• vom 05.08.2011, 14:00 Uhr

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Politik

Liebende sind ungerecht




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Von Andreas Walker

  • Das Thema "Gerechtigkeit" beschäftigt nicht nur Politiker und Juristen, sondern auch Philosophen, wie ein Blick auf drei Neuerscheinungen beweist.

Gerechtigkeit ist "eine Göttin, eine Sehnsucht, eine Utopie" (Thomas Macho). - © BilderBox - Erwin Wodicka

Gerechtigkeit ist "eine Göttin, eine Sehnsucht, eine Utopie" (Thomas Macho). © BilderBox - Erwin Wodicka

Ein Gespenst geht um in der Politik: Die Frage nach der gerechten Verteilung von Ressourcen, Zeit und ökonomischen Mitteln. Gerechtigkeit hat insbesondere in der Gesundheitspolitik und Medizinethik Konjunktur, als ginge es darum, eine Schuld zu begleichen. Seit John Rawls’ "A Therory of Justice" (1971) gehört es zum guten Ton ethischer Diskurse, Gerechtigkeit als Endziel gesellschaftlicher Verhältnisse im Blick zu haben. Freilich bleibt ein solches Ziel utopisch. Jüngst hat deshalb der Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften von 1998, Amartya Sen, seine "Idea of Justice" publiziert, um die ideale Theorie von Rawls praktikabler auszuformulieren.


Platon behauptet im "Gorgias", dass es besser wäre, Unrecht zu leiden, denn Unrecht zu tun. Eine Lösung, was Gerechtigkeit sei, legt Platon zwar nicht vor - sie bleibt eine Idee -, aber er vertraut darauf, dass der weise Staatslenker bzw. der Philosoph in der Lage ist, diese Frage in der Praxis zu entscheiden. Aristoteles, dem wir die herrschenden Ansichten über die Gerechtigkeit verdanken, bestimmt im Wesentlichen drei Modi der Gerechtigkeit: Gerecht ist, wer die Gesetze achtet (iustitia legalis), gerecht ist eine proportionale Verteilung der Ressourcen (iustitia distributiva) und ein wechselseitiger Austausch von Vertragspartnern (iustitia commutativa).

Allerdings führt Aristoteles ein äußerst interessantes Moment ein: die Epikie, was mit Billigkeit, Nachsichtigkeit oder "Güte der Gerechtigkeit" übersetzt wurde. Das Gesetz ist allgemein formuliert und weist durch diese Allgemeinheit Lücken auf, da es mithin nicht auf alle Einzelfälle in der Praxis angewandt werden kann. Epikie meint nun die Korrektur des Richters am Gesetz. Ein populäres Beispiel hierfür ist die Entscheidung des 2. Strafsenats des deutschen Bundesgerichtshofes, der am 15. Juni 2010 die Unterscheidungen des Gesetzgebers in aktive und passive Sterbehilfe als zu ungenau bestimmte, da der Behandlungsabbruch durchaus eine aktive Tat sein kann und dennoch straffrei bleiben sollte.

Neben dem Buch von Sen sind in letzter Zeit noch andere Publikationen erschienen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema der Gerechtigkeit befassen.

Der Kulturwissenschafter und Philosoph Thomas Macho nennt sein äußerst lesenswertes Buch "Das Leben ist ungerecht". Es basiert auf der Frühlingsvorlesung 2010 der Reihe "Unruhe bewahren", die u. a. von der Akademie Graz und dem Residenz-Verlag in Graz veranstaltet wird. In der Einleitung kommt Macho ohne Umschweife auf das Elend der Welt zu sprechen: Wohin man auch blickt, überall begegnen den Menschen Katastrophen, Unfälle, Terroranschläge. Die Opfer und Hinterbliebenen der Toten lassen sich nur im Hinblick auf eine Zukunft trösten, dass womöglich ihr Leiden gemindert wird. Dafür gibt es aber keine Garantie. Eine befriedigende Erklärung, warum es ausgerechnet diese Menschen getroffen hat, gibt es auch nicht. Das Leben ist ungerecht.

Eine solche Feststellung ist natürlich trostlos. Substanzieller ist mit der Grund- wie Sinnlosigkeit der Unglücks- und Todesfälle eine Kritik an Gerechtigkeitstheorien formuliert, dass sie "zumeist die Grenzen ignorieren" müssen, "die dem einzelnen Leben gezogen sind." Darin eben seien Gerechtigkeitstheorien ungerecht. Hintergrund von Machos Argumentation ist folglich die Sterblichkeit des Einzelnen, dessen Todeszeitpunkt bei aller Planbarkeit menschlichen Lebens unbestimmt bleibt. Gerechtigkeit und Sterblichkeit bilden somit einen Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt, es sei denn durch ein jenseitiges Weltgericht. Zwar gesteht Macho zu, dass es sinnvoll sei, "zwischen politischer, sozialer, ökonomischer, juristischer und existentieller Gerechtigkeit zu unterscheiden", aber "Gerechtigkeit ist keine Tabelle und kein Rechenexempel - sondern eine Göttin, eine Sehnsucht, eine Utopie."

Wo sind die Grenzen?
In der ersten der drei Vorlesungen wird der Frage nachgegangen, was die Grenzen der Gerechtigkeit sind. Bereits der Satz "alle Menschen sind gleich", so führt Macho aus, kollidiere beständig mit der Wirklichkeit. Er macht dies an zwei Sterblichkeitsauffassungen fest. Die eine begreift Sterblichkeit als Lebenserwartung, die sich tatsächlich verrechnen lasse, die andere begreift Sterblichkeit als Existenzial. "Sterblichkeit als Existenzial und die programmatische Durchsetzung sozialer Gerechtigkeit stehen in so radikaler Opposition zueinander, dass alle Kulturen geradezu als Laboratorien betrachtet werden können, in denen an der möglichen Überwindung dieser Opposition gearbeitet wird." Die existenzielle Erfahrung der Sterblichkeit kennt keine ausgleichende Gerechtigkeit, es sei denn post mortem. Konsequent wendet sich Macho im zweiten Vortrag der Theodizee und Pascal zu.

In der Theodizee bedarf angesichts des Schrecklichen nicht der rächende Gott einer Rechtfertigung, sondern der "gütige und barmherzige" Gott. Doch auch existenziell sind "Liebende fast immer ungerecht." Aber, so stellt Macho die Frage mit Bezug auf Camus’ Theaterstück "Die Gerechten", besteht nicht genau darin eine andere Form der Gerechtigkeit? Sonst hieße es nämlich, die "Gerechtigkeit mehr zu lieben . . . als jeden einzelnen Menschen." Die Spannung zwischen Gerechtigkeit und Liebe wird offen gehalten. Die letzte Vorlesung ist folgerichtig eine Meditation über die Apokalypse und die Möglichkeit eines Morgen.

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Schlagwörter

Politik, Philosophie, Extra

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-08-04 19:11:10
Letzte Änderung am 2011-08-05 13:45:06


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