• vom 02.04.1999, 00:00 Uhr

Kompendium

Update: 01.03.2005, 16:50 Uhr

Jugend

Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht




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Ableistung des Militärdienstes nach Tübingen, anschließend zur Fortsetzung des Studiums nach München. Ab 1907 studierte er in Marburg und schloß sich dort mit anderen Wandervögeln zur "Heidelberger

Pachantey" zusammen. Innerhalb dieser wandernden Vereinigung machte man sich bald an die Zusammenstellung eines Liederbuches.

Aus zeitgenössischen Berichten geht hervor, daß das Buch nicht planmäßig, sondern nebenher entstand; man setzte sich nicht mit dem Vorhaben einer Publikation an die Arbeit, sondern fing das im Sommer

Gesungene ein und stellte es zusammen. Aus der besonderen Stimmung entstand das Bedürfnis, "ein Büchlein herauszugeben". Sobald dieser Plan gefaßt war, ging man planmäßig ans Werk und sah große

Liedersammlungen nach geeigneten Volksliedern durch. Hauptsächlich wurde der "Deutsche Liederhort" von Erk und Böhme zu dieser Sucharbeit herangezogen. Daneben trug man Lieder zusammen, die man

auf Wanderungen gehört hatte, und ab 1908 auch solche, die von anderen Wandervögeln nach Heidelberg eingeschickt worden sind. ZuweiIen wurden die gefundenen Lieder mit dem Erk-Böhme verglichen, doch

hatte Selbstgehörtes denkbar beste Chancen, in das Liederbuch aufgenommen zu werden.

Zu Weihnachten 1908 schrieb Breuer das erste Vorwort, und vor neunzig Jahren, im Sommer 1909 erschien die erste Auflage. Über zehn Auflagen hinweg arbeitete man jedoch weiter am Inhalt und änderte

die Lieder zum Teil geringfügig ab. Mit der zehnten Auflage erreichte der "Zupfgeigenhansl" seine endgültige Form.

Buchschmuck und typographische Gestaltung dieses Liederbuches sind vor dem Hintergrund des Jugendstils und der Romantik des Wandervogels zu sehen. Die verwendete Druckschrift · Römisch Antiqua · war

neu und zur damaligen Zeit sehr beliebt, die Silhouettenzeichnungen Hermann Pfeiffers gaben dem neuen Liederbuch seinen eigenen und unverwechselbaren Charakter. Neben den Illustrationen zu

verschiedenen Liedern sind auch die Abbildungen, auf denen eine Wandergruppe und der fliegende Reiher · bald zum Zeichen zahlreicher Wandervogelbünde geworden · dargestellt sind, Hermann Pfeiffer zu

verdanken.

Vom Bekenntnis zur Ware

Die erste Auflage des Buches erschien in 500 Exemplaren in der Druckerei von Heinrich Hohmann in Darmstadt, was auf den Umstand zurückzuführen ist, daß Pfeiffer mit dem Sohn des Druckereibesitzers

befreundet war. Da die erste Auflage schon vor Erscheinen verkauft werden konnte, entschloß man sich bald zu einer zweiten in Höhe von 1.000 Exemplaren. Dadurch wurde der Musikverlag Friedrich

Hofmeister in Leipzig auf das Buch aufmerksam und entsandte seinen ersten Prokuristen zur Kontaktaufnahme mit den Wandervögeln. Durch die Verbindung der aussagekräftigen Liedersammlung mit einem

professionellen Musikverlag wurde das Buch zwar zum kommerziellen Objekt, konnte aber weite Verbreitung finden und überhaupt erst so erfolgreich werden. Die innere und äußere Qualität nahm zunächst

sprunghaft zu, fiel später jedoch wieder weit zurück, vermutlich auch infolge der Begleitumstände des Ersten Weltkrieges. "So ist das Buch immer mehr" schrieb Breuer, "aus einem lebendigen

Bekenntnis liederfroher Studiosen ein glatter Geschäftsartikel geworden · tote Ware."

Insofern lag der Preis für die weite Verbreitung und im großen Aufschwung des Buches in der Aufgabe seiner · im besten Sinne des Wortes · dilettantischen Eigenart. Zwar ist der Zupfgeigenhansl bei

Hofmeister umfangreicher, inhaltlich besser und in Hinblick auf die Ausstattung geschmackvoller und perfekter geworden, aber gleichzeitig verlor er seinen ursprünglichen Charakter. Die Verbesserungen

sind vor allem in der Typographie (besonders im Notendruck), in der Verwendung stärkeren Papiers und im Einband zu sehen. Der Buchblock wurde fortan nicht mehr geklammert, sondern fadengeheftet und

mit Gaze eingehängt, wodurch die Seiten dieser Auflagen richtig aufgeschlagen werden können.

Der Qualitätsabfall beginnt nach dem letzten von Breuer verfaßten Vorwort vom Mai 1915. Mittlerweile war er als Arzt zum Militär eingerückt und konnte von dort aus nicht mehr an der Liedersammlung

arbeiten. Hatte das Buch mit der zehnten Auflage seine Idealform erreicht, ist anhand der nachfolgenden Editionen leicht zu sehen, daß es durch fortwährenden Neudruck regelrecht verkam. Hermann

Pfeiffer beobachtete diese Entwicklung mit Unmut, da er zusehen mußte, wie seine feingezeichneten Bilder im Hochdruckverfahren immer mehr plattgedrückt wurden. Vor dem Ersten Weltkrieg erschienen

etwa 150.000 Exemplare, bis 1920 erreichte man die erste halbe Million, allein bis 1927 kamen 826.000 Stück in 150 Auflagen auf den Markt.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg der Hofmeister-Verlag zu zwei Hofmeister-Verlagen wurde, nämlich einerseits weiterhin in Leipzig und andererseits in Westdeutschland, stellte sich auch die Frage des

Verwertungsrechts. Hofmeister (West) verkaufte die Verlagsrechte nach Kriegsende an den Mainzer Musikverlag B. Schott, der unmittelbar danach den "Zupfgeigenhansl" in einer Reprintausgabe,

allerdings mit irreführenden bibliographischen Angaben, veröffentlichte. Im VEB Friedrich Hofmeister Musikverlag in Leipzig erschienen in den achtziger Jahren recht gelungene Reprintausgaben mit

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Dokument erstellt am 1999-04-02 00:00:00
Letzte Änderung am 2005-03-01 16:50:00

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