• vom 20.07.2012, 16:30 Uhr

Vermessungen

Update: 23.07.2012, 11:48 Uhr

Terrorismus

"Ich hätte alles ändern können"




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Nagl

  • 40 Jahre nach dem Attentat bei den Olympischen Spielen 1972 sind überlebende israelische Sportler nach München zurückgekehrt - und erinnern sich an die traumatischen Ereignisse von damals.

40 Jahre können eine Ewigkeit sein. 40 Jahre können aber auch eine Kleinigkeit sein. "Jedes Mal, wenn ich hierher komme, bin ich für einige Sekunden erstaunt. Weil ich nicht genau weiß, ob ich es wieder erleben werde", sagt Gad Tsabary. Er nahm 1972 in München für Israel als Ringer an den Olympischen Sommerspielen teil. Es waren Spiele, die vor allem aufgrund des Terrorakts in Erinnerung blieben.

Die Überlebenden von damals gedenken ihrer toten Kollegen auf dem Olympiagelände.

Die Überlebenden von damals gedenken ihrer toten Kollegen auf dem Olympiagelände.© Foto Gert Krautbauer für THE BIOGRAPHY CHANNEL Die Überlebenden von damals gedenken ihrer toten Kollegen auf dem Olympiagelände.© Foto Gert Krautbauer für THE BIOGRAPHY CHANNEL

Tsabary erlebte die Ereignisse, bei denen elf israelische Sportler von palästinensischen Terroristen als Geiseln genommen wurden, am eigenen Leib mit. Bevor er die damaligen Geschehnisse rekons-truiert, sagt er: "Vielleicht muss ich eine Pause machen." Tsabary schafft es schließlich ohne Pause. Doch dass die Ereignisse von vor knapp 40 Jahren in ihm noch lebendig sind, kann er nicht verleugnen. Er zählt zu jener Gruppe israelischer Athleten, denen die Flucht gelang und die das Attentat überlebten.


Zehn Tage liefen die Olympischen Sommerspiele 1972 in München schon, als am 5. September jene Attacke die Sportwelt für immer veränderte. Bis dahin waren die Spiele ein fröhliches, farbenfrohes Fest im strahlenden bayrischen Spätsommer gewesen. Wie von den Organisatoren erhofft, stand die Veranstaltung in klarem Kontrast zu den bis dahin letzten Olympischen Spielen auf deutschem Boden, den von Adolf Hitler für Propaganda-Zwecke missbrauchten Spielen von Berlin 1936.

Kaum Sicherheitskräfte
Auch für Israel waren es besondere Spiele. Die Delegation der israelischen Sportler war sich der Dimension ihres Auftritts durchaus bewusst. Dan Alon, 1972 als Fechter im israelischen Team und ebenfalls ein Überlebender des Attentats, erinnert sich: "Wir kamen hierher, um den Deutschen zu zeigen, dass wir am Leben sind. Israelische Athleten kamen nach Deutschland zurück. Nach dem Holocaust war es das erste Mal, dass israelische Athleten in Deutschland waren."

Generalstabsmäßige Sicherheitsvorkehrungen waren der Sportwelt damals generell fremd. Anders als heute gab es in den 70er Jahren bei Sportereignissen keine Großeinsätze schwer bewaffneter Polizeieinheiten und Einsatzpläne zur Terrorabwehr, wie das auch in den kommenden Wochen bei den Sommerspielen in London der Fall sein wird. Dass München die Sicherheitskräfte derart offensiv im Hintergrund hielt, hatte wohl auch mit der speziellen gemeinsamen Geschichte Deutschlands und Olympias zu tun. Es war angesichts der Tatsache, dass in Deutschland erst wenige Monate zuvor die Führungsriege der terroristischen Roten Armee Fraktion (RAF) verhaftet worden war, aber umso bemerkenswerter.

Einen Eindruck von den Sicherheitsvorkehrungen bei den Spielen geben die Mitglieder der damaligen israelischen Olympia-Mannschaft. "Wir hatten Akkreditierungen, aber ich habe meine nie benutzt. Es reichte aus, einen Trainingsanzug anzuhaben, um in die Wettkampfstätten zu kommen", erzählt Shaul Ladany, in München als Geher am Start. Der Sportschütze Zelig Shtorch ergänzt: "Ich bin mit meiner Waffe ins Olympische Dorf gegangen, ohne zu wissen, dass es verboten ist. Ich wollte sie putzen und habe sie ganz naiv in einer großen Box mitgehabt."

Information

TV-Hinweise:

"Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972" läuft am 21. Juli um 20 Uhr auf Biography Channel.
ARD zeigt das Doku-Drama "Vom Traum zum Terror - München 72" am 22. Juli, 21.45 Uhr.

Dieses Umfeld ermöglichte den Terroristen, problemlos ins Olympische Dorf zu spazieren, und elf Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln zu nehmen, von denen zwei bereits bei der Geiselnahme ermordet wurden.

Ziel des Terrorkommandos war die Befreiung von 232 palästinensischen Häftlingen in Israel sowie internationalen Terroristen, darunter Mitglieder der RAF. Bei der gescheiterten Befreiungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck, von wo aus sich die Terroristen mit den Geiseln nach Ägypten ausfliegen lassen wollten, wurden schließlich die restlichen Geiseln, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist getötet.

Neonazis beteiligt
Wenige Wochen vor dem 40. Jahrestag und nur ein paar Tage vor Beginn der 30. Olympischen Sommerspiele in London geraten die Ereignisse wieder in den medialen Fokus. Vor einigen Wochen berichtete das deutsche Nachrichtenmagazin "Spiegel" über die Verwicklung deutscher Neonazis in die Organisation des Attentats. Der Drahtzieher des Münchner Attentats hatte sich im Vorfeld mit einem behördlich beobachteten deutschen Neonazi getroffen, zitiert das Magazin aus Akten des deutschen Verfassungsschutzes. Und auch österreichische Neonazis sollen beteiligt gewesen sein, berichtet das Magazin "Profil".

Kurz vor den Spielen in London bekommt auch Ankie Spitzer, die Witwe des in München ermordeten Trainers Andrei Spitzer, wieder mediale Aufmerksamkeit. Sie kämpft seit 40 Jahren beim IOC vergeblich um eine Gedenkminute für die 1972 ermordeten Sportler bei Olympischen Spielen. Auch in London wird es im Zuge der Eröffnungsfeier trotz des runden Jahrestages keine Trauerminute geben. Auch filmisch wurde das Attentat rund um den 40. Jahrestag am 5. September neu bearbeitet. Das ZDF strahlte mit "München 72 - Das Attentat" einen eigens produzierten Spielfilm aus. Der Pay-TV-Sender "The Biography Channel" produzierte eine Dokumentation, die erstmals die Überlebenden des damaligen Attentats ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2012-07-19 16:51:10
Letzte Änderung am 2012-07-23 11:48:34


Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Rationalität gegen Reizüberflutung
  2. Das große Reinemachen
  3. Worin Stephan Schulmeister irrt
  4. "Ein wenig Blödeln hilft immer"
  5. Waren, die an Wert gewinnen
Meistkommentiert
  1. Endlose Gier
  2. Waren, die an Wert gewinnen
  3. Worin Stephan Schulmeister irrt
  4. Das große Reinemachen

Werbung




Werbung