• vom 21.12.2007, 13:14 Uhr

Kompendium

Update: 21.12.2007, 13:55 Uhr

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Welsh, Renate: Purzelbaum der Fantasie




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Dass Welsh auf die Frage nach anderen für sie denkbaren Berufen spontan den der Lehrerin nennt, überrascht nicht. Lehrer dürfen "eine Klasse über eine lange Zeit begleiten und nicht nur für eine Stunde oder einen Vormittag mit den Kindern arbeiten" . Gern wäre sie auch Kinderärztin geworden, aber eigentlich sei es für sie heute unvorstellbar, nicht Autorin zu sein.



Attraktives Angebot
Renate Welsh erzählt von sich und von ihrer - nicht sehr glücklichen - Kindheit, in die freilich ihre ersten schriftstellerischen Versuche fallen. Die Mutter starb, als Renate vier war, der autoritäre Vater hatte keine Zeit für die Tochter, und der geliebte Großvater starb ebenfalls früh.

"Knallrote Haare", klein, schüchtern und mit Schuldgefühlen, aber zugleich wissbegierig und voller Fragen: So sieht sie sich selbst als Kind. Eine einzige Provokation für die Buben in ihrer Klasse. Von ihren Mitschülern wurde sie gehänselt und verspottet, aber sie hatte ein nützliches Talent: sie konnte Geschichten erzählen.

So bekam sie eines Tages ein attraktives Angebot, und zwar ausgerechnet vom Größten und Stärksten in ihrer Klasse. Er versprach ihr, sie auf dem Heimweg zu beschützen, wenn sie für ihn die Hausaufgaben machen und ihm täglich eine Geschichte erzählen würde. Sie ging auf das Angebot ein und produzierte die Geschichten, die er dann für Butterbrote, Äpfel oder gar für Schokolade verkaufte. Die Sechsjährige gewann so ihr Selbstvertrauen zurück, verlor ihre Ängste und lernte überdies, dass Geschichten "sehr nützlich" sein können.



Reale Sprachwelten
Die Bandbreite von Renate Welshs Veröffentlichungen reicht von Bilderbüchern und fantastischen Erzählungen über Kinder- und Jugendliteratur bis zum historischen Roman. Welsh thematisiert die Welt der Kinder und der jungen Leute - und diese Welt ist nicht immer schön. Ihre Helden sind oft Außenseiter, Schwache, Kranke, Drogensüchtige. Sie selbst sieht sich gerne als Sprachrohr von Randgruppen und schreibt immer wieder von deren Hoffnungen und Träumen, in der Gewissheit, dass "Sprachwelten die reale Welt mit- und umgestalten können" . Dass sich Welsh primär einen Namen als Autorin von Kinder- und Jugendbüchern gemacht hat, akzeptiert sie, nicht aber einen "verdünnten" Literaturbegriff, eine "abwertend gemeinte Abgrenzung" , die die Jugendliteratur als eine quasi unebenbürtige Form des Schreibens betrachtet.

Bis in die 1960er Jahre war die österreichische Kinder- und Jugendliteratur stark pädagogisch ausgerichtet. Sie sollte inhaltlich den Gesetzen der "Wahrheit, Schönheit und Sittlichkeit" entsprechen und von "lauteren, belehrenden Absichten" getragen sein (Richard Bamberger). Die gegenwärtige Jugendliteratur weist hingegen sozialkritische Züge auf, ist offen gegenüber Problemen und Konflikten und stellt vieles in Frage.

Dass die Jugendliteratur heute sogar von der Germanistik zur Kenntnis genommen wird, ist nicht zuletzt den Bemühungen von Renate Welsh zu verdanken. 1994 hielt sie auf Einladung der Universität Innsbruck eine "Poetik-Vorlesung" zum Thema Kinderliteratur, die unter dem Titel "Geschichte hinter den Geschichten" veröffentlicht wurde. Auch Literaturkritik und Feuilleton scheinen die Kinder- und Jugendliteratur entdeckt zu haben. Neuerscheinungen von Welshs Büchern werden von renommierten Zeitungen im Ausland, wie "Die Zeit", "Neue Zürcher Zeitung", "Süddeutsche Zeitung", besprochen und haben dadurch bessere Chancen, von einem breiteren Lesepublikum zur Kenntnis genommen zu werden.

Was könnte man Renate Welsh zum Geburtstag wünschen? Die Antwort fällt nicht schwer. Dass ihre Liebe zu Kindern nie aufhöre und dass Kinder nie aufhören mögen, sie mit ihrer Fantasie zu begeistern.

Lesetipps:

Drei Erzählungen:

"Rotschädlerte Hexerei" (siehe im Internet: www.amgs.org/renate_welsh.html )

"Die Ohrfeigen". Aus: Jürgen Koppensteiner (Hg.): Österreich erzählt 2 (Bundesverlag, 1989).

"Die Kriegslinzertorte". Aus: Welshs Buch "In die Waagschale geworfen. Österreicher im Widerstand" (Verlag Jugend & Volk, 1988).

Romane:

"Das große Buch vom Vamperl" (dtv, 2003. Enthält die drei Vamperlbücher.)

"Johanna" (rororo rotfuchs. Neuausgabe.)

"Liebe Schwester". (dtv, 2003. "Ein wunderbar humorvoller Roman über zwei Schwestern und das Leben und die Liebe im Alter", "Süddeutsche Zeitung".)

"Dieda oder das fremde Kind." (dtv, 2006. Autobiographischer Roman über die unglückliche Kindheit einer Achtjährigen.)

Jürgen Koppensteiner, ist Professor für deutsche Sprache und deutschsprachige Literatur an der University of Northern Iowa (USA). Vor kurzem erschien von ihm der Band "Österreich: Ein landeskundliches Lesebuch" im Praesens-Verlag in dritter Auflage.

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Dokument erstellt am 2007-12-21 13:14:16
Letzte Änderung am 2007-12-21 13:55:00


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