• vom 18.04.2008, 14:54 Uhr

Kompendium


Mythologie

"Flügel, die ein Gott dir leiht..."




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Von Norbert Leser

  • Die Mythologie schwingt sich zu den höchsten Fragen der Menschheit auf - sie bedarf aber der wissenschaftlichen Entschlüsselung und Deutung, um uns verständlich zu werden
  • Karl Popper, der weltberühmte österreichische Philosoph, hat eine Dreiweltenlehre entwickelt, die schon bei seinem österreichischen Kollegen Bernhard Bolzano im 19. Jahrhundert präformiert erscheint.

Hermes war der Götterbote, aber auch der Gott der Händler, der Übersetzer und der Diebe. Von ihm hat die philosophische Disziplin der "Hermeneutik" ihren Namen bekommen. Foto: Wikimedia

Hermes war der Götterbote, aber auch der Gott der Händler, der Übersetzer und der Diebe. Von ihm hat die philosophische Disziplin der "Hermeneutik" ihren Namen bekommen. Foto: Wikimedia Hermes war der Götterbote, aber auch der Gott der Händler, der Übersetzer und der Diebe. Von ihm hat die philosophische Disziplin der "Hermeneutik" ihren Namen bekommen. Foto: Wikimedia

Dieser Lehre zufolge zerfällt die uns zugängliche Wirklichkeit in drei Teile: Der erste Teil manifestiert sich in der uns umgebenden Natur, die gewissen Gesetzen unterliegt, der zweite besteht aus den im Menschen beheimateten und wirkenden Phantasien und Gedanken, der dritte schließlich offenbart sich in den menschlichen Werken, die menschlichen Gedanken entspringen und in Form von Technik die Natur verändern oder in Gestalt von Kunstwerken, die Menschen erfreuen und dem Prinzip der Schönheit, welche von der Ästhetik erforscht wird, unterworfen sind.

Der Bereich der Natur, der uns zunächst einmal unverändert gegeben ist, wird von den Naturwissenschaften untersucht, welche die einzelnen Naturphänomene aus Naturgesetzen ableiten. Im Gegensatz zu diesen, von den Neokantianern als "nomothetisch" bezeichneten Wissenschaften, lassen sich intellektuelle Produkte, obwohl sie aus einem übergreifenden Geist stammen, nicht aus einem Gesetz ableiten, wie die Naturphänomene. Allen geistigen Schöpfungen haftet vielmehr etwas Einmaliges und Unwiederholbares an, weshalb die sie erforschenden Wissenschaften auch als "idiographische" bezeichnet wurden.

Suche nach Wahrheit
Die Welt des Geistes will aber dennoch auf wissenschaftliche Weise erklärt werden, und bei geistigen Gebilden geht es stets auch darum, sie zu verstehen oder wenigstens den Versuch zu unternehmen, sie aus sich selbst zu begreifen. Die Begründer dieser nach dem antiken Götterboten Hermes benannten Disziplin wurden im deutschen Sprachraum durch den Philosophen und Theologen Friedrich Daniel Schleiermacher (1768 - 1834) und den Philosophen Wilhelm Dilthey (1833 - 1911) begründet: Die Hermeneutik ist bis zum heutigen Tag eine notwendige Ergänzung und Vertiefung der Geisteswissenschaften geblieben.

Die Philosophie und die mit ihr verwandte Theologie sind darum bemüht, die Wahrheit oder die Wahrheiten in ihren vielfältigen Erscheinungsformen zu erkunden, aber auch zu der zentralen Wahrheit, die alle Einzelwahrheiten fundiert, vorzudringen. Da aber die absolute Wahrheit, der wir uns immer nur annähern können, nicht direkt zugänglich ist und nur auf Umwegen und in Bildern, Tropen und Typen darstellbar ist, ist der Mensch auf den Mythos verwiesen und angewiesen, der das Eigentliche der Wahrheit, das Kerygma, zwar beschreibt, gleichzeitig aber auch verhüllt.

Die umfassendsten Mythologien, jene der antiken Tradition, die wir bei den großen Dichtern Homer und Hesiod, aber auch bei anderen Autoren vorfinden, beziehen sich auf die Theogonie und die Kosmogonie, also auf die Umkreisung des Ursprungs und die Herleitung der Welt aus dem philosophisch-theologischen Urprinzip, das aber kein bloßes Abstraktum, sondern auch, ja vor allem eine Person ist.

Auch und gerade die Mythologie, die sich zu den höchsten Seinsarten und Seinsfragen aufschwingt, bedarf im Sinne des Gesagten der hermeneutischen Aufarbeitung und Entschlüsselung. An diesem Punkt setzt mein Schüler Paul Sailer-Wlasits, der schon 2003 mit einer Monographie zum Thema "Die Rückseite der Sprache. Philosophie der Metapher" hervorgetreten ist, mit seinem 2007 veröffentlichten Werk "Hermeneutik des Mythos. Philosophie der Mythologie zwischen Logos und Lexis" an. Er geht auf die antike Mythologie in ihren verschiedenen historischen Ausprägungen zurück, bleibt aber nicht bei dieser stehen, sondern wagt sich bis ins 19. und 20. Jahrhundert vor, bis zum Dichter Friedrich Hölderlin und zum Philosophen Martin Heidegger.

Die prophetischen Philosophen und die Dichter, zu denen auch (mein persönlicher Lieblingslyriker) Stefan George gehören, sind es, die dem Sein durch die Sprache zur Klarheit über sich selbst verhelfen, obwohl sich diese Klarheit nur auf Umwegen einstellt, die aber, richtig verstanden, keine "Holzwege" (im Sinne Heideggers) sind, sondern einen Königsweg eröffnen.

Auch die neutestamentliche Theologie kommt ohne Metaphern und Mythen nicht aus, woraus aber nicht der von Religionskritikern vielfach gezogene Schluss statthaft ist, dass sich die Theologie im Mythos und dieser in Märchen oder Legenden auflöse. Wohl bleibt jede menschliche Rede von Gott als dem Ursprung der Welt an menschliche Verständnis- und Sprachschranken gebunden, ist aber deswegen keineswegs überflüssig oder nichtssagend.

Wohl ist mit dem großen Philosophen und Kirchenmann Nikolaus Cusanus zuzugeben, dass die Theologie insoferne eine "docta ignorantia" ist, als sie hinter ihrem Objekt so weit zurückbleibt, als die Immanenz stets gegenüber der Transzendenz defizitär bleibt; sie bleibt aber als Annäherung an den verborgenen Gott, den "Deus absconditus" legitim und unverzichtbar.

Wer Gott schaut, stirbt
Freilich können philosophische und theologische Aussagen nie den Anspruch erheben, Letztgültiges über Gott auszusagen oder gar die "visio Dei" zu ersetzen, schon deshalb nicht, weil es bereits im Alten Testament heißt: "Der stirbt, der Gott schaut" (2. Mose 33, 23). Auch in diesem Zusammenhang wird die Verbindung von theologischem mit antikem philosophischen Denken deutlich.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2008-04-18 14:54:07
Letzte Änderung am 2008-04-18 14:54:00


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