• vom 16.07.2010, 14:06 Uhr

Kompendium

Update: 16.07.2010, 14:16 Uhr

Sprache

Kunstsprache mit Weltgeltung




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Trennungslinien

Im alten Österreich hat die Esperanto-Bewegung nicht in dem Maß Fuß gefasst, wie man das hätte erwarten können; das lag daran, dass sie stattdessen sozusagen Füße gefasst hat. Denn es ist nie gelungen, auch inhaltlich eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Nationalitäten marschierten getrennt, wobei das Königreich Ungarn überhaupt eigene Wege ging. In der westlichen Reichshälfte wiederum artete die Entwicklung in einen Zweikampf von Tschechen und Deutschen aus, wobei beide Sprachgruppen auch in sich uneins waren. Bei den Tschechen dominierten die nationalbewussten Kräfte, die von einer übergeordneten Reichsorganisation nichts wissen und die noch austrophilen Tschechen erst gar nicht zu Wort kommen lassen wollten. Bei den Deutschen war die Trennungslinie auf der Landkarte nachzuvollziehen: Es dominierten bis zum Zusammenbruch von 1918 die eher nach Dresden als nach Wien orientierten Deutschböhmen, während in der Reichshauptstadt die kaisertreuen Kräfte die Oberhand behielten.

Groteskerweise blühte die Esperantobewegung im Donauraum just nach dessen Zerstückelung auf. War sie bisher überwiegend eine Sache des Bürgertums gewesen, so meldete sich jetzt auch die Arbeiterschaft zu Wort. Ihr wichtigster Vertreter war Franz Jonas, der Redakteur des "Socialisto", der sich auch als österreichischer Bundespräsident (1965 bis 1974) zu der Sprache bekannt und den Esperanto-Weltkongress in Wien 1970 mit einer Esperanto-Ansprache eröffnet hat, in der er den Esperantisten einschärfte, der eigenen Kraft zu vertrauen: "Fidu la propran forton." Auch Adolf Schärf, der Vorgänger von Jonas, sowie der derzeitige Amtsinhaber Heinz Fischer sind mit der Esperanto-Bewegung in Berührung gekommen, ohne freilich Aktivisten zu werden.

Ein wenig bekanntes Kapitel ist die Rolle der Esperanto-Bewegung im Ständestaat der Jahre 1934 bis 1938. Während der Nationalsozialismus, und in subtilerer Form auch der Stalinismus, die Esperanto-Bewegung bekämpften, stellte sie der Austrofaschismus in seinen Dienst und holte 1935 sogar den Esperanto-Weltkongress nach Wien. Zentrale Persönlichkeit bei diesen Unternehmungen war Hugo Steiner, der direkten Zugang zur Parteispitze der "Christlichsozialen Partei" und später der "Vaterländischen Front" hatte. Schon 1927 hatte Steiner die Gründung eines Esperantomuseums erreicht, das 1929 in die Österreichische Nationalbibliothek eingegliedert wurde. Nach der Sperre durch die Nationalsozialisten wurde das Museum 1947 wieder eröffnet.

Neue Räume

Herbert Mayer, seit 1985 Direktor dieser größten Plansprachensammlung der Welt, hat 2005 die Übersiedlung von Sammlung und Museum in neue Räume geleitet. Fristete man bis dahin hoch oben im Dachgeschoß des Michaelertrakts der Wiener Hofburg ein eher unbeachtetes Dasein, und zeugte das "Panteono" unter der kleinen rechten Kuppel vom Pathos der alten Esperanto-Bewegung, so erfreut man sich nun im nahe gelegenen Palais Mollard in der Herrengasse eines barrierefreien Zugangs im Erdgeschoß und optimaler Bedingungen für Speicherung, Präsentation und Forschung.

"Esperanto wird es auch in Zukunft geben", sagt Mayer, denn die "Lust an Sprache und Kontakten" sei nicht geringer geworden, ein nicht unerheblicher Teil der Esperantisten nehme auch das ursprüngliche Anliegen weiterhin sehr ernst. Mayer verweist dabei auf seinen Mitarbeiter Bernhard Tuider, dessen Diplomarbeit über den Pazifisten, Friedensnobelpreisträger und Esperantisten Alfred Fried im Internet nachzulesen ist. Und wenn man Glück hat, trifft man im kleinen Esperanto-Lesesaal Otto Back an, den Doyen der österreichischen Interlinguistik.

Einen "positiven, aber neutralen Zugang" zum Esperanto und zu den Plansprachen insgesamt möchte das kleine, aber dank vielfältiger Interaktionsmöglichkeiten zu einer längeren Verweildauer durchaus einladende neue Museum bieten. Die Tondokumente reichen von einer Originalaufnahme Zamenhofs bis zum Klingonisch der Fernsehreihe "Star Trek", und was man hier nicht findet, findet man im Internet: Die Esperanto-Wikipedia nimmt mit 120.000 Stichwörtern unter den Sprachen dieser Erde den beachtlichen 21. und mit 160.000 Zugriffen täglich einen nicht minder beachtlichen 33. Platz ein.

Wolfgang Bahr geb. 1950, ist Publizist in Wien und hat über die "Geschichte der österreichischen Esperantobewegung von den Anfängen bis 1918" dissertiert.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2010-07-16 14:06:07
Letzte Änderung am 2010-07-16 14:16:00


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