• vom 02.03.2007, 15:39 Uhr

Kompendium

Update: 02.03.2007, 16:38 Uhr

Theater

Ein Chauffeur mit Fernlenkung




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Von Volker Klotz

  • Die Komödie "Eins, zwei, drei" von Franz Molnár ist moderner, als sie auf den ersten Blick zu sein scheint.
  • Egy, kettö, havrom (Eins, zwei, drei): so lautet der Titel eines sarkastischen Lustspiels aus dem Jahr 1931, das der damals schon gealterten Neuen Sachlichkeit einen provisorischen Nachruf verpasste. Geschrieben hat es der heutzutage unterschätzte Ferenc Molnár, Ungarns weltweit berühmtester Autor von Nicht-nur-Boulevard-Stücken. "Nicht-nur-Boulevard" meint, dass Molnár die konventionell gefällige Machart des Schwanks mit ungefälligen Elementen des konventionsfeindlichen Avantgarde-Theaters durchsetzt.

Molnárs "Eins, zwei, drei" wurde 1961 von Billy Wilder zeitgemäß adaptiert und verfilmt. Pamela Tiffin spielte damals die Industriellentochter, Horst Buchholz den unstandesgemäßen Liebhaber. Foto: ZDF

Molnárs "Eins, zwei, drei" wurde 1961 von Billy Wilder zeitgemäß adaptiert und verfilmt. Pamela Tiffin spielte damals die Industriellentochter, Horst Buchholz den unstandesgemäßen Liebhaber. Foto: ZDF Molnárs "Eins, zwei, drei" wurde 1961 von Billy Wilder zeitgemäß adaptiert und verfilmt. Pamela Tiffin spielte damals die Industriellentochter, Horst Buchholz den unstandesgemäßen Liebhaber. Foto: ZDF

Eins, zwei, drei: mit atemberaubender Geschwindigkeit wird ein plebejischer Taxifahrer umgekrempelt zum weltmännischen, kapitalkräftigen Großunternehmer. Molnárs Stück geht aus - und setzt sich zugleich entschieden ab - von Bertolt Brechts ebenfalls sarkastischem Lustspiel "Mann ist Mann". Fünf Jahre zuvor hatte es nachhaltiges Aufsehen erregt. Kein Wunder, erschien es doch als verstörend neuartiges Bühnenwerk.


Einem bildungsbürgerlichen, allenfalls Ibsen-geimpften Publikum musste Brechts unverfrorene Titelthese übel aufstoßen. Vollends, da sie in einem künstlich rüpelhaften Bühnengeschehen teils durchgespielt, teils dozierend abgehandelt wird. Am Modell des harmlosen Hafenarbeiters Galy Gay, der ruckartig mutiert zum massenmörderischen Soldaten der britischen Kolonialarmee, erweist sich Szene für Szene, was die Titelthese besagt: Mann ist Mann; es gibt und es braucht keine individuelle Persönlichkeit; jeder Mensch lässt sich ersetzen und einsetzen für fremde Zwecke.

Gleichfalls befremden musste das Publikum der illusionszerstörerische szenische Hergang dieses Anti-Lustspiels, das Brechts "episches Theater" erstmals vor Augen und Ohren führte. Jahrmarktartig mit frontalen Anreden, Zwischensprüchen und Songs, bald in rüder Prosa, bald in vierschrötigen Versen.

Auch in Molnárs Stück wird jemand ummontiert. Sogar einer, der von Berufs wegen seinen Kraftwagen steuert und auch repariert: Antal, der fesche Taxichauffeur. Wie Brechts Galy Gay wird auch ihm ausgetrieben, was und wer er vorher war. Eins, zwei, drei: ein Ablauf wie beim Zauberer im Varieté, vom Autor beschleunigt durch die atemberaubende Ereignisfolge seines pausenlosen Einakters. Blitzschnell ereilt ein Zugriff nach dem andern diesen wehrlosen Kerl, bis das endlich erreichte Ziel der Verwandlungsprozedur den Startpunkt nicht mehr erkennen lässt. Denn das menschliche Objekt - nicht länger Subjekt -, das hier unentwegt traktiert wird, es ist zu etwas anderem geworden. Antals neues Un-Selbst hat sein altes Selbst aus dem Blickfeld geschlagen. Nicht nur beim Betroffenen, auch bei seiner regen Umgebung: beim schier allmächtigen Fabrikanten Norrison, der die Verwandlung erdacht und ingeniös hat durchführen lassen, auch bei Antals geliebter Braut Lydia, die der Anlass dazu war.

Norrison nun ist entsetzt, sobald ihm Lydia gesteht, dass sie heimlich einen Chauffeur geheiratet hat. War ihm doch die junge Dame zur Obhut gegeben worden von ihrem Vater, den gefürchteten Boss eines nordamerikanischen Großkonzerns, von dem das Schicksal der Norrison-Fabriken abhängt. Und nun steht, laut Telegramm, die verfrühte Ankunft von Lydias Eltern ins Haus und damit, wie Norrison befürchten muss, sein eigener geschäftlicher Ruin, wo er doch die schlimme Fehltreterei des Konzerntöchterchens nicht verhindert hat. Drum tut er alles, um schleunigst aus dieser Mesalliance das "Mes" zu löschen. Nur einen Weg sieht er: es muss der gesetzlich angetraute Taxifahrer wer anderer werden. Ein Mann von überragendem Format, nicht nur beruflich, auch in Sachen Vermögen, Auftreten, Herkunft und Bildung. Prestissimo.



Die Umgestaltung
Souverän die unabsehbaren Fäden seiner Verbindungen ziehend, lässt Norrison vielerlei Fachleute antreten, damit jeder auf seinem Gebiet verrichte, was da ansteht. Binnen kürzestem ist der mangelhafte junge Ehemann umzugestalten vom schäbigen Vorstadtplebejer in eine weltläufige wirtschaftliche Führungskraft. Unaufdringlich vornehm wird Antal eingekleidet. Und eingeschliffen wird ihm, wie man in feinsten Kreisen sich bewegt, wie man spricht und tanzt; wie man an der Börse spekuliert. Eine herrschaftliche Villa und sogar ein erblicher Adelstitel fällt ihm zu.

All dies passiert, während auf der eindrucksvollen Wanduhr im Chefpalastzimmer die Sekundenzeiger unerbittlich die Minuten- und die Stundenzeiger überholen. Vorerst verhält Antal sich widerborstig, immerhin war er Mitglied der Arbeiterpartei. Doch allmählich kriegt der gelehrige Herr Chauffeur Geschmack an den herkulischen Leistungen, die ihm dieses Schnellverfahren abverlangt. Gefügig macht ihn weniger das schöne Leben in Reichtum, das ihm winkt, als sein eigener Ehrgeiz, der Drang eines Super-Musterschülers, der spielend als einziger vollbringt, woran alle anderen scheitern müssten. So vermeint denn am Ende auch Antal, dem alle ringsum gratulieren, sein Glück gemacht zu haben. Am Ende tritt der ehemalige Taxifahrer als lebensechter Inbegriff eines modernen Großunternehmers ab. Im Lauf des Bühnengeschehens ergänzen die beiden gegensätzlichen Berufsbilder einander zu einem Diptychon jener "Neuen Sachlichkeit", wie sie das Publikum von 1931 erleben kann.

So könnte man meinen, nicht jener Brecht sondern dieser Molnár, der hier allernächste, neueste Verhältnisse in den Blick rückt, sei der eigentlich avantgardistische Dramatiker. Fehlgemeint. Denn schon der Schauplatz von "Eins, zwei, drei" vergönnt jeder gewohnheitsseligen Zuschauerschaft, was ihr Auge begehrt. Lindernd konventionell gibt sich die elegante Business-Kommandobrücke: stilechtes Mobiliar auf kostbarem Teppich, stilechte Schreibtische mit vielen Telefonen in teurem Design. Scharf setzt sich solche Szenerie ab von jener in "Mann ist Mann".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2007-03-02 15:39:45
Letzte Änderung am 2007-03-02 16:38:00


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