• vom 11.05.2012, 14:00 Uhr

Vermessungen

Update: 14.08.2012, 14:13 Uhr

Literatur

Von der Idylle in die Hölle




  • Artikel
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Wolfgang Ludwig

  • Vor hundert Jahren, am 14. Mai 1912, starb der Schriftsteller August Strindberg, der einige Jahre eine enge, wenn auch unerquickliche Beziehung zu Österreich und einer Österreicherin hatte.

Strindberg, Schattenriss.

Strindberg, Schattenriss.© Abb: Archiv Strindberg, Schattenriss.© Abb: Archiv

Berlin, nach 1890: Das Lokal "Zum schwarzen Ferkel" hatte mit der Adresse Ecke Unter den Linden/Wilhelmstraße zwar eine tolle Lage inmitten der Stadt, trotzdem hätte ein Normalbürger seinen Fuß niemals dort hineingesetzt. Denn drinnen gab es angeblich neunhundert Schnapssorten (!) und Menschen, von denen der brave Bürger nur hinter vorgehaltener Hand sprach: Meist waren es Ausländer, Künstler und Frauen, die alleine in die Schnapsbude gingen! Etwa der polnische Literat Stanislaw Feliks Przybyszewski, der mit einer Frau unverheiratet zusammenlebte und mit ihr zwei Kinder hatte. Weiters eine gewisse Dagny Juel aus Norwegen, auch Autorin, die Przybyszewski heiratete, der jedoch gleichzeitig mit seiner Ex ein weiteres Kind hatte. Edvard Munch und August Strindberg, die beide Affären mit der attraktiven Dagny hatten, verkehrten ebenfalls dort - und auch eine sehr junge Österreicherin: Frida Uhl, Tochter des Chefredakteurs der "Wiener Zeitung".

Kritik an Schweden
August Strindberg wurde am 22. Jänner 1849 in Stockholm geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter kam es zu Hause zu starken Spannungen wegen der neuerlichen Heirat des Vaters mit der jungen Erzieherin seiner Kinder. Beruflich erging es dem Vater, der eine Schiffsagentur besaß, sehr wechselhaft. Nach einem abgebrochenen Medizinstudium gelang dem jungen Strindberg in Schweden ein erster literarischer Erfolg mit dem Roman "Röda rummet" ("Das rote Zimmer", 1879), in dem er sich kritisch mit dem gesellschaftlichen Leben in seiner Heimat auseinandersetzte.


Da in weiteren Werken seine Kritik an Schweden immer heftiger wurde, sah er sich genötigt, 1883 mit seiner damaligen Frau, der Schauspielerin Siri von Essen und drei Kindern Schweden Richtung Frankreich zu verlassen, um den ständigen Anfeindungen der Presse und der Mitbürger zu entgehen. 1884 kam es in Stockholm wegen seiner kritischen Aussagen über die Konfirmation sogar zu einem Gotteslästerungsprozess. Strindberg wurde zwar frei- gesprochen, blieb aber vorsichtshalber im Ausland. Denn er war mit weiteren Werken ("Der Vater", 1887 und "Fräulein Julie, 1889) in (Rest-)Europa inzwischen beliebter als in Schweden. 1891 erfolgte die Scheidung von Siri von Essen.

Information

Literatur zum Thema:

Friedrich Buchmayer: Madame Strindberg oder die Faszination der Boheme. Residenz, Salzburg 2011.
Friedrich Buchmayer: Wenn nein, nein! August Strindberg und Frida Uhl. Briefwechsel. Bibliothek der Provinz, Linz, Wels 1993.
Dietmar Grieser: Nachsommertraum. Residenz, Salzburg 2003.
Monica Strauss: Cruel Banquet. The Life and Loves of Frida Strindberg. Harcourt, New York 2000.

Eine künstlerische Krise, mangelnde Selbstvermarktung und Zahlungen an die Kinder brachten Strindberg in massive finanzielle und psychische Probleme. Auf Einladung von Freunden zog er 1892 nach Berlin und lernte bald das Lokal "Zum schwarzen Ferkel" kennen, wo alles noch schlimmer wurde.

Frida Uhl, die 1872 geborene Wienerin, hatte es auf den ersten Blick leichter. Ihr Vater steckte sie in ein teures Internat nach London; sie sprach perfekt Englisch und Französisch und blieb nach der Matura in London. Später ging sie nach Berlin, wo sie Theaterkritiken für die "Wiener Zeitung" verfasste und sich damit Taschengeld verdiente; für den Rest kam Vater Uhl auf, der seine Töchter - wohl als Entschädigung dafür, dass er sich von seiner Frau Maria getrennt und die Kinder immer in Internate abgeschoben hatte - finanziell großzügig behandelte.

Auch Frida Uhl, eine Bewunderin Strindbergs, lernte bald das dubiose Schnapslokal und somit den Künstler, der fast täglich dort verkehrte, kennen. Bemerkenswert war Fridas Doppelleben: Ihre Theater- und Literaturkritiken waren, entsprechend den Anforderungen der damaligen "Wiener Zeitung", konservativ gehalten, während sie persönlich das Leben der Avantgarde und Boheme führte. Frida bewunderte Strindberg und versuchte ihr Idol, das sich im täglichen Leben kaum zurechtfand und nie Geld hatte, durch ihre Kontakte zur Theaterwelt zu fördern.

Strindberg, nach außen hin Künstler und Bürgerschreck, war ein zutiefst konservativer Patriarch. Bereits in den ersten Tagen des Zusammenseins mit Frida kam es zu einem heftigen Streit, als seine dreiundzwanzig Jahre jüngere Begleiterin heimlich eine Restaurantrechnung bezahlte, während er kurz den Tisch verließ. Auch der erste Kuss ging von Frida aus, was Strindberg in dem 1898 erschienenen Stück "Nach Damaskus" zusammen mit anderen Details aus der Beziehung thematisierte.

Heirat in aller Eile
Durch eine Indiskretion Hermann Bahrs, der ebenfalls in Berlin weilte und von der ungleichen Liaison durch unvorsichtiges Geschwätz von Strindberg selbst etwas mitbekommen hatte, entstand bald auch in Wien Gerede, und Vater Uhl forderte seine Tochter ultimativ auf, die Beziehung zu beenden - oder zu heiraten. Frida und August Strindberg entschieden sich für die Heirat, die in aller Eile im Mai 1893 auf Helgoland organisiert wurde, wo nach anglikanischem Recht auch Geschiedene getraut werden konnten. Was in der kurzen Ehe folgte, übertraf die Schilderungen des schrecklichen Familienlebens in dem sechs Jahre zuvor herausgekommenen naturalistischen Stück "Der Vater" bei weitem.

Beim Trauungsakt musste Frida noch laut lachen, als August dem Geistlichen eine unsinnige Antwort gab; in der Hochzeitsnacht verging ihr das Lachen, als ihr Angetrauter, aus einem wilden Traum erwacht, sie zu erwürgen versuchte. Es folgten dennoch einige sorglose Tage auf Helgoland, bis Frida beschloss, nach London zu fahren, um einige Theatermacher in Angelegenheiten ihres Mannes zu treffen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Schlagwörter

Literatur, Autoren, Extra

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-05-10 18:12:39
Letzte Änderung am 2012-08-14 14:13:42


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Elitärer Kosmopolitismus
  2. Hinein ins Lego-versum!
  3. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  4. Ein Haus voll Bücher
  5. Google im Taschenbuchformat
Meistkommentiert
  1. Rudolf Burger: "Ich weiß schlicht keine Antwort"
  2. Google im Taschenbuchformat
  3. Freiwillig in die Einsamkeit

Werbung




Werbung