• vom 28.10.2006, 00:00 Uhr

Kompendium


Journalismus

"Toooor! Toooor für Österreich!"









Es soll einmal eine Zeit gegeben haben, in der die Fußballmannschaften von Österreich und Ungarn zu den besten der Welt gezählt haben, die österreichische war nur geringfügig schlechter als die ungarische, doch die schlechtere besiegte die bessere im Oktober 1961 in Wien sensationell mit 2:1, was nicht nur für die Zuschauer, sondern auch für Meisel ein wahres Freudenfest war, sodass er nach dem Schlusspfiff noch völlig außer sich offenherzig bekannte: "Verzeihen Sie meine Nervosität, aber da müsste man ja ein Muli sein, wenn man sich hier nicht aufregt." Muli? Egal, man wusste, was gemeint war, und das genügte. Im März 1965 jubelte er abermals über ein historisches 2:1. Österreich hatte nach zwanzig Jahren wieder einmal die Franzosen besiegt - noch dazu in Paris.

Freilich berichtete er auch von Niederlagen. Von solchen, die als ausgleichende Gerechtigkeit eingestuft wurden, wie das 0:3 gegen Ungarn in Budapest 1965, und anderen, die man als Schmach empfand, wie das 1:6 gegen Deutschland im WM-Semifinale 1954. Nicht zuletzt aufgrund ihrer historischen Dimension förderten sie Meisels Ruf als leidenden und trauernden, manchmal auch sarkastischen Reporter. Im WM-Halbfinale gegen Deutschland, als alles daneben ging, was daneben gehen konnte, verdeutlichte er die Ohnmacht der Österreicher gegenüber der Dominanz des Gegners anhand zweier Spieler: " Der Probst ist ja bei Liebrich so was von aufgehoben, als wäre er ein Wickelkind und der Liebrich seine Mutter." Den Satz verwendete Regisseur Sönke Wortmann noch fünfzig Jahre später in seinem Spielfilm "Das Wunder von Bern".



Wunder von Wembley
In Meisels letztem Lebensjahr ließ ihn das Schicksal noch große heimische Sporterfolge miterleben: Hans Furian gewann 1965 überraschend die Österreich-Radrundfahrt. Karl Schranz entschied 1966 in Kitzbühel die Kombination für sich, was ihn zum "echten" Hahnenkammsieger krönte. Und dann war da natürlich Wembley gewesen, der 20. Oktober 1965.

An jenem Tag gelang der österreichischen Fußballnationalmannschaft, was vor ihr nur Ungarn und Schweden geschafft hatten: England auf eigenem Boden zu besiegen. Gleich dreimal bot sich für Meisel die Gelegenheit, sein lang gezogenes, mehrmals wiederholtes "Toooor!" ins Mikrofon zu brüllen. Für Österreich bedeutete der 3:2-Sieg eine fußballerische Heldentat, die wahrscheinlich über die Sensation von Cordoba 1978 zu stellen ist. Heribert Meisel jedoch hatte an jenem Tag zum letzten Mal über ein österreichisches Tor gejubelt. Am 31. Oktober 1966 starb er, kurz nach seinem 46. Geburtstag.

Thomas Karny, geboren 1964. Sozialpädagoge, Journalist und Autor mehrerer Buchveröffentlichungen zur Zeit- und Motorsportgeschichte. Lebt in Graz.

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Dokument erstellt am 2006-10-28 00:00:01
Letzte Änderung am 2006-10-27 17:07:00


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