• vom 08.07.2011, 14:00 Uhr

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Update: 08.07.2011, 14:58 Uhr

Afrika

Zwischen Ritual und Resignation




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Von Günter Spreitzhofer

  • Togo, der einst aufstrebende westafrikanische Kleinstaat, versinkt in postkolonialer Lethargie: Voodoo-Kulte erschweren die medizinische Versorgung der Bevölkerung.

- © Foto: Günter Spreitzhofer

© Foto: Günter Spreitzhofer

Oben: Unabhängigkeits-Monument in der Hauptstadt Lomé; unten: ein Stand auf einem lokalen Fetisch-Markt.

Oben: Unabhängigkeits-Monument in der Hauptstadt Lomé; unten: ein Stand auf einem lokalen Fetisch-Markt.© Foto: Günter Spreitzhofer Oben: Unabhängigkeits-Monument in der Hauptstadt Lomé; unten: ein Stand auf einem lokalen Fetisch-Markt.© Foto: Günter Spreitzhofer

Togo ist seit fünfzig Jahren unabhängig. Von Gnassingbé Eyadéma über vierzig Jahre autokratisch regiert, ist seit dessen Tod Sohn Faure Gnassingbé an der Macht, der 2005 unter Missachtung der Verfassung von der Armee zum neuen Präsidenten ernannt und Anfang 2010 wiedergewählt wurde. Beide Male wurde massiver Wahlbetrug vermutet. Zigtausende Oppositionelle, meist aus dem Süden, flüchteten in die Nachbarstaaten Ghana und Benin. Deshalb herrscht heute tiefes Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen in diesem Land, das einmal zu den Hoffnungsträgern postkolonialer Emanzipation zählte: Vom legendären Swinging Lomé der 1980er Jahre ist jedoch wenig geblieben - die Hauptstadt Lomé, einst ein Zentrum für Lebensfreude und optimistische Aufbruchsstimmung, ist jetzt von hässlichen Betonklötzen verbaut, dazwischen verkümmern ungepflegte Parkanlagen.

Königspalast aus Ziegeln
Es gibt in der Stadt kein buntes, fröhliches Nachtleben mehr, die menschenleeren Stadtstrände sind auch tagsüber nur unter Lebensgefahr zu betreten. Auf den Straßen rund um den Präsidentenpalast patrouillieren Panzerwagen, mit deren Besatzung nicht zu spaßen ist. Schon ein Blick zu viel kostet zumindest Zeit und oft auch Geld, um die Befragung zu beschleunigen und den omnipräsenten Spionageverdacht aus der Welt zu reden. Denn alle Regierungsgegner werden vom Ausland unterstützt - so lautet das staatliche Credo seit 2005.


© Grafik: Wiener Zeitung © Grafik: Wiener Zeitung

Damals ging auch das Goethe-Institut in Flammen auf, nachdem Togos Regierung Deutschland vorgeworfen hatte, auf Seiten der Opposition zu stehen, und Außenminister Joschka Fischer ein sofortiges Ende der "antideutschen Hetze" gefordert hatte.


Die deutsche Präsenz war freilich nur ein kurzes Intermezzo in der Geschichte der westafrikanischen Republik Togo: Seit 1857 gründeten hanseatische Handelsunternehmen Stützpunkte an der sogenannten Sklavenküste, die bald durch regelmäßige Schiffsverbindungen mit dem Deutschen Kaiserreich verbunden waren. 1884 besiegelte der Schutzvertrag zwischen König Mlapa III. und Gustav Nachtigall den neuen Status der Region, die als Musterkolonie "Togoland" oder "Deutsch-Togo" in die Kolonialgeschichte einging, bis der Erste Weltkrieg die Besitzverhältnisse änderte und Briten und Franzosen das Kommando übernahmen, Letztere bis 1960.

Die Spurensuche gestaltet sich schwierig: Nach Togoville, dem Ort der Vertragsunterzeichnung, gelangt man in einer wurmstichigen Piroge, die mit Stangen über den seichten Togosee - eine Inlandlagune - gestakt wird. Der Königspalast erweist sich als ein einstöckiger Ziegelbau mit abbröckelndem Putz, der Thron als ein überdimensionaler gepolsterter Lehnstuhl. Im Hof findet sich eine alte deutsche Kanone, daneben lebensgroße Skulpturen der Vertragsunterzeichner und etliche Hühner, die wohl demnächst auf einem Voodoo-Altar geopfert werden.

Der Urenkel des Königs trägt zerschlissene Jeans und ein blütenweißes Teamtrikot von Jürgen Klinsmann, in den frühen 1990ern Fußballstar und später Trainer der deutschen Fußballnationalmannschaft. Erwartet wird eine - spesenpflichtige - Eintragung in das königliche Gästebuch. (Wir sind der erste ausländische Besuch seit vier Monaten.) Seit Papst Johannes Paul II. hier zu Besuch war, für den ein eigener Landesteg und ein Freiluftaltar am Seeufer errichtet wurden, hält sich das internationale Interesse in Grenzen, sagt der Urenkel.

Außer dem Restaurant Alt-München oder der Rue Duisburg erinnert in der Hauptstadt wenig an die Zeit, als die gesamte Elefantenpopulation des Landes wegen des Exportgutes Elfenbein nahezu ausgerottet wurde.

39 Sprachen in Togo!
Schauplatzwechsel. Per Buschtaxi ist Kpalimé, ein Höhenkurort 120 km nördlich von Lomé, recht gut erreichbar, sofern nicht gerade Regenzeit ist: Drei Stunden melodische Gospelmusik und acht Personen für fünf Sitze in einem ältlichen Peugeot, denn die koloniale Bahnverbindung existiert nicht mehr. Dann erscheint eine mächtige Kirche in ländlichem Idyll, zwischen Palmen, Cassava-Feldern und Erdnusshändlerinnen. Der deutsche Friedhof ist verwuchert und zugewachsen und nur zu finden, wenn die Kinder, die mit ihren Ziegen in den Ruinen der alten Kasernen wohnen, die Führung übernehmen. Strom gibt es hier nicht, abends ist er auch in Kpalimé selten. Nur das große Internet-Café neben der Kirche, eine Mischung aus Schulklassenzimmer, Online-Spielsalon und Businessman-Büro, produziert mit einem eigenen Generator lautstark Strom.

Togo ist 550 km lang, aber oft nicht mehr als 50 km breit: Nur wenige Staaten Afrikas haben eine geringere Landesfläche, die sich aber Dutzende ethnischer Gruppen (mit insgesamt 39 Sprachen) teilen. Die Ewe machen etwa 40 Prozent der 6,5 Millionen Einwohner aus: Fast die Hälfte von ihnen ist jünger als 15 Jahre und lebt vorwiegend an der Küste. Offiziell praktiziert knapp die Hälfte der Bevölkerung Naturreligionen, oft vermischt mit christlichen und muslimischen Elementen. Folglich haben die Fetisch-Märkte noch nicht ausgedient, jene Orte, wo Voodoo-Priester Affenschädel, Leopardenschwänze und Kobrahäute als Allheilmittel anpreisen.

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Afrika, Extra

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Dokument erstellt am 2011-07-07 20:02:22
Letzte Änderung am 2011-07-08 14:58:56


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