• vom 07.01.2005, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 12:11 Uhr

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Kostbare poetische Fracht




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Von Evelyne Polt-Heinzl und Ursula Seeber

  • Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers und Publizisten Ernst Schönwiese

Und Sie werden mir doch nicht einreden wollen, Herr Flesch, dass Sie mit Ihrer Emigrantenvergangenheit ein moralischer Mensch sind? Die schlechte Stimmung des "Herrn Professors" vom Österreichischen Rundfunk schlägt rasch um, als er das Mitbringsel gewahrt: "Der grobe Bär lief auf seinen Watschelfüßen" zum Tisch mit den mitgebrachten Saccharin-Schachteln und schnuppert und ist pure Freundlichkeit.


So schildert der BBC-Reporter Hans Flesch-Brunningen seinen ersten Besuch bei seinem Wiener Kollegen Rudolf Henz, der zentralen kulturpolitischen Schlüsselfigur der Nachkriegszeit. Über Ernst Schönwiese sind derartige Berichte nicht bekannt und auch kaum vorstellbar. Als Publizist und Journalist hat er mit vollem Einsatz Autoren und ihre Werke gefördert, aus Überzeugung und im steten Bemühen, die Literatur des Exils und der klassischen Moderne in Österreich bekannt zu machen.

Wiener Anfänge

Ernst Schönwiese wurde vor 100 Jahren, am 6. Jänner 1905, in Wien geboren. Wie viele Autoren seiner Zeit studierte er Jus, daneben aber auch Germanistik. Bereits ab 1929 hielt er in der Zweigstelle der Wiener Volkshochschule im zweiten Wiener Bezirk (Zirkusgasse) Vorträge und Kurse über Literatur. In diesem Rahmen organisierte er auch regelmäßig Lesungen und lernte dadurch viele jener Autoren persönlich kennen, deren Werk er ein Leben lang die Treue halten wird: Hermann Broch war ebenso zu Gast wie Robert Musil, der von der literarischen Bildung der Hörer überrascht war, Elias Canetti, Franz Theodor Csokor, Felix Braun, Otto Stoessl, Berthold Viertel, Theodor Kramer, Ernst Waldinger oder Erika Mitterer. Einige von ihnen präsentierte Schönwiese bereits 1935 in seiner erste Anthologie "Patmos. Zwölf Lyriker", in der er auch erstmals eigene Gedichte publizierte. Schönwiese war Stammgast am "Blei-Musil-Tisch im Café Herrenhof", dem er in seinem Band "Literatur in Wien zwischen 1930 - 1980" ein Denkmal setzte.

Gemeinsam mit dem Lyriker Friedrich Bergammer und dem Architekturstudenten Georg Spiro begründete Schönwiese - mitten im Ständestaat - eine literarische Zeitschrift, die jede Berührung mit dem damals gängigen Literaturgeschmack vermied. Im Oktober 1935 erschien das erste Heft des Projekts: "das silberboot" mit dem Logo des Bauhaus-Künstlers Herbert Bayer. Der Titel suggeriert eine kostbare Fracht, die - wie einst das Silber Südamerikas - von weither zu einem rettenden Ufer gebracht werden soll. Und der Name enthält auch einen Verweis auf Schönwieses publizistisches Konzept. Es geht um die Bergung des "literarischen Schatzes" der Weltliteratur, um die Werke der großen Toten und der bedeutenden Lebenden. Zu kulturpolitischen Debatten nahm "das silberboot" nie dezidiert Stellung. Doch die abgedruckten Texte und Essays repräsentierten ziemlich genau das, was in NS-Deutschland bereits verboten und im austrofaschistischen Österreich nicht erwünscht war. Das erste Heft enthielt Auszüge aus Musils "Mann ohne Eigenschaften", Gedichte von James Joyce, Hermann Broch, Albert Paris Gütersloh, Ernst Waldinger, Otto Stoessl, Prosa von Sinclair Lewis und William Faulkner.

Die folgenden Hefte, die 1936 noch erscheinen konnten, stellten André Gide, T. S. Eliot, Marcel Proust, Elias Canetti, Thomas Mann und Franz Kafka vor. Dann musste die Zeitschrift aus ökonomischen Gründen eingestellt werden; heute sind die Hefte ein exquisiter Fundus bedeutender Erstdrucke.

Liebe zur Mystik

Die Jahre des Faschismus überlebte Schönwiese als Korrespondent einer Presseagentur in Ungarn. Seine hervorragenden Stenographiekenntnisse verblüfften später viele Besucher seines Büros. In dieser Zeit begann auch Schönwieses intensive Beschäftigung mit der deutschen Mystik, die für sein eigenes Schreiben prägend bleiben sollte. 1945 floh er vor den einrückenden sowjetischen Truppen nach Salzburg, begann als Rundfunk- und Zeitungsjournalist und wurde rasch Leiter der literarischen Abteilung der amerikanischen Sendergruppe Rot-Weiß-Rot.

Hier setzte er Maßstäbe für das erzählende Hörspiel, das dem Konzept der "unsichtbaren Bühne" verpflichtet war. Tendenzen zu einer Erneuerung des Genres, mit denen das "Neue Hörspiel" in den 60er Jahren die technischen Möglichkeiten des Mediums auszuloten begann, blieben ihm zeitlebens fremd. Das heißt nicht, dass Schönwiese keine ästhetisch provozierende Initiativen gesetzt hätte. Eine Pionierleistung war etwa seine Radioinszenierung von Karl Kraus' "Die letzten Tage der Menschheit", die im Juni 1951 an fünf aufeinanderfolgenden Abenden gesendet wurde.

Bereits im März 1946 hatte Schönwiese "das silberboot" wieder in See stechen lassen - mit gleichem Kurs: Verzicht auf kulturpolitische Kommentare, Ausrichtung auf die gemäßigte Moderne der Zwischenkriegszeit unter besonderer Berücksichtigung der Autorenfreunde aus den 1930er Jahren, von denen viele weit verstreut im Exil überlebt hatten.

Schönwiese machte zwar keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Autoren der inneren und der äußeren Emigration, doch in der Praxis überwogen eindeutig die Autoren des Exils, die hier oft erstmals wieder Publikationsmöglichkeiten fanden. "das silberboot" wurde zu einem frühen Ort systematischer Pflege der Exilliteratur. Viele Raritäten sind darin zu finden, wie etwa Erstdrucke der erst Jahrzehnte später wiederentdeckten Mela Hartwig, deren Nachlassverwalter Schönwiese war. Generell hielt er stets das Gedächtnis an die Opfer des Faschismus wach und erinnerte mit Textabdrucken an Felix Grafe, Alfred Grünewald oder Alma Johanna Koenig.

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Dokument erstellt am 2005-01-07 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 12:11:00

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