• vom 21.01.2019, 09:00 Uhr

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Reportage

Ein Platz an der Sonne in Tansania




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Von Marc Tornow

  • In den Ballungsräumen des ostafrikanischen Staates verblasst der düstere Nachlass der Kolonialzeit. Dabei gehört die Urlaubsdestination zu den ärmsten Ländern der Welt.

Am Hafen des sansibarischen Stone Town. - © Tornow

Am Hafen des sansibarischen Stone Town. © Tornow

"Beste Lage!" Muhammad Said breitet vor der Brüstung einer geräumigen Terrasse seine Arme aus. "Warum sollten wir Tansanier bitter sein?" In seinem lachenden Gesicht leuchten schneeweiße Zähne. "Die Geschichte ist Geschichte - einen Groll hegt hier niemand gegen irgendwen."

Im Hintergrund funkelt der Indische Ozean vor einer Kulisse aus Palmen, unten knattern dreirädrige Motorrikschas über porösen Asphalt. Die frühere Kaiserstraße zerteilt das Städtchen Bagamoyo in zwei Hälften: einen Küstenstreifen voller Fischerhütten und um ein Auskommen ringender Menschen sowie die Ruinen der deutschen Kolonialverwaltung. "Hier war das adminis-trative Zentrum der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, hier wurde die weitere Eroberung der Region geplant", sucht Said die Ruinen eines einst hochherrschaftlichen Prunkbaus mit Leben zu füllen.

Information

Marc Tornow, geboren 1972, lebt als Journalist in Hamburg und ist u.a. für die deutsche auswärtige Kulturarbeit tätig.

Unter der Devise "Ein Platz an der Sonne" hatten sich die weißen Eindringlinge mit vertraglichen Tricksereien die strategisch besten Ländereien gesichert, schildern Historiker die Zusammenhänge. Sie forschen unter anderem im alten Fort, das auf die Besatzungszeit durch den Sultan von Oman zurückgeht, der noch vor den Deutschen um 1700 entlang der Küsten des damaligen Tanganjika an Land gegangen war. Die alte Kaiserstraße und heutige India-Road nur ein Stück weit hinunter hatten die Araber hinter dicken Mauern ihr Hauptquartier. Wo inzwischen das örtliche Tourismusamt untergebracht ist und Trainings zum Thema nachhaltige Besuche für Interessenten wie Said abgehalten werden, wurden früher Menschen eingekerkert.

Sklaven-Vergangenheit

Angetrieben von den Heeren des Sultans waren sie in Karawanen aus der Mitte des Kontinents bis hierher ans Meer gelangt. Beladen mit kostbaren Lasten von Elfenbein und Edelhölzern, hatten sie Hunderte Kilometer zu Fuß zurückgelegt. Wer die Tortur lebend geschafft hatte, endete in den klammen Mauern des Forts - und nach kurzem Aufenthalt auf einer Dhow. Bis jetzt sind diese robusten Boote aus Mahagoni-Holz vor der Küste Tansanias unterwegs. Die Schiffe mit den markanten dreieckigen Segeln transportieren Nahrungsmittel, Softdrinks, Elektro- oder Haushaltsartikel zwischen dem Festland und den vorgelagerten Inseln hin und her.

Fahren Passagiere mit, so sind sie heute freiwillig an Bord und müssen für den Transport bezahlen. Doch wer bis Ende des 19. Jahrhunderts nach Bagamoyo kam, dem brachten die Dhows keinen Segen. 65 Kilometer nördlich der Hauptstadt Daressalam liegt der Ort, der auf Kisuaheli so viel wie "Lege dein Herz nieder" heißt. Die Opfer von Versklavung verabschiedeten sich beim Gang an Deck im wahrsten Sinne des Wortes von ihrem bisherigen Leben.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 12:44:36
Letzte Änderung am 2019-01-18 13:21:25



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