• vom 19.01.2019, 08:00 Uhr

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Museumsgeschichte

Weltmuseen: Die Aneignung der Welt in Dingen




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Von Ingrid Thurner

  • Zur Geschichte musealer Wenden von der Renaissance über Kolonialsimus bis zu Fragen von Restitution.

Afrikanische Kunst (aus Benin) im Weltmuseum Wien, das den Themen Provenienzforschung, Wiedergutmachung und Restitution seit seiner Reorganisation 2017 viel Raum widmet. - © apa/Hans Punz

Afrikanische Kunst (aus Benin) im Weltmuseum Wien, das den Themen Provenienzforschung, Wiedergutmachung und Restitution seit seiner Reorganisation 2017 viel Raum widmet. © apa/Hans Punz

Während für immer mehr Menschen der afrikanische Kontinent unbewohnbar wird und Geflüchtete zu Tausenden im Mittelmeer sterben, horten europäische Staaten afrikanische Kunstschätze in den Museen und pflegen mit ihnen ihren Ruf als Kulturnation.

Die international geführten Debatten um Herkunft und Verbleib von Museumsobjekten aus Übersee, für deren Erwerb so mancher Sammler vor kriminellen Machenschaften nicht zurückschreckte, lassen sich nicht länger ignorieren. In diesem politischen Klima werden vielerorts in Europa die einstigen Völkerkundemuseen umorganisiert, umbenannt und mit viel Trara und professioneller Öffentlichkeitsarbeit neu positioniert. Dabei greifen sie in Ästhetik und Ausstellungskonzepten auf uralte museologische Vorbilder zurück.

Kuriositätenkabinette

Information

Ingrid Thurner ist Ethnologin, Publizistin im Bereich Wissenschaftskommunikation und Lehrbeauftragte am Institut für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. Sie war jahrelang auch freie Mitarbeiterin des Weltmuseum Wien und des Museum Niederösterreich.

Vor dem Hintergrund gegenwärtiger nationalistischer Strömungen, die die Übel einer globalisierten Welt auf Migranten und Geflüchteten abladen wollen, entbehren die Fragen rund um Restitution und geeignete Repräsentationssysteme nicht der Pikanterie und auch nicht des Zynismus. Den Nachgeborenen jener Gesellschaften, aus denen die Objekte einst stammten, wird heute die Aufnahme verweigert, europäische Politiker diskutieren öffentlich, ob man Menschen auf Booten nicht ertrinken lassen soll und kriminalisieren deren Retter. Ihr kulturelles Erbe hingegen stapelt man in den Museen, um Besucher und Touristen anzulocken, Schüler und Studenten zu bilden, wissenschaftliche Karrieren zu fundieren.

Der Museumsgedanke nahm seine Anfänge in der Renaissance. Gemeinsam mit einer Diesseitsorientierung wuchs das Bedürfnis zu verstehen, zu ergründen, zu forschen und damit auch eine Neugierde auf die Welt jenseits des Horizonts. In diesem geistigen Klima wurzelten die Rahmenbedingungen für das Zeitalter der sogenannten Entdeckungsreisen und zugleich die Kulturtechnik des Sammelns.

So wurden seit dem 16. Jahrhundert aus den erreichbaren Weltgegenden Dinge herangeschafft und fürstliche Kuriositätenkabinette gefüllt. Eine Sammlung war statusverleihend, die Güter waren Requisiten der Macht, bezeugten Reichtum und weltläufigen Schliff ihres Besitzers. Bei Aufbewahrung und Präsentation war ein Sortieren nach Materialien üblich. In der Frühform der musealen Sammlung sollte das Wissen der Zeit enthalten sein, eine Art Enzyklopädie an Dingen sollte sie sein, ein Panoptikum, das die Erde als Mikrokosmos erfasst. Es war eine Aneignung der Welt in ihren Dingen, der Gedanke imperialistischer Inbesitznahme war darin bereits enthalten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-18 14:23:33
Letzte Änderung am 2019-01-18 15:38:34



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