• vom 30.12.2018, 10:00 Uhr

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Utopien

Möglichkeitsraum Mittelmeer




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Von Adrian Lobe

  • Von "Atlantropa" bis zu "Passage" reichen die mediterranen Utopien - ein Überblick unter Einbeziehung von Albert Camus.



Der Münchner Architekt, Bohèmien und Utopist Herman Sörgel (1885-1952) wollte mit seinem Projekt "Atlantropa" Europa mit Afrika zu einem Kontinent verschmelzen.

Der Münchner Architekt, Bohèmien und Utopist Herman Sörgel (1885-1952) wollte mit seinem Projekt "Atlantropa" Europa mit Afrika zu einem Kontinent verschmelzen.© Archiv Der Münchner Architekt, Bohèmien und Utopist Herman Sörgel (1885-1952) wollte mit seinem Projekt "Atlantropa" Europa mit Afrika zu einem Kontinent verschmelzen.© Archiv

In den 1920er Jahren entwickelte der Münchner Architekt Herman Sörgel einen ebenso kühnen wie abenteuerlichen Plan: Er wollte den Wasserspiegel des Mittelmeers absenken und Afrika und Europa zu einem neuen Kontinent verschmelzen: Atlantropa. Sörgel plante, die Straße von Gibraltar mit einem riesigen Staudamm zuzumauern. Ohne den Zufluss des Atlantiks könnte der Meerespegel um mehrere hundert Meter gesenkt werden. Wie in einer Badewanne würde man den Stöpsel ziehen und das Wasser aus dem Bassin ablassen. Über eine halbe Million Quadratkilometer Land hätten so gewonnen werden sollen - eine Fläche so groß wie Frankreich und Belgien. Hafenstädte wie Marseille oder Genua wären trockengelegt worden, die schroffen Felsen Sardiniens zu einer sanften Hügellandschaft mutiert, der Bosporus zu einem Tümpel geschrumpft. Sörgel hatte die Vision, über eine Brücke von Sizilien nach Afrika zu fahren. Der Architekt wollte keine Städte, sondern Kontinente bauen.

"Ein Meer versinkt"

Es braucht nicht viel geografisches oder umwelttechnisches Verständnis, um das Projekt "Atlantropa" als größenwahnsinnig zu qualifizieren, als Hybris, als großtechnische Verirrung. Es verwundert wenig, dass die nationalsozialistische Propaganda, die von einem irredentistischen Phantasma eines Volks ohne Raum besessen war, diesen Topos aufgriff und einen Propagandafilm mit dem Titel "Ein Meer versinkt" drehen ließ. Die Historiker sprechen Sörgel indes vom Vorwurf der Nazi-Kollaboration frei: Er sei ein Pazifist gewesen, ein Utopist, der Grenzen auslotete.

Information

Adrian Lobe, geboren 1988, schreibt als freier Journalist für diverse Medien im deutschsprachigen Raum.

Der Architekt war eine Figur seiner Zeit, der Bohème. Im Münchener Stadtteil Schwabing, wo damals noch mehr Geist als Geld regierte, verkehrte der dinstinguierte Herr mit dem Monokel mit anderen Weltverbesserern und Künstlern. Es war die Zeit, als Ideen wie Schmugglerware gehandelt wurden.

Sörgel war fasziniert von H. G. Wells’ Monumentalwerk "The Outline of History", worin er das Mittelmeer, bevor es geflutet wurde, als ein großes Tal ("lost Mediterranean Valley") beschreibt. Mit dem zeitlichen Abstand von fast 100 Jahren wirkt Sörgels ambitionierter Weltenplan heute, in einer Welt der Antiutopie und Risikovermeidung, vermessen, wie eine Halluzination.

Afrika und Europa trennen heute nicht nur Welten, sondern auch Mauern. Europa sichert seine Außengrenze mit immer festeren Zäunen und Mauern, Boote patrouillieren im Mittelmeer, um Flüchtlinge abzufangen und zurück in die Herkunftsländer zu schicken. Das Mare Nostrum, von dem die alten Römer einst stolz sprachen, ist kein Lebensraum, sondern eine Todeszone: Jährlich ertrinken tausende Menschen im Mittelmeer auf ihrer Flucht nach Europa. Wer heute auf die Idee käme, eine Brücke von Lampedusa ans italienische Festland zu bauen oder die Küstenstreifen durch ein Absenken des Meeresspiegels künstlich zu vergrößern, könnte seine politischen Ambitionen an den Nagel hängen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-12-28 15:17:07
Letzte Änderung am 2018-12-28 15:20:29



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