• vom 27.01.2019, 13:00 Uhr

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Gesellschaft

Wo bleibt die Souveränität?




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Von Karl Kollmann

  • Ein nüchterner Blick auf das Altern der Menschen in der spätmodernen Gesellschaft - jenseits üblicher Beschönigungen.



Dominant ist das Verständnis von Alter als eine Art Krankheitsprozess, den man medizinisch, technisch und durch Selbstoptimierung verzögern könne. . .

Dominant ist das Verständnis von Alter als eine Art Krankheitsprozess, den man medizinisch, technisch und durch Selbstoptimierung verzögern könne. . .© Robin Utrecht/picturedesk.com/Action Press/ Dominant ist das Verständnis von Alter als eine Art Krankheitsprozess, den man medizinisch, technisch und durch Selbstoptimierung verzögern könne. . .© Robin Utrecht/picturedesk.com/Action Press/

Eines gleich vorweg: Hierzulande sind die Alterspensionen zwar deutlich höher als in Deutschland; aber im Durchschnitt sind es dennoch nur brutto 1291 Euro monatlich (2017, netto: 1183 Euro, 14 mal im Jahr). Die Sozialhilfe beträgt 863 Euro kalendermonatlich (netto, 2019). Für viele wird es in der Pension also finanziell eng, auch wenn die Zeit großer Anschaffungen vorbei und das eigene Kind längst selbstständig ist. Damit fehlt zumeist schon die ökonomische Basis für eine souveräne Lebensführung im Alter.

Klar, mit dem Alter nehmen körperliche Beschwernisse zu, das merkt man bereits mit 50; mehr Arztbesuche stehen an, ebenso Medikamente, die Leistungsfähigkeit lässt nach, Gelenkbeschwerden, Lunge, Herz und andere Organe schwächeln, Falten machen sich breit, trockene Haut.

Altern zum Tod liegt in der Natur aller Tiere, das wissen wir und verdrängen es dennoch kontinuierlich. Beruflich konnte man physische und kognitive Leistungseinbußen oft mit erworbener Routine und seinem Erfahrungsschatz kompensieren. Allerdings, nach dem Abschied aus der Erwerbstätigkeit bricht für viele eine Identitätskrise auf. Da rächt sich der Umstand, dass heute persönliche Identität vor allem von der Berufsarbeit gespeist wird. Viele leiden, wenn sie nichts mit sich selbst anzufangen wissen, da dieses Außerberufliche über Jahrzehnte verödet war.

Zielgruppenaufrüstung

Information

Karl Kollmann, geboren 1952, promovierter Soziologe und habilitierter Ökonom, Schwerpunkte: Haushaltsökonomie, Verbraucherforschung; viele Jahre in der österreichischen und europäischen Verbraucherpolitik tätig.

Die Lebenserwartung der Menschen "im Westen" ist in den letzten hundertfünfzig Jahren deutlich gestiegen, manche bezeichnen das heute als "Lebensdauer" - ein Begriff für Maschinen. Demografen meinen, das wird so weitergehen, die kalifornischen Transhumanisten prophezeien sogar ewiges, elektronisch gestütztes Leben. Bei dem allen ist viel an Dummheit dabei, ebenso, wenn eine "alternde Gesellschaft" beklagt wird. Es gibt in dem Sinn keine alternde Gesellschaft, sondern die Zahl der Kinder wird mit steigendem Wohlstand geringer.

Menschen der Elite, der Oberschicht haben auch in der Antike und im Mittelalter relativ lange gelebt, früh gestorben sind immer nur die Armen. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Ärmere werden im Schnitt nicht so alt wie Wohlhabende, Gebildete. Ja, der Sozialstaat europäischen Zuschnitts hat diese Differenz zwar deutlich mildern, aber nicht aufheben können. In einigen westlichen Ländern geht es mit der Lebenserwartung der wirtschaftlich schwächeren Hälfte nun schon wieder bergab.

Unsere Gesellschaft beschönigt das Altwerden, indem sie die Alten nobel als "Senioren" bezeichnet und ihnen mit verlogener Werbung Gesundheitsprodukte, oft Esoterik, andrehen will - nicht alles, was hilfreich scheint, bezahlt eben die Krankenkasse. Die übrige Konsumgüterindustrie bleibt da lieber beim Attribut "jugendlich", das wirkt bei allen, dazu boomt kosmetische Chirurgie.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2019-01-25 13:11:41
Letzte Änderung am 2019-01-25 15:34:29



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