• vom 24.09.1999, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:47 Uhr

Tourismus

Wiens "zehnter Hieb"




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Karl René Cerveny

  • Von den "enter'n Gründ" ins neue Jahrtausend: Favoriten feiert 125. Geburtstag

Damals, als sich Wien bereits als große Stadt wähnte, klaffte auf dem Gebiet des heutigen Favoriten beinahe ein Niemandsland. Aber nur beinahe, denn die belegbare


Geschichte reicht weiter zurück. Unterlaa etwa war bereits zur Römerzeit besiedelt, wovon heute noch Ausgrabungen um die Johanneskirche beredtes Zeugnis ablegen. Die heutige Triester Straße war schon

sehr früh eine wichtige Fernhandelsverbindung. Während sie heute hauptsächlich dazu dient, Pendlern den Weg nach Wien zu weisen und den Wiener in südliche Wochenendhäuschen, die SCS oder Richtung

Urlaubsort zu bringen, verband sie noch im 19. Jahrhundert Kärnten mit Venedig und Triest. Unklarheit herrscht noch über "Bernhardstal", das bereits 1171 urkundliche Erwähnung findet und im Gebiet

des heutigen Favoritens gelegen war. Bislang konnte man keine Siedlung ausfindig machen, die früher diesen Namen getragen hat, so dass Historiker zu der Ansicht neigen, Bernhardstal wäre keine

Ortsbezeichnung, sondern ein Flurnamen. Bis ins 19. Jahrhundert war in Favoriten aber nicht allzu viel los, die "enter'n Gründ" mieden die meisten Menschen · vor allem nachts.

Eine der wenigen Sehenswürdigkeiten in diesem Gebiet war die Spinnerin am Kreuz, eines der Wahrzeichen des 10. Wiener Gemeindebezirks. Erstmals findet die Spinnerin am Kreuz im Jahr 1296 urkundliche

Erwähnung, als im Wiener Stadtrecht über "ain stainern kreucz ob meurling" berichtet wird. Bis zu dieser alten Kultstätte reichte der Burgfriede der Stadt Wien. Gleichzeitig findet man den

Hinweis darauf, dass sich an dieser Stelle seit frühester Zeit ein Grenzstein befand, an dem die Grenzen des Wiener Burgfriedens und die der Gemeinden Meidling sowie Inzersdorf zusammentraf. 1379

soll Herzog Leopold III. hier eine neue Steinsäule errichtet haben, die allerdings 76 Jahre später durch die Scharen des Janos Hunyadi arg verwüstet wurde. Schon 1451 beschloss der Bürgermeister und

der Rat der Stadt Wien die Errichtung einer aus öffentlichen Geldern finanzierten neuen Denksäule, die Michael Chnab und Hans Puchsbaum erbauten. Die Gesamtkosten beliefen sich auf fast 200 Gulden,

ein Betrag, um den man schon ein größeres Bürgerhaus erbauen konnte.

Hinrichtung am Wienerberg

Weitere "Berühmtheit" erreichte die Spinnerin am Kreuz, da sich hier die am längsten genutzte öffentliche Hinrichtungsstätte Wiens befand. Vermutlich wurden hier seit dem 15. Jahrhundert

Urteilsvollstreckungen durch Köpfen, Hängen, Rädern sowie Pfählen vollzogen und die so zum Tode Gebrachten in der Nähe verscharrt. Ihren Weg traten die Verurteilten auf dem Malefizwagen an, der nahe

der Matzleinsdorfer Linie Halt machte, wo die Todgeweihten in der Delinquentenkapelle ihre letzte Andacht halten konnten. Auf das "Vergnügen" einer Hinrichtung am Wienerberg, das sich anno dazumal

nur die wenigsten Städter entgehen ließen, mussten die Wiener zwischen 1747 und 1803 verzichten. Die letzte Hinrichtung bei der Spinnerin fand 1868 statt, aber skandalöse Umstände bewogen die

Verantwortlichen, in Zukunft ausschließlich die Richtstätte im Hof des Gefangenenhauses des Wiener Landesgerichts zu benutzen. Ein weiterer Beweggrund der Verlegung mag gewesen sein, dass dieser

Bereich immer mehr zur Arbeitsstätte vieler Menschen, zu einem Ausflugsziel und bereits damals zu einem Einkaufsparadies wurde.

Bereits im Vormärz kaufte Leander Prasch eine Ziegelei am alten Landgut, die er umgehend in ein Kasino verwandelte. Da es dem tüchtigen Geschäftsmann nicht an Selbstbewusstein fehlte, nannte er sein

Werk schlicht "das größte Kaffeehaus der Welt". An Besucherzustrom mangelte es nicht, was einerseits an den zahlreichen Attraktionen lag, die Leander Prasch bot, andererseits auch in dem herrlichen

Ausblick begründet sein mochte, der sich vom Wienerberg wie auch vom Laaer Berg geboten hatte, als noch keine Häuser den Blick verstellten. Kegelbahnen, Tanz mit Kapellmeister Lanner, italienischer

Karneval, eine riesige Statue und Feuerwerke · der Kaffeesieder ließ sich einiges einfallen, damit seine Gäste den Reiz des Neuen kosten konnten. Als dieser verflogen war, verschwand das größte

Kaffeehaus der Welt genauso schnell wie es entstanden war.

Etwa zur gleichen Zeit siedelten sich immer mehr Gasthäuser und Lebensmittelhändler in dieser Gegend an. Dafür förderlich gestaltete sich die gesetzliche Lage, da hier · vor dem Linienwall · keine

Verzehrungssteuer anfiel. So pilgerten oft Menschenmassen vor die Grenzen Wiens, um einen billigen Einkauf zu tätigen. Aber ganz so einfach, wie es sich heute gestaltet, außerhalb der Stadt günstiger

einzukaufen, war es damals nicht. An der Stadtgrenze taten Zollbeamte ihre Pflicht und achteten darauf, ob die erstandene Ware tatsächlich unversteuert eingeführt werden durfte. Vom Laib Brot etwa

musste ein Scherzerl fehlen, von der Flasche Wein zumindest ein kräftiger Schluck, erst dann waren die strengen Einfuhrgesetze erfüllt. Da diese Beamten nicht sehr beliebt waren, gab man ihnen den

Namen "Spinatwachter" · abgeleitet von ihrer Tätigkeit, da sie großteils nur Gemüse kontrollierten. Eine Bezeichnung, die bis heute für die Kennzeichnung mancher Gesetzeshüter ganz allgemein

weiterlesen auf Seite 2 von 3




Schlagwörter

Tourismus

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 1999-09-24 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:47:00


Werbung




Werbung