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Literatur

Wider die "Kaffeehausliteratur"




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Von Walter Schübler

  • Sie ist ein fixer Bestandteil der Wiener Folklore, obwohl die Bezeichnung "Kaffeehausliterat" eigentlich eine Schmähung darstellt. Eine Polemik.

"Laß Kleinstädter wider Willen zu Weltstädtern arrivieren und es wird der Kaffeehauswiener herauskommen!" - Anton Kuh. - © Getty Images

"Laß Kleinstädter wider Willen zu Weltstädtern arrivieren und es wird der Kaffeehauswiener herauskommen!" - Anton Kuh. © Getty Images

"Du hast Sorgen, sei es diese, sei es jene - - - ins Kaffeehaus!

Sie kann, aus irgendeinem, wenn auch noch so plausiblen Grunde, nicht zu dir kommen - - - ins Kaffeehaus!

Du hast zerrissene Stiefel - - - Kaffeehaus!

Du hast 400 Kronen Gehalt und gibst 500 aus - - - Kaffeehaus!

Information

Walter Schübler, geboren 1963, Publizist, lebt in Wien. Zuletzt erschienen: "Anton Kuh. Biographie" (Wallstein Verlag).

Du bist korrekt sparsam und gönnst dir nichts - - - Kaffeehaus!

Du bist Beamter und wärest gern Arzt geworden - - - Kaffeehaus!

Du findest keine, die dir paßt - - - Kaffeehaus!

Du stehst innerlich vor dem Selbstmord - - - Kaffeehaus!

Du haßt und verachtest die Menschen und kannst sie dennoch nicht missen - - - Kaffeehaus!

Man kreditiert dir nirgends mehr - - - Kaffeehaus!"

Lebensgroße Figur von Peter Altenberg im Café Central in Wien.

Lebensgroße Figur von Peter Altenberg im Café Central in Wien.© picturedesk.com / Herbert Lehnmann Lebensgroße Figur von Peter Altenberg im Café Central in Wien.© picturedesk.com / Herbert Lehnmann

Das Kaffeehaus als Remedium gegen alle Widrigkeiten des Alltags: Peter Altenbergs Hymne auf das Kaffeehaus datiert aus dem Jahr 1918 - und was machte der hiesige "Kultursender", was machte Ö1 im Jahr 2010, als es darum ging, die Döblinger, Hietzinger und Josefstädter Regimenter zu befrieden, die gegen eine sonntagvormittägliche Satire-Sendung, welche nach dem Wunsch des Programmchefs, "den Weihevormittag doch ein bisschen aufmischen" sollte, derart massiert angeritten waren, dass die Server des ORF unter dem Ansturm der Protestanrufe zusammengebrochen waren? - Richtig: - - - Kaffeehaus!

Beim kurzlebigen brachialsatirischen Wochenrückblick mit dem schönen Titel "Welt Ahoi" hatte es offenbar mehr Stammhörerinnen und Stammhörern das Hiatl obag’waht, als dem Sender lieb sein konnte.

Rosa Zuckerguss

Ersetzt wurde er folgerichtig durch das "Format" Kaffeehaus, soll heißen: eine unverbindliche und unverfängliche Plauderstunde: mit einem Oberg’scheiterl von Ober, Teller- und Tassengeklapper, mit reichlich Musikpausen, damit sich nur ja so etwas wie ein Gespräch nicht ergibt, und halbgaren Glossen drittklassiger Kabarettisten - gleichsam der akustische Gang zur Mehlspeis-Vitrine. Beim plaudrigen "Café Sonntag" - so der Titel der Sendung - bestand Gott sei Dank nicht mehr die Gefahr, dass beim Sonntagsfrühstück in den Wiener bürgerlichen Salons vor Entsetzen über die ein oder andere "Geschmacklosigkeit" das ein oder andere Bröserl vom Gugelhupf im Halse steckenblieb.

"Kaffeehaus" steht für den rosa Zuckerguss über dem mollerten Punschkrapferl, für das "innere Punschkrapferl" quasi - und es geht hier dezidiert nicht um "Außen rosa, innen braun" -, "Kaffeehaus", dieser Inbegriff Wiener Lebensart, bezeichnet einen Ort, an dem für die Misslichkeiten des Alltags kein Platz ist, einen Ort der Behaglichkeit, eine Kultstätte wohliger Selbstzufriedenheit, Gemütlichkeit, selbstgewisser Trägheit und Realitätsverweigerung.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-04 10:26:20
Letzte Änderung am 2019-01-04 12:04:59



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