• vom 03.12.2010, 15:32 Uhr

Kompendium


Poldi-Huberisch und tiefernst




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Von Christian Hütterer

  • Der Wiener Bühnenautor, Kabarettist und Librettist Robert Weil genoss im deutschen Sprachraum große Popularität. Vor fünfzig Jahren starb er, völlig verarmt, im New Yorker Exil.

"Bei uns zuhauß in Eltarnhauß tuen die frehlichen Weihnachten immar recht frehlich varlauffen. Dar liebe Vatta sagt zu mir und mein Brudarn Ferl schon meisten fier Wochen bevur die feuerlichen Werter: ,Rotzbuam, ös elendige, verdammte! Auf die heurigen Weihnachten heuer könnz enk gefreuen!´"


Mit diesen Worten wird Poldi Huber, "Schieler der IV.b Glasse in Ottakring", von seinem Vater bedacht. Poldi Huber war die populärste Figur des Schriftstellers und Humoristen Robert Weil, der am Beginn des 20. Jahrhunderts zu den beliebtesten Autoren seiner Zeit zählte und heute in Vergessenheit geraten ist.

Robert Weil wurde am 4. August 1881 in Wien-Rudolfsheim als Sohn des k.u.k. Hoflieferanten Morris Weil und dessen Gattin Martha geboren. Er besuchte ein humanistisches Gymnasium, wo er sich besonders für die Gegenstände Deutsch, Latein und Griechisch interessierte. Nach der Matura inskribierte er Jus an der Universität Wien. In jene Zeit fallen auch seine ersten schriftstellerischen Versuche.

Noch während des Jus-Studiums gelang Weil der erste Erfolg: 1905 wurde sein Stück "Irdischer Richter" am Wiener Raimundtheater aufgeführt. Während die Kritiker der Wiener Zeitungen das Stück eher zurückhaltend beurteilten, wurde es vom Publikum mit großer Begeisterung aufgenommen.

Ein Jahr später promovierte Robert Weil zum Doktor der Rechte und absolvierte ein Rechtspraktikum an drei Wiener Gerichten; dies sollte allerdings seine letzte juristische Tätigkeit sein. 1907 folgte der nächste Schritt hin zu einer Karriere als Schriftsteller: Weil bewarb sich um eine Stelle an der Urania und hielt dort Vorträge. Gleichzeitig setzte er seine schriftstellerische Arbeit fort und verfasste - zum Teil unter dem Pseudonym Homunkulus - Dramen, Gedichte und Artikel für Zeitungen.

Kabarettist wider Willen

Bald darauf wurde ihm vorgeschlagen, am neu gegründeten Kabarett "Der Himmel" mitzuwirken. Weil verstand sich als Literat und meinte, dass die Kleinkunst unter seiner Würde sei, entschied sich schließlich aber doch für eine Mitarbeit. Nach dem Ende der ersten Vorstellung forderte das Publikum Weil zu einer Zugabe auf. Der trug zufällig das Manuskript eines noch unveröffentlichten Textes bei sich und beschloss spontan, diesen vorzutragen. Was nun folgte, beschreibt Weil in seiner Autobiographie folgendermaßen: "Ich las den ersten Schulaufsatz Poldi Hubers - er behandelte ein Weihnachtsfest im Elternhaus - aus dem Manuskript vor und mein Sieg war besiegelt! Wohl eine Viertelstunde lang rief, tobte, schrie die begeisterte Menge nach mir."

Mit diesem Abend begann der Aufstieg Robert Weils zu einem der bekanntesten und beliebtesten Humoristen seiner Zeit: "Es öffneten sich mir plötzlich alle Wiener Salons, auch diejenigen, die sich mir, als ich noch literarische Dramen schrieb und in zerrissenen Schuhen herumlief, vorsichtig verschlossen hatten."

Weils Ruhm beschränkte sich aber keineswegs auf Wien. In den folgenden Jahren bot er seine humoristischen Programme im gesamten deutschen Sprachraum dar. Der breite Erfolg hatte allerdings auch eine bittere Seite: Weil wusste seinen Aufstieg als Kabarettist zwar durchaus zu schätzen, zugleich aber fühlte er sich als Dramatiker zu wenig geschätzt und litt unter dem Umstand, dass kein einziges seiner Stücke den Weg auf eine der großen Bühnen schaffte.

Mahner vor dem Krieg

Sogar in höchsten Kreisen stießen Weils Darbietungen auf Gefallen, und so wurde er im März 1914 von Thronfolger Franz Ferdinand eingeladen, eine Festrede zu einer Feier des österreichischen Flottenvereines zu halten. Die Veranstaltung endete allerdings mit einem Skandal: Anstelle eines heiteren Abends bekamen die Teilnehmer Unerwartetes zu hören.

Weils Vortrag trug den Titel "Österreichs Zukunft und seine Flotte", doch sein Inhalt war anders als erwartet. Nach Weils Vorstellung sollte die Flotte nämlich nur friedlichen Zwecken dienen, um "so rasch als möglich den Weg zu allen Völkern des Erdballs zu finden". Weil warnte vor der Anlehnung an das überstarke Deutschland und vor einem Krieg, denn dieser würde furchtbare Konsequenzen haben: "Die Niederlage Österreichs bedeutet unweigerlich seinen früheren oder späteren Zerfall, die Auflösung in seine auseinander strebenden nationalen Elemente. Darum äußerste Vorsicht! Vermeidung aller Spannungen! Keine herausfordernde Kraftmeierei!"

Weil sollte Recht behalten und der von ihm erwartete Krieg bald ausbrechen. Der Autor verrichtete seinen Dienst im Ersten Weltkrieg als Offizier der Deutschmeister und gehörte zu den Gründern eines Fronttheaters. Zugleich setzte er seine schriftstellerische Tätigkeit fort, veröffentlichte mehrere Bücher, aber auch weitere Aufsätze des Poldi Huber. Sie wurden zu einem Bestseller und erreichten eine Auflage von sieben Millionen Exemplaren. Auch privat gab es eine große Veränderung in Weils Leben: Im Jänner 1918 heiratete er Henriette Ortner, mit der er zwei Töchter haben sollte. Bald nach dem Ende des Krieges schrieb Weil gemeinsam mit Ernst Decsey das Theaterstück "Sissys Brautfahrt", das von der Liebesgeschichte zwischen Kaiser Franz Josef und Elisabeth von Bayern, genannt Sissy, handelte. 1932 wurde das Stück zu einem Singspiel mit dem Titel "Sissy" umgearbeitet und mit der Musik von Fritz Kreisler am Theater an der Wien aufgeführt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-12-03 15:32:08
Letzte Änderung am 2010-12-03 15:32:00


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