag).

Die Bodypaintingmethode zum Beispiel. Einkaufszettel braucht man nie wieder einen, wenn man daheim sein Gesicht so manieristisch schminkt, dass man sich schon selber für ein Opus von Arcimboldo hält, also die Dinge, die man besorgen will, in einen gewagten Zusammenhang mit Nase, Ohren, Haaren bringt (im Geiste). Wer weiß, womöglich hat der Anonymus, der der Menschheit die Redensarten "Tomaten auf den Augen" und "Bohnen in den Ohren" geschenkt hat, sich einfach die Zutaten für ein Spezialratatouille merken wollen, für ein seit Generationen nur mündlich überliefertes Rezept. Nein, eher nicht.

Und wer ein miserables Namensgedächtnis hat, kann ja eine legendäre, ziemlich absurde Personenbeschreibung ("Er ist schön wie die zufällige Begegnung eines Regenschirms und einer Nähmaschine auf einem Seziertisch"), also diese poetische Vision, die ein gewisser Lautréamont gehabt hat, dazu verwenden, den Namen eines Gerichtsmediziners zu memorieren. (Besonders wenn man sich dieses Meeting lebhaft ausmalt, wie die Nähmaschine einen obduzierten, total zerfledderten Regenschirm wieder zusammenflickt.) Sofern der Pathologe halt Robert heißt (wie der fliegende aus dem "Struwwelpeter", der ja mit einem Schirm entfleucht ist). Robert Schneider. (Wegen der Nähmaschine.) Das hab ich freilich nicht von der Expertin. Ich wollt´ nur ein bissl damit angeben, dass ich ein Zitat von Lautréamont kenne.

Zurück zur Biografie unter besonderer Berücksichtigung des Buchstabens M. Nach der Matura: Max-Planck-Institut in München. Was? Einfach so? Gewissermaßen. "Ich war da ziemlich ungeniert. Bin einfach hingfahren, ich möcht Gehirnforscherin werden, was muss ich da machen? Und die ham eben gsagt: Studier amal Medizin." Also Medizin. In Wien. Mit Auslandssemestern bzw. Praktika in den Niederlanden, in Dänemark, in Grönland. Und während des Studiums hat diese gewisse Sache angefangen. Die Sache mit M.

M wie Maat. Nach einem Segeltörn in Holland nämlich, der enormen Eindruck auf sie gemacht hat, hat sie, gar nicht schüchtern, frech ein Bewerbungsschreiben verfasst. "Ich hab gschriebm: ,Ich bin Österreicherin, ich hab eigentlich noch nie gesegelt, nur eine Woche, und das hat ma gfallen. Ich kann kein Wort Holländisch, aber ich würd gern segeln kommen.' Hat sich natürlich niemand gmeldet. Und irgendwann im Juni krieg ich doch einen Anruf von einer Skipperin. Ein Matrose sei von Bord gegangen, ich kann morgen anfangen." Tja, und da hat sie halt für ein halbes Jahr angeheuert. War dann jeweils in den Sommerferien segeln und hat neuerdings einen eleganten Weg gefunden, Meeresbrise und Hirngymnastik unter einen Hut zu bringen. Oder auf ein Boot. Ihr Geheimnis: Sechs Frauen und ein Kapitän. Jö, das hört sich ja an wie ein postpatriarchalischer Wikingerfilm ("Wickie und die starken Frauen"). Klingt nach Salzwasserromantik à la "Das Traumschiff". Nur dass hier nicht Sascha Hehn mitspielt (als Chef steward), sondern Vincent de Vrijer (als er selbst, als Skipper).

Obst und Gemüsli

Als Merkprofi Turecek sich vor einem Jahr mit fünf Partnerinnen zusammengetan hat, um "a-head" zu gründen (das "Institut für individuelles Wissensmanagement" - www.a-head.at -, das alles anbietet von der Lernberatung bis zum Schreibtraining, das schreibverklemmte Autoren enthemmt), da wurde besagter Vincent (Gogh zum Gruß!) der Mann in Holland. Der Kapitän beim Projekt "Meerwert". Seminarreisen auf Traditionsseglern. ( "Wenn schönes Wetter is, kömma eine Beamerpräsentation aufs Großsegel machen." ) Ich schau mir sonnige Fotos an und amüsiere mich kindisch über einen Schiffsnamen: "Vliegende Draeck. Hihihi." Turecek, die des Holländischen inzwischen mächtig ist, versteht nicht, was daran so komisch sein soll: "Ja, Drache." (Oh, ich hab gedacht, "Draeck" wär´ irgendwas Unhygienisches.)

Frau Doktor, hat eine Ignorantin wie ich, die immun gegen das Kleine Einmaleins ist (und sich nicht einmal zu hirngerechter Ernährung durchzuringen vermag, also zu Müsli bzw. zu Obst und Gemüsli), eigentlich eine Chance, das doch noch in den Schädel zu kriegen? Als Therapie werden mir Post-its verordnet. Was? Papier soll ich essen? Nein, in der ganzen Wohnung verteilen ("8 x 7 = 56", "6 x 4 = 24" etc.). Am Häusl, auf dem Kühlschrank .. . Und sie drückt mir gleich ein Packl Haftnotizzettel in die Hand. Und nach bedeutungsvollem Zögern: "Oh, da geb ich lieber noch a zweites dazu." Ach Gott! Das Einmaleins ist lang! (Und kurz ist unser Leben.)

Claudia Aigner hat Germanistik und Kunstgeschichte studiert und lebt als Journalistin in Wien.

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Dokument erstellt am 2009-04-17 14:45:40
Letzte Änderung am 2009-04-17 14:46:00


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