• vom 26.09.2008, 15:25 Uhr

Kompendium

Update: 26.09.2008, 15:29 Uhr

Kommunikation

Von Menschen und Zebrafinken




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Von Peter Markl

  • Das Gen namens FOXP2 ist für die Sprachfähigkeit des Menschen äußerst wichtig, es kommt aber auch im sprachlosen Tierreich häufig vor
  • Eigentlich begann die Geschichte schon 1990 in einer Ambulanz des "Institute of Child Health" des University College in London.

Die Sprache ist ein komplexes System, das aber schon von Kindern gelernt werden kann. Foto: Bilderbox

Die Sprache ist ein komplexes System, das aber schon von Kindern gelernt werden kann. Foto: Bilderbox

Die Sprache ist ein komplexes System, das aber schon von Kindern gelernt werden kann. Foto: Bilderbox

Die Sprache ist ein komplexes System, das aber schon von Kindern gelernt werden kann. Foto: Bilderbox Die Sprache ist ein komplexes System, das aber schon von Kindern gelernt werden kann. Foto: Bilderbox

Die dortigen Ärzte versuchten, einer Gruppe von Patienten zu helfen, die alle einer einzigen großen Familie entstammten: der mittlerweile legendär gewordenen "KE-Familie", die aus Pakistan nach London gekommen war. Von den 37 Familienmitgliedern aus vier Generationen, deren Lebensläufe bekannt sind, litten 15 an einer schweren Artikulations- und Sprachstörung. Sie waren - besonders im Kindesalter - nicht imstande, die Bewegungen ihrer Zunge und Lippen richtig zu koordinieren. Doch waren ihre Probleme nicht allein motorischer Natur: auch ihr Sprachverständnis war mangelhaft, ihre Sätze waren meist in spezifischer Weise grammatikalisch falsch, ohne dass die Kinder ihre Fehler zu erkennen vermochten.


Sprachliche Beeinträchtigungen können natürlich eine Vielzahl von Ursachen haben - etwa eine verzögerte geistige Entwicklung, Intelligenzprobleme, Autismus, Schwierigkeiten beim Hören oder schlechter Einfluss durch eine sprachlich wenig differenzierte soziale Umwelt. Aber nachdem man in langwierigen Untersuchungen alle diese Faktoren als Ursache ausgeschlossen hatte, blieb bei der "KE-Familie" eine Gruppe "spezifisch sprachlicher Beeinträchtigungen" übrig, deren Ursache rätselhaft war. Waren sie genetisch bedingt?

Das Sprachvermögen

Gibt es überhaupt ein SprachGen? Eine mögliche Antwort auf diese Frage hat schon Charles Darwin gegeben, als er 1871 angesichts vor sich hin brabbelnder Babys über eine "instinktive Tendenz der Menschen, eine Sprache zu entwickeln", sinnierte, während doch im Gegensatz dazu kein Kind "eine instinktive Tendenz dazu hat, zu backen, zu brauen oder zu schreiben".

Wieder aufgegriffen wurde die Frage nach den genetischen Wurzeln der Sprache etwa ein Jahrhundert später, vor allem von dem Linguisten Noam Chomsky, der darauf hinwies, dass das Sprachvermögen eine universelle und sehr komplexe Fähigkeit der Menschen sei, die von Kindern ohne explizite Instruktionen verblüffend schnell erworben wird. Der Neurologe Eric Lenneberg erinnerte jedoch daran, dass es beim Spracherwerb immer wieder Pannen gebe und dass dabei auch genetische Ursachen eine Rolle spielen könnten. Dafür fand man immer überzeugendere Indizien: Man spürte immer wieder Familien auf, in denen "spezifisch sprachliche Beeinträchtigungen" gehäuft auftraten und ein Vererbungsmuster vermuten ließen. Viel weiter war man damals allerdings nicht gekommen, da die Vererbungsmuster unentwirrbar kompliziert zu sein schienen.

Das hat sich mit der Entdeckung der "KE-Familie" geändert. Für die Genetiker war sie ein unwahrscheinlicher Glücksfall, denn in dieser Familie zeigte sich durch vier Generationen ein einfaches Vererbungsmuster: welche Gene auch immer den Defekt verursachten, es waren stets ein oder mehrere dominante Gene, die nicht auf einem Sex-Chromosom saßen. Jetzt schien es möglich, die genetischen Grundlagen der Sprache zu erschließen.

2001 gelang es den Experten um Tony Monaco am "Wellcome Trust Research Center for Human Genetics" in Oxford unter Einsatz des ganzen Arsenals der Genetik jenen Gendefekt zu identifizieren, der die Beeinträchtigungen hervorrief: nämlich die Mutation eines einzigen Gens, das die Symptome verursacht. Seine Codename: FOXP2.

Dieses Gen enthält die Bauanleitung für die Synthese eines Proteins, das im verschränkten Netzwerk von Genen eine Schlüsselfunktion hat: das FOXP2-Protein ist ein sogenannter Transkriptionsfaktor, der die Aktivität anderer Gene steuert, indem es den Schalter blockiert, mit dem andere Gene angeschaltet werden könnten. Die Frage, wieso das vom mutierten Gen produzierte defekte Transkriptionsprotein nicht funktioniert, kann heute bis in die molekularen Details hinein beantwortet werden. Das normale FOXP2-Protein enthält an der Stelle 553 seiner 715 Aminosäurereste langen Kette die Aminosäure Arginin, das funktional defekte Protein dagegen Histidin. Die erkrankten Mitglieder der "KE-Familie" hatten aber nur ein FOXP2-Gen, nach dessen genetischer Information ein funktionales Protein gebaut werden kann; und hatten damit nicht genügend von dem Transkriptionsfaktor, der zu einer normalen neuronalen Gehirnentwicklung und zur vollen Sprachfähigkeit führt.

Mittlerweile hat man die Mechanismen, die zu solchen sprachlichen Beeinträchtigungen führen, erstaunlich detailliert klären können. Man weiß, wo und wann in einem sich entwickelnden Embryo das normale FOXP2- Gen angeschaltet ist, und welche Folgen es für die Struktur und Funktion des Gehirns hat, wenn ein defektes FOXP2-Gen das für die weitere Embryonalentwicklung notwendige Expressionsmuster der später aktivierten Gene durcheinanderbringt, weil es einen nicht funktionstüchtigen Transkriptionsfaktor produziert.

Alle diese Resultate gehören zweifellos zu den faszinierenden Glanzstücken der biologischen Forschung. Doch sie gaben auch den Anlass zu jenen durch Fakten kaum im Zaum zu haltenden Fantasien, die 2001 von diesen Anfangserfolgen hervorgerufen wurden: in der Presse (und auch unter Genetikern, die sich heute ziemlich ungern daran erinnern) erklärte man das FOXP2-Gen zum "Sprach-Gen" oder "Grammatik-Gen".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-09-26 15:25:54
Letzte Änderung am 2008-09-26 15:29:00


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