• vom 09.03.2012, 13:30 Uhr

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Putz- oder Wundermittel?




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Von Stefanie Holzer

  • Von der Hausreinigung bis zur Wundbehandlung: "Effektive Mikroorganismen" (EM), die von Japan aus über die Welt kamen, sollen für nahezu alles gut sein - ein Erfahrungsbericht.

Cartoon: Wolfgang Ammer

Cartoon: Wolfgang Ammer© Ammer Cartoon: Wolfgang Ammer© Ammer

"Ja, hast du denn die Effektiven nicht?" fragte der Holzhändler mitleidig meine verdutzte Schulfreundin, als sie ihn gebeten hatte, ihr das Holz in den Schuppen zu tragen, weil sie an einem heftigen grippalen Infekt laborierte. Die "Effektiven", wurde sie aufgeklärt, sind Bakterien, die das Immunsystem stärken. Seit der Holzhändler täglich in der Früh ein Stamperl "Effektive Mikroorganismen" trinke, sei er pumperlgesund.

Mir waren die "Effektiven" ein halbes Jahr früher unter dem mysteriösen Kürzel "EM" vorgestellt worden. Der Freund meines siebenjährigen Sohnes hatte trotz eifrigen Zähneputzens die Schneidezähne schwarz vor Karies. In ihrer Verzweiflung war die Mutter, eine Allgemeinmedizinerin, auf eine besondere Zahncreme mit Mikroorganismen aufmerksam geworden. Sie erzählte so angeregt davon, dass ich nicht nur Zahnpasta, sondern auch noch eine Flasche mit Putzmittel auf derselben Basis erstand.


Neue Bakteriensicht
Effektive Mikroorganismen sind im Wesentlichen Milchsäure-, Hefe- und Photosynthesebakterien. Als ich die erste Flasche öffnete, war mir nicht ganz wohl. Ängstlich, wie der moderne Mensch nun einmal ist, befürchtete ich, der Inhalt dieser als Flasche getarnten Büchse der Pandora könnte sich, einmal freigelassen, selbständig machen und dann unkontrollierbare Reaktionen auslösen. Denn die von uns allen verinnerlichte Putzideologie geht davon aus, dass beim Putzen möglichst viele Bakterien zu beseitigen sind. Tatsächlich lassen sie sich, wenn überhaupt, nur kurzfristig durch Putzen entfernen. Meist sind sie bald wieder da. Von diesem Wissen dahin zu gelangen, Bakterien zu kaufen und sie in der Wohnung zu verteilen, ist ein großer Schritt.

Ich nahm eine Verschlusskappe der dunkelbraunen Flüssigkeit, verdünnte sie, der Gebrauchsanweisung folgend, mit einem Dreiviertelliter Wasser und sprühte sie dort auf, wo ich putzen wollte. Das Ganze schäumte nicht, es roch nicht nach parfümierter Henkel&Procter&Gamble-Sauberkeit, sondern im Grundton säuerlich mit einer geringfügigen Lavendelüberlagerung. Am Ende des Experiments waren Küche, Bad, Boden und Fenster einwandfrei sauber.

Ich mag es, wenn Sauberkeit keinen Geruch hat. Deshalb besorgte ich mir auch ein Fläschchen zum Geschirrreinigen: In der Abwasch arbeiteten "die Effektiven" wunderbar. Bei Lasagne-Krusten und ähnlichen Härtetests - so merkten wir bald - war Einweichen das Geheimnis des Erfolgs. Dass es gar keinen Schaum gab, war anfangs störend. Schaum schien mir zum Fettlösen unabdingbar. Schaum, zeigten mir die EM, ist aber bloß Theaterdonner. Die EM schaffen Fett auch ohne derartiges Getöse. Auch in der Spülmaschine siegten sie über Fett und angetrocknete Speisereste. Allein die Ränder von Tee und Kaffee in den Tassen leisteten erfolgreich Widerstand.

Ein paar Monate später war ich wieder einmal im damals einzigen Geschäft in Innsbruck, das EM-Produkte führte, und beobachtete zwei Frauen beim Einkauf. Die etwa 15-jährige Tochter der einen maulte, sie wolle nun auf der Stelle wissen, wozu dieses merkwürdige Zeug gut sei. Was es bewirke? Und ob sich die Mama, inquirierte der jugendlich kritische Geist, schon einmal gefragt habe, ob das alles nicht Humbug sei? Ob sie sich nicht Geld aus der Tasche ziehen lasse? Allen in Hörweite war klar, dass dieses Geld besser für die Tochter ausgegeben werden sollte.

Die Damen bemerkten mich und schwiegen auf der Stelle. Ich fasste mir ein Herz und unterstützte die Forderung der Tochter und bat um Rat und Aufklärung. Da atmete eine der Damen tief ein und hob mit ihrem Vortrag an. "Die Effektiven" seien vielfältig anwendbar, zum Putzen, aber auch zur Verbesserung des Raumklimas; seit sie sprühe, streite ihr Arbeitskollege nicht mehr mit ihr.

Die Mikroorganismen bekämpften außerdem Schimmel, und sie selbst trinke eine Verschlusskappe voll in einem großen Wasserkrug verdünnt über den Tag hinweg. Das unterstütze die Verdauung und stärke die Immunabwehr. Außerdem lege sie ein paar Pipes ins Trinkwasser - und seither sei das Leben insgesamt angenehmer. Und sie mache das alles mit ein und derselben EM-Variante, nämlich EMa klar, die als Lufterfrischer im Handel erhältlich ist.

Erfolge im Gartenbau
Mir ging das zu schnell. "Da", sagte sie, "hier ist das Buch. Lesen Sie es, dann wissen Sie alles Nötige." Meine Ratgeberin ging davon und ich hielt ein Taschenbuch von Franz Peter Mau in Händen, dessen Titel mir "Fantastische Erfolge mit Effektiven Mikroorganismen in Haus und Garten, für Pflanzenwachstum und Gesundheit" verhieß. Die Lektüre gestaltete sich in den Tagen danach so, dass ich mehrmals laut auflachte: Die EM helfen beim Putzen, beim Entrosten von Schrauben und bei der Heilung schwerer Krankheiten. Die Welt der Bakterien, las ich, ist bis dato weitgehend unerforscht. Grob lassen sich Mikroorganismen in drei Gruppen einteilen: a) Fäulnis- und Schimmelbeförderer, b) Fäulnis- und Schimmelverhinderer und c) die große Gruppe der Opportunisten, die mitlaufen, wenn die einen oder die anderen das Sagen haben. Unter dem Kürzel EM versammeln sich Mikroorganismen der Gruppe b. Sie bringt man aus, damit die überall vorhandene Gruppe c sich dem Menschen als nützlich erweist.

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Schlagwörter

Extra, Bakterien, Effektiven

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Dokument erstellt am 2012-03-08 17:44:08
Letzte Änderung am 2012-03-09 12:38:27


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