• vom 26.08.2011, 14:00 Uhr

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Städtebauliches Strohfeuer




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Von Reinhard Seiß

  • Vor zehn Jahren wurde die Gasometer City mit großem medialem Getöse eröffnet - heute zeigt sich das Prestigeobjekt von Wiens zeitgenössischer Baukultur allerdings in trauriger Verfassung.

Leere Geschäftslokale in der Gasometer-Shopping Mall. - © Foto: Seiß / URBAN+

Leere Geschäftslokale in der Gasometer-Shopping Mall. © Foto: Seiß / URBAN+

Gasometer, City Town Town, Marximum - ein neues Großprojekt reiht sich am East End von Wien ans nächste, sodass man vor lauter Cities, Towns und Centers den Eindruck gewinnen könnte, die einstige Peripherie zwischen Erdberg und Simmering hätte sich in einen der pulsierendsten Orte Wiens verwandelt.

Die Gasometer mit den neuen Nachbarhäusern.

Die Gasometer mit den neuen Nachbarhäusern.© Foto: Seiß / URBAN+ Die Gasometer mit den neuen Nachbarhäusern.© Foto: Seiß / URBAN+

Dies hatte das Rathaus auch versprochen, als Ende der 1990er Jahre die U-Bahn-Linie 3 in den 11. Bezirk verlängert und dabei ein bis dahin abgelegenes Stück Vorstadt durchquert und somit hochwertig erschlossen worden war. Die spröde Mischung von gesichtslosen Gewerbehallen, aber auch Relikten der gründerzeitlichen Industrialisierung, von stark emittierenden Abfall- und Transportunternehmen nebst alten Gärtnereien und nicht zuletzt von großmaßstäblichen Verkehrsanlagen wie der Ostautobahn, der Wiener Südosttangente in Hochlage sowie zweier raumgreifender Autobahnkleeblätter sollte sich zu einem attraktiven Stadtteil zum Wohnen, Arbeiten und Erholen entwickeln - und der Umbau der vier funktionslos gewordenen Gasometer sozusagen als Initialzündung dafür fungieren.


Dementsprechend aufwändig wurde dann auch das Eröffnungsfest mit 130.000 Schaulustigen Ende August 2001 inszeniert, das nicht nur der kommunalpolitischen Spitze in Person von Bürgermeister Michael Häupl und seinem damaligen Wohnbaustadtrat Werner Faymann ein Bad in der Menge ermöglichte, sondern durch den damaligen SP-Bundesparteiobmann Alfred Gusenbauer sowie "Krone"-Herausgeber Hans Dichand quasi zum Staatsakt geriet. Die Festredner dankten allerdings nicht den Steuerzahlern, die durch ihre U-Bahn- und Wohnbauförderungsabgaben das ohne massive Subventionen nicht realisierbare Projekt finanziert hatten, sondern streuten sich selbst und Österreichs einflussreichstem Medienmacher Rosen.

PR-Kampagnen
Denn dass die 615 Wohnungen, die man in die 72 Meter hohen, backsteinernen Industriedenkmäler implantierte, von Beginn an so gut wie alle vergeben waren, dass die 22.000 Quadratmeter große Shopping Mall, die sich auf 450 Metern durch die vier Gasometer zieht, restlos vermietet war, war weniger dem Standort oder der Kreativität der vier für den Umbau engagierten Star-Architekten zu verdanken, als einer bis dahin beispiellosen, mehrjährigen PR-Kampagne. Von den ORF-Hauptnachrichten über sämtliche Wiener Tageszeitungen bis hin zu den Publikationen des Rathauses und ihm nahe stehenden Institutionen - alle relevanten Medien berichteten über die Sensation, dass in den alten Gasbehältern eine kleine Stadt in der Stadt entstand. Angeführt wurde der Medienrummel von der "Kronen Zeitung", die den Gasometern zwei Sonderausgaben der Wochenendbeilage "Krone Bunt" widmete.

Eine seriöse Auseinandersetzung mit der zu erwartenden Wohn- und Wohnumfeldqualität fand dabei nicht statt: Gezeigt wurden eindrucksvolle Ansichten der denkmalgeschützten Gemäuer, ein stolzer Wohnbaustadtrat oder der Fernblick von einer der vier Kuppeln. Dass viele Wohnungen dem Lärm der nahen Autobahnen ausgesetzt sind, dass für 1500 Bewohner lediglich ein Spielplatz - und bei drei der vier Gasometer keinerlei Freiflächen zur Verfügung stehen, wurde hingegen verschwiegen beziehungsweise schön geredet: durch Verweise auf die hervorragende Verkehrsanbindung - "Krone Bunt": "Die Stadtautobahn führt bis vor die Tür" - ebenso wie durch Betonung der Nähe zum Prater, der Erholung suchenden Gasometer-Citoyens allerdings die Durchquerung des Gewerbegebiets Erdberger Mais, sowie die Überwindung einer U-Bahn-Remise, der Erdberger Lände und der Flughafenautobahn abverlangt.

Dafür riss die "mediale Betreuung" der Gasometer City auch nach deren Inbetriebnahme nicht ab. Als etwa im Jahr 2003 eine sozialwissenschaftliche Studie im Auftrag der Wiener Stadtplanung die Wohnzufriedenheit in den größeren Wohnanlagen Wiens untersuchte und dabei drei Großsiedlungen des Wohnbauveteranen Harry Glück aus den 1970er und 80er Jahren klar vor den Prestigeprojekten der Ära Faymann sah, versorgte das Wohnbauressort die Medien mit alternativen Studien.

"Alle lieben die Gasometer City" und "Bewohner der Gasometer sind zufrieden" betitelten "Kronen Zeitung" und "Kurier" im selben Jahr ihre ganzseitigen Artikel über eine Untersuchung der Wohnzufriedenheit im Vorzeigewohnbau des Stadtrats. Dass die Analyse von dessen Büro selbst in Auftrag gegeben und von einer Management-Consulting-Firma anstatt von Wohnbauforschern erstellt worden war, fand man dabei nicht einmal wert zu verschleiern.

Auch die Shopping Mall in der Gasometer City erhielt noch länger medialen Rückenwind. "Einkaufszentrum, Kino, Konzerte machen Gasometer zu Wohntraum", überschrieb der "Kurier" eine ganzseitige Eloge im Mai 2004. "Mehrheit der Bewohner ist mit Angebot zufrieden", behauptet der Artikel unter Verweis auf eine - nicht näher genannte - "aktuelle Studie". Dass PR allein fehlende Lagegunst nicht aufzuwiegen vermag, hatte sich jedoch bereits abgezeichnet, als erste Geschäfte nur wenige Monate nach Eröffnung des Einkaufszentrums wieder schlossen. Bis zum Sommer 2006 verließ ein gutes Dutzend Händler - meist aus der oberen Preiskategorie - den Standort.

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Schlagwörter

Extra, Städtebau, Wien

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Dokument erstellt am 2011-08-25 21:18:09
Letzte Änderung am 2011-08-26 13:35:56


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